Zur Ausgabe
Artikel 71 / 83

MEDIZIN Komische Tragik

Die »Chelat-Therapie«, praktiziert mit einem Abkömmling der Essigsäure und 8000 Mark teuer, soll die Verkalkung der Blutgefäße rückgängig machen. Die Behandlung hat Konjunktur - doch wem hilft sie? *
aus DER SPIEGEL 16/1984

Der Dr. med. Claus Martin, leitender Arzt der Privatklinik »Vier Jahreszeiten« in Rottach-Egern, ist, gemessen an seinesgleichen, arm dran. Er verdiene, klagt der Mediziner öffentlich, nur soviel wie ein »Kfz-Meister«, knapp 70 Mark pro Stunde.

Dabei leistet er Großes, Pionierarbeit noch dazu: In seinem Institut versorgt der smarte Doktor eine ständig wachsende Patientenschar mit »Chelat«, einem Abkömmling der Essigsäure. Die Chemikalie, seit 1941 im Handel und andernorts nur bei Bleivergiftungen verordnet, wirkt in Oberbayern wahre Wunder: Chelat bessert, schwört Martin, Herz- und Hirndurchblutung, Nierenfunktion, Kurzatmigkeit, Schüttellähmung, Zuckerkrankheit, chronische Schmerzen, ein unzuverlässiges Gedächtnis und die schwache Potenz.

Frohgemut kündet der Doktor von seinen Taten und ihren Erfolgen. Schon laufen ihm, dessen »Klinik sich als einziges Institut in Europa« seit fünf Jahren mit der praktischen Anwendung dieser Therapie befaßte, die Jünger zu. Eine »Deutsche Gesellschaft für Chelat-Therapie« ist gegründet; am 30. April wollen rund 40 neu geworbene Chelat-Therapeuten zu einer zehntägigen Studienreise nach den USA aufbrechen. Von dort, aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, hat Martin das Verfahren importiert.

»Wie Rohre von Kesselstein gereinigt«, erläutert die Gesellschaft, »so können auch die Adern durch Chelat-Therapie von Kalk- und Cholesterinablagerungen befreit und damit wieder durchgängig und elastisch gemacht werden.« Das Ausputzen hat Martin bisher schon an mehr als 500 Patienten praktiziert, darunter Prominenten wie dem ehemaligen VW-Chef Toni Schmücker.

Der Jungbrunnen funktioniert denkbar einfach: Alle zwei Tage wird dem Patienten ein halber Liter Infusionslösung in die Armvene geträufelt. Die Prozedur dauert vier Stunden. In dieser Zeit empfängt der geduldige Kranke genau 2,5 Gramm des »Ethylendiamintetraacetat« (EDTA), eines Natriumsalzes der Essigsäure, aufgelöst in Wasser.

Vom Rohrputzer EDTA erzählen Martin und seine Freunde Fabeldinge: Es sei zur Behandlung von Arterienverkalkung so »hervorragend geeignet«, weil EDTA »wie mit Klauen« dasjenige Kalzium »umschließt und unschädlich macht«, das im Körper »an falschen

Stellen« abgelagert ist, also in den Adern ("Arteriosklerose").

Weil viel Infusionen viel helfen, wird die Chelat-Therapie gleich zwei Dutzend mal wiederholt. Dafür werden rund 8000 Mark in Rechnung gestellt - eine stolze Summe, denn 20 Halbliter-Flaschen EDTA-Infusionslösung sind in der Apotheke für 310,14 Mark zu haben, inklusive Mehrwertsteuer.

Daß die »Wunderlösung« ("Quick"), von der Chelat-Gesellschaft angepriesen als Therapie der Wahl bei »Raucherbein, Gehirnverkalkung, Ohrensausen und Sehstörungen«, einen Lahmen wieder gehend, den Blinden sehend und den Tauben hörend machen wird, ist freilich auch nach 20 Sitzungen nicht zu erwarten: »Beweise für die Wirksamkeit der Chelat-Therapie gibt es nicht«, urteilt der angesehene Frankfurter Medizinprofessor Martin Kaltenbach.

Vergebens haben auch der »Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer« und die »Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft« nach Belegen gefahndet. »Es besteht allgemein Übereinstimmung«, verlautbarten die Gremien, »daß die Chelat-Therapie nicht als akzeptierte Behandlung arteriosklerotischer Erkrankungen angesehen werden kann.«

In den USA, wo, nach den Angaben der »Deutschen Gesellschaft für Chelat-Therapie« sich »schon über 1000 Ärzte darauf spezialisiert« haben und »rund drei Millionen EDTA-Infusionen« geflossen sein sollen, ist das Präparat von der zuständigen Arzneimittelbehörde für den Kampf gegen die Verkalkung überhaupt nicht zugelassen.

Denn wissenschaftlich bewiesen sind nicht etwa die versprochenen wohltätigen Rohrputzeffekte, sondern nur beträchtliche Nebenwirkungen: Schwindelgefühl,

Übelkeit mit Erbrechen, Durchfälle, Muskelkrämpfe, Fieber, Kopfschmerzen, Harndrang, Hautausschläge und Blutgerigefühl, Übelkeit mit Erbrechen, Durchfälle, Muskelkrämpfe, Fieber, Kopfschmerzen, Harndrang, Hautausschläge und Blutgerinnungsstörungen. Professor Kaltenbach: »Schwerwiegender noch sind Nierenschädigungen mit einer bedrohlichen Einschränkung der Nierenfunktion und dem Verlust von Eiweiß mit dem Urin.« Ganz cool zieht der renommierte US-»Medical letter« - ein unabhängiger Informationsdienst über Arzneitherapie - Bilanz: »Die unerwünschten Wirkungen der Chelat-Therapie mit EDTA können letal sein«, tödlich.

Das Risiko lohnt sich auch deshalb nicht, weil der Entzug von Kalzium und die Zunahme des Blutflusses in einem verengten Gefäß miteinander kaum etwas zu tun haben. Die Minderdurchblutung resultiert nicht in erster Linie aus Kalkablagerungen in den Wänden der Schlagader, sondern aus narbigen Veränderungen der Gefäßwände. Selbst wenn die »spärlichen Kalkeinlagerungen« durch ausdauernde Chelat-Behandlung vermindert werden könnten, so hätte dies, urteilt der Münchner Medizinprofessor Markward Marshall, für den »schicksalhaften Verlauf der Erkrankung keine Bedeutung«.

Allzuviel Kalziumverlust ist zwar ungesund, durch die Chelat-Therapie freilich auch nicht zu befürchten: Pro Infusion können, wie der Direktor des Münchner Instituts für Pharmakologie und Toxikologie, Professor Wolfgang Forth, ausgerechnet hat, »maximal 0,3 Gramm Kalzium ausgeschleust« werden, nicht eben viel. Für die Hoffnung, EDTA suche sich sein Leichtmetall ausgerechnet in den Gefäßwänden und nicht auch aus Knochen, Knorpeln und Zähnen zusammen, gibt es im übrigen keine wissenschaftliche Stütze. Macht aber

nichts: »Ich kann die Erfolge der Chelat-Therapie nur bestätigen«, verkündet Pionier Claus Martin ungeniert. Bald werden weitere Doktoren in den Chor einstimmen. Beim Chelat-Kenner Marshall jedenfalls, der die angebliche »Wunderwaffe« in der »Münchener Medizinischen Wochenschrift« als Form der »Beutelschneiderei« kritisiert hat, melden sich vor allem Leute, die nachfragen, »wie sie Chelat-Therapie selbst betreiben können«.

Diese Reaktion, meint der Professor, entbehre nicht »einer gewissen komischen Tragik«.

Zur Ausgabe
Artikel 71 / 83
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.