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TIERE Kolosse im Wahn

In einem südafrikanischen Nationalpark laufen die Elefanten Amok: Junge Bullen randalieren gegen Touristen, vergewaltigen und töten Nashörner.
aus DER SPIEGEL 2/1997

Das Opfer war bestialisch verstümmelt: die Knochen zersplittert, die Flanke aufgerissen, der Leib durchbohrt. Dampfendes Gedärm quoll in blutgetränktes Savannengras.

Hatten Wilderer das Weiße Rhinozeros abgeschlachtet? Dagegen sprach, daß die wertvollen Hörner nicht abgesägt waren. Aber wer war dann der Mörder?

Als die Ranger vom Pilanesberg-Nationalpark in Südafrika die Pfählungsverletzungen am Kadaver genauer inspizierten, verflogen Zweifel über Tatwaffe und Täter. Nur Stoßzähne, ins Fleisch getrieben von einem tonnenschweren Koloß, können ein wehrhaftes Nashorn in solches Hackfleisch verwandeln.

In Pilanesberg, einem Wildpark 250 Kilometer nordwestlich von Johannesburg, sind die Elefanten verrückt geworden. Wie im Blutrausch töten sie seit drei Jahren die vom Aussterben bedrohten Weißen Nashörner. Als sammelten sie Trophäen, haben sie bereits 19 Rhinos umgelegt - ein Fiasko, denn in ganz Afrika leben von dieser Nashorn-Art nur noch 6800 Exemplare.

Begleitet wird die Mordgier der Pachydermen von Pilanesberg von perversen Sexgelüsten, die unter Elefanten sonst völlig unüblich sind. Immer wieder ertappen die Ranger junge Bullen im Busch bei widernatürlichem Geschlechtsverkehr. Trotz des anatomisch bedingten Mißerfolges bei der Kopulation versuchen einige Männchen immer aufs neue, weibliche Nashörner zu begatten.

Des Nashornmißbrauchs verdächtig ist etwa »Jace«, den Gus van Dyk von der Parkverwaltung jetzt unter scharfe Beobachtung gestellt hat. Wildhüter haben den Jungbullen mit der markanten Kerbe im rechten Ohr erwischt, wie er auf suspekte Art seinen Rüssel auf dem Rücken eines Rhinozerosses ruhen ließ.

»Jace« ist kein Kosename, sondern die Abkürzung für »just another confused elephant« - und davon hat van Dyk so viele, daß Parkbesucher um Leib und Leben fürchten müssen.

Vor drei Jahren griff ein Elefant in Pilanesberg das Auto eines Touristen an. Der Tierfreund flüchtete aus seinem völlig demolierten Wagen und starb wenig später unter den trampelnden Füßen seines mehr als sechs Tonnen schweren Verfolgers.

Im Juli vergangenen Jahres attackierte ein Jungbulle eine Gruppe von Fototouristen. Bei der Parkleitung war das Tier bereits als Randalierer aktenkundig. Sein Führungszeugnis bekundete in nur zwei Monaten drei Angriffe auf Touristen sowie drei Übergriffe auf Nashörner.

Für den nächsten Tag bestellte der Park einen Berufsjäger. Doch dessen Kugel traf nur fast perfekt: Der sterbende Bulle trampelte mit der Urgewalt seiner letzten Sekunden auch seinen Bezwinger ins Jenseits.

Was steckt hinter dem unheimlichen Elefanten-Wahn? Nirgendwo sonst sind Dickhäuter als sodomitische Killermaschinen aufgefallen, warum in Pilanesberg? Nach langem Rätselraten glaubt jetzt die Rhino and Elephant Foundation (REF) in Johannesburg zu wissen, was die Tiere um den Verstand gebracht hat: Sie töten, weil ihre Sippen getötet wurden.

Alle delinquenten Jungbullen stammen aus dem Krüger-Nationalpark. Als sie klein waren, wurden ihre Sippen Opfer des »Culling« - der Bestandskontrolle mit dem Gewehr.

Als einzige Überlebende ihrer Familienverbände wurden einige junge Elefanten in Pilanesberg ausgesetzt. Sie wuchsen heran als Vollwaisen und entgingen so den Verhaltenslektionen, die anderen Elefanten von der Herde der Muttertiere von Anfang an eingebleut werden.

Mit der Geschlechtsreife im Alter von rund 15 Jahren kommen die männlichen Tiere in die »Musth«, eine Phase starken Geschlechtstriebs und eruptiver Aggressivität. In dieser Zeit verlassen die pubertierenden Bullen normalerweise die Muttertiere und ziehen umher mit älteren Männchen, die den Nachwuchs mit ihrer überlegenen Kraft disziplinieren. In Pilanesberg wuchsen die Jungbullen ohne diese Zurechtweisungen auf.

Einige der marodierenden Tiere, sagt Marion Garaï von der REF, haben sich statt dessen von klein auf einer Gruppe von Nashörnern angeschlossen. Der artfremde Umgang habe die Jungbullen sexuell fehlgeprägt. Aus Frust über die unglücklichen Paarungsversuche seien sie zu notorischen Gewalttätern geworden - oder auch aus Rivalität um Territorium, genau blickt niemand in die Dickhäuterpsyche.

Van Dyk fürchtet, daß sein Park nur der erste ist, der asozialen Banden von rhinophilen Jungelefanten anheimfällt. Denn auch andernorts wurden Vollwaisen aus dem Krüger-Park ausgesetzt.

Nun hat van Dyk zwei Muttertiere angesiedelt, die innerhalb weniger Wochen einzelgängerische Kleinelefanten zu einer ganz normalen Herde formierten. Einige ausgewachsene Männchen will er als Erziehungshilfe für die verrohten Musth-Bullen in Kürze nachholen.

Die Pflegeväter sind für die halbstarken Triebverbrecher die letzte Chance, dem Abschuß zu entgehen. »Für manche der jungen Bullen könnte es zu spät sein«, sagt van Dyk, »aber einen Versuch ist es wert.«

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