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PLANETEN Kosmischer Staubsauger

Sensationelle Schnappschüsse vom Planeten Uranus und seinen bizarren Monden lieferte die US-Raum-Sonde Voyager 2. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Vier Tage bevor die Raumfähre Challenger mit sieben Astronauten in einem Feuerball verglühte, hatten die Nasa-Techniker Grund zum Feiern: Voyager 2, der bislang raffinierteste Weltraum-Roboter, hatte Uranus erreicht, den drittfernsten Planeten des Sonnensystems.

Am Freitag vorletzter Woche, gegen 17 Uhr MEZ, war der stachlige Himmelsspäher über die blaugrüne Gashülle des Gestirns hinweggerast. Seither hat er eine Fülle von Schnappschüssen und Meßdaten zur Erde gefunkt - eine Glanzleistung, mit der die Nasa-Experten für unbemannte Raumfahrt ursprünglich kaum gerechnet hatten.

Dem tüchtigen Voyager, gestartet vor nunmehr achteinhalb Jahren, hatten die Fachleute seinerzeit eine Lebensdauer von vier, fünf Jahren zugetraut. Doch die offenbar unverwüstliche Raumsonde, die zuvor schon die Planeten Jupiter und Saturn observiert und dabei gefährliche Asteroiden-Felder heil durchquert hatte, marschierte immer tiefer ins All.

Um ganze 69 Sekunden zu früh, überdies punktgenau im anvisierten Flugkorridor, passierte sie jetzt Uranus. Bis auf 81000 Kilometer näherte sich der 18 Zentner schwere Roboter der Uranus-Oberfläche. Mit 53000 Stundenkilometern Reisegeschwindigkeit kreuzte er das kosmische Umfeld des Uranus und seiner Monde. Schon die Bilder und Daten, die bis Mitte letzter Woche ausgewertet werden konnten, so erklärte Edward C. Stone, wissenschaftlicher Leiter des Voyager-Programms, glichen »einem Crescendo der Entdeckungen«.

Voyager porträtierte eine Welt, die, so Physiker Stone, »anders als alles ist, was wir im Sonnensystem kennen": *___Am sonnenzugewandten Nordpol - alle anderen Planeten ____wenden den Äquator der Sonne zu - verdunkeln rotbraune, ____smogähnliche Flecken die blaugrüne Atmosphäre. Stürme ____von 350 Stundenkilometern Geschwindig keit peitschen ____orangefarbene Wolken über den Himmel. *___Die sonnenbeschienene Nordhalbku gel ist kühler als das ____Schattenreich der südlichen Hemisphäre. *___Neben den neun bekannten Uranus Ringen kreisen zwei ____weitere, kohlen schwarze Trümmer-Ringe. Die ande ren ____Ringe, von der Erde als schwarze Schemen wahrzu nehmen, ____schim mern rötlich, bräunlich und grünlich im Son ____nenlicht. *___Krater, Schluch ten, Täler und Ber ge auf den Uranus ____Monden Miranda, Ariel, Umbriel, Titania und Obe ron ____künden von ve hementen geologi schen Verformun gen der ____Uranus Trabanten.

Daß Voyager, gleichsam als Bonus, zehn bislang unbekannte kleine Monde aufspürte, beeindruckte die Wissenschaftler im Kontrollzentrum des Jet Propulsion Laboratory (JPL) der Nasa kaum - mit solchen Entdeckungen hatten sie gerechnet. Erregt zeigten sich die Geologen im Voyager-Team, als die Sonde erste, gestochen scharfe Bilder von den fünf bereits bekannten Trabanten zur Erde funkte.

Völlig aus der Art geschlagen scheint Miranda, der innerste der großen Uranus-Begleiter. Wie eine »verbeulte Kugel« aufgeplustert auf der einen, plattgedrückt auf der anderen Seite, sehe der etwa 500 Kilometer große Mond aus, befand Laurence Soderblom, Leiter des Geologen-Teams. »Würde man alle bizarren Formationen des Sonnensystems in einen Himmelskörper pressen«, so Soderblom, »dann hätte man Miranda.«

Als besonders rätselhaft gilt Umbriel, der dritte im Trabanten-Bund. Wie ein Stück »Käse im Sandwich«, so Soderblom, bewege sich Umbriel zwischen zwei sehr aktiven Monden, Ariel und Titania. Doch im Gegensatz zu seinen Nachbarn weise der gut 1100 Kilometer große Uranus-Satellit nur alte Einschlagnarben von Meteoriten auf - keine Spur von geologischer Aktivität.

Was die vorwiegend aus Eis bestehenden Monde des Uranus so heftig beutelt, blieb ungeklärt. Vieles spricht nach Ansicht der Wissenschaftler dafür, daß die Uranus-Satelliten, mit Ausnahme des Umbriel, geologisch aktiv sind. Möglich aber auch, daß die gewaltigen Schwerkräfte des Planeten (etwa 15fache Erdmasse) an den Monden zerren.

Überraschendes meldete Voyager 2 auch aus dem Ringsystem des Uranus. Messungen an den elf jeweils nur wenige Kilometer breiten Trümmer-Ringen ergaben, daß sie aus Brocken von mehr als einem Meter Durchmesser bestehen. Anders als die Ringe von Jupiter und Saturn scheinen die Trümmergürtel, vermutlich Überbleibsel zermahlener Monde, wie freigefegt von Staub.

Eine mögliche Erklärung dafür bietet nach Ansicht der JPL-Forscher das von Voyager entdeckte, eigentümlich geneigte Magnetfeld des Planeten. Die Magnetpole des Uranus sind um 55 Grad gegen die geographischen Pole gekipptgerade so, als lägen die Magnetpole der Erde in Nordafrika und Südaustralien: Das verrutschte Magnetfeld dürfte in Äquatornähe stark genug sein, um elektrisch geladene Partikel-Wolken wie ein kosmischer Staubsauger anzusaugen.

Rätselhaftes funkte der Planetenspäher auch aus der mehrere Tausend Kilometer dicken Atmosphäre des Uranus. Nach Messungen mit Infrarotsensoren herrschen in den oberen Wolkenschichten eisige 212 Minusgrade und in tieferen Atmosphärenlagen immer noch 192 Grad unter Null. Das, befanden die JPL-Forscher, passe ins »klassische Uranus-Bild«, wonach der Planet über einem festen Kern von Erdgröße gewaltige Ozeane aus flüssigem Methan berge.

Doch welche Kraftquellen speisen die heftigen Uranusstürme? Auf der Erde wirken extreme Temperaturunterschiede zwischen Pol- und Äquatorregionen als globale Windmaschine - für eine solche Wettermechanik, so der Voyager-Meteorologe Barny J. Conrath, fehle auf Uranus jede Voraussetzung.

Seit Mitte letzter Woche überschattet die Challenger-Katastrophe auch den Erfolg der Uranus-Mission; die Roboterreise wird, womöglich für immer, mit dem bislang größten Mißerfolg der Raumfahrt verknüpft bleiben.

Der Kongreßabgeordnete Bill Nelson, Mitreisender beim Weltraumflug der Raumfahre »Columbia« vor drei Wochen, machte den Vorschlag, sieben der zehn neu entdeckten Uranus-Monde auf die Namen der Challenger-Toten zu taufen.

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