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RAUMFAHRT Kosmisches Billard

Mehr als zweieinhalb Jahre nach der »Challenger«-Katastrophe startete die Nasa zum erstenmal wieder eine Raumfähre - und träumt sogleich wieder von künftigen, glorreichen Missionen. *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Bitte, beten Sie«, tönte es aus den Bahnhofslautsprechern, »beten Sie für ihn«. Alle zehn Minuten forderten die New Yorker U-Bahn-Lautsprecher zur Fürbitte auf, einen ganzen Vormittag lang, bis Amerikas erster Weltumrunder John Herschel Glenn nach dreimaligem Flug um den Erdball mit seiner Raumkapsel »Friendship 7« am 20. Februar 1962 planmäßig in den Atlantik plumpste.

Wie damals, so bangten auch am Donnerstag letzter Woche Millionen Amerikaner vor den Fernsehschirmen und am Startplatz Cape Canaveral um das Schicksal ihrer Astronauten. Eine Stunde und 38 Minuten hatte sich der Start der Raumfähre »Discovery« verzögert, zischend und dampfend wie ein atmendes Lebewesen stand die Shuttle sprungbereit auf der Startrampe 39-B.

Endlich, um 11.37 Ortszeit, wurde dann die magische Countdown-Marke »T - 0« angezählt. Brüllend hob sich die Discovery von der Rampe. Weiß auf blau schrieb der Shuttle-Schweif aus Wasserdampf und Raketengasen die makellose Bahnkurve der aufsteigenden Raumfähre in den Himmel über Florida - erster Akt des all-amerikanischen »Exorzismus der Challenger-Erinnerung«, wie der US-Raumfahrtexperte John Pike es umschrieb.

Daß sie ausziehen möchten, den Schock der »Challenger«-Katastrophe vom 28. Januar 1986 zu bewältigen, hatte Präsident Ronald Reagan der Discovery-Crew mit auf den Weg gegeben: »Die Seelen« der sieben toten Astronauten, so Reagan, »werden die Discovery begleiten«. Auf der Brust der Raumflieger prangt das Symbol der Geisterbeschwörung: Silbrig glänzt auf blauem Grund das Sternbild des Großen Bären neben der aufsteigenden Discovery - jeder der sieben Sterne mahnt an einen der Toten.

Vier Tage und eine Stunde sollte die Shuttle in gut 330 Kilometer Höhe um die Erde kreisen. Den wichtigsten Auftrag der 26. Mission einer US-Raumfähre hakten die fünf Allveteranen unter dem Kommando von Frederick Hauck bereits wenige Stunden nach dem Start ab, in der Nacht zum Freitag letzter Woche: Ein 2,3 Tonnen schwerer Kommunikations-Satellit der Nasa wurde ausgesetzt und sodann erfolgreich in einen geostationären Orbit geschossen.

Gleichsam als leichte Beschäftigung für die Flugtage zwei, drei und vier harrten noch zehn wissenschaftliche Versuche und ein militärisches Experiment auf die Fünf. Dann, in den letzten Stunden der Mission, am Montag dieser Woche, zehrt das letzte heikle Manöver an den Nerven der Raumflieger: der Wiedereintritt in die Atmosphäre und der antriebslose Gleitflug zur Landung auf der Wüstenpiste des Luftwaffen-Testflugzentrums Edwards Air Force Base in Kalifornien.

Bis zum Ausrollen auf der Piste 17 des ausgetrockneten Rogers Lake von Edwards Base zittert Amerika mit Flug »STS-26« wie einst in den Tagen eines John Glenn: Wie der Oberstleutnant vor einem Vierteljahrhundert vor seinem Start eine US-Rakete nach der anderen in Cape Caneveral hatte zerplatzen sehen, so hatten die fünf Discovery-Astronauten unauslöschlich das Bild der in einem Feuerball berstenden Challenger vor Augen. Und die Fünf in der Discovery wußten, daß ihr grundüberholtes Raumschiff unbekannte Risiken barg.

Um Schwachstellen des Shuttle-Systems zu beheben, hatten Ingenieure der Raumfahrtbehörde Nasa und Techniker der Zulieferfirmen etwa 500 technische Veränderungen an der Raumfähre, ihrem Haupttank und den Zusatzraketen ("Boostern") ausgeführt (siehe Graphik Seite 283). Insgesamt 2,4 Milliarden Dollar investierte die Nasa seit dem Challenger-Unglück, um das »komplizierteste Spielzeug, das je ein Mensch gebaut hat« (Shuttle-Chefingenieur George Sasseen) nachzurüsten.

Die Milliarden verbesserten den Sicherheitsstandard des Raumgleiters und halfen vor allem, die brisanten Booster, deren Versagen die Challenger-Katastrophe heraufbeschworen hat, zu zähmen. Sollen auch die beiden übrigen Schiffe der Shuttle-Flotte, die »Atlantis« und die »Columbia«, auf das Niveau der Discovery umgerüstet werden, wären weitere 1,1 Milliarden Dollar fällig.

Doch die Sicherheit, die mit 210 Design-Änderungen - darunter allein 35 technische Eingriffe an den anfälligen Haupttriebwerken - an der Discovery erkauft wurde, brachte zugleich neue, vorher nicht abschätzbare Fehlerquellen mit sich. Kommentierte Crew-Mitglied John Lounge: »Man kann einem Flugzeug nichts Schlimmeres antun, als es für drei Jahre in eine Halle zu rollen und einen Haufen Umbauten vorzunehmen.«

So betonte Kommandant Hauck vor dem Start, die Mission STS-26 sei »ein Testflug«. Die Nasa allerdings mag von solchen Risiken, vor denen Sicherheits-Experten warnen, nichts wissen. Als gewährleiste ein einziger brillanter Discovery-Flug nach zwei Jahren und acht Monaten Zwangspause schon wieder reibungslosen All-Betrieb, plant die Nasa unverdrossen: Weitere neun Flüge möchte die Raumfahrtbehörde in den kommenden 15 Monaten starten.

Danach, verkündete die Nasa, würden dann jährlich 12 bis 14 Missionen vom

Cape in Florida abheben, eine Vorgabe, die selbst der Booster-Fabrikant Morton Thiokol für unrealistisch hält: Die Firma könne allenfalls Zusatzraketen für acht bis zehn Flüge pro Jahr fertigen.

Selbst zehn erfolgreiche Shuttle-Schüsse pro Jahr helfen der Nasa nicht aus ihrem Dilemma: Ihr Raumgleiter ist - weil bemannt - zu teuer und technisch zu aufwendig. Daher setzt die Raumfahrtbehörde, wie Kritiker bemängeln, auch künftig auf Konzepte, die wie die Reise zum Mars oder der Bau einer Raumstation nach ihrem Public-Relation-Wert, und nicht nach ihrem wissenschaftlichen Nutzen ausgeheckt würden.

Ehemalige Shuttle-Fans wie die Befehlshaber des Pentagon haben sich konsequent vom Raumfähren-Konzept abgesetzt. Die US-Militärs bauen wieder auf Wegwerf-Raketen. So wurden einige Dutzend »Titan 4«-Projektile geordert, um Nachrichten- und Spähsatelliten ins All zu schießen. Der Nasa bleiben nur Pentagon-Lasten, die schon vor der Challenger-Katastrophe auf die Ladebucht der Raumfähre zugeschnitten wurden und daher nur von der Shuttle transportiert werden können. Gleiches gilt für wissenschaftliche Projekte wie das »Hubble«-Raumteleskop und die »Galileo«-Sonde zur Erkundung des Jupiters und seiner Monde.

Dabei sind Verspätungen unvermeidlich. Galileo etwa hätte längst um den Jupiter kreisen sollen. Durch die Shuttle-Verzögerungen wird die Sonde nun mutmaßlich erst im Oktober 1989 starten. Weil die Planeten dann nicht ideal zueinander stehen werden, rast die Sonde erst zur Venus, von dort zurück zur Erde, sodann zum Asteroidengürtel zwischen Erde und Mars, zum Schwungholen abermals zurück zur Erde, erst dann hat sie die erforderliche Geschwindigkeit für den Schuß zum Jupiter - ein kosmisches Vierbanden-Billard.

Absurder noch mutet der Lieblingsplan der Nasa und einiger europäischer Fans der bemannten Raumfahrt an, von Mitte der neunziger Jahre an eine große Raumstation in der Erdumlaufbahn zusammenzubauen - Teil für Teil, so der Nasa-Wunsch, von der Shuttle in den Orbit gewuchtet. Dies sei ein Projekt, kritisierte der Raumfahrt-Experte John Logsdon von der George Washington University, das mit der Shuttle »schlicht nicht durchzuführen« sei. Und: »Es wäre beknackt, die Shuttle für so viele Starts einzuspannen.«

Jedes Kilogramm Nutzlast, kalkulierten Kenner, das mit der Shuttle in den Orbit geschossen werde, koste etwa 12 000 Dollar. Die Startkosten pro Mission belaufen sich nach Experten-Schätzung auf 350 Millionen bis 500 Millionen Dollar - zehnmal soviel wie ein Schuß mit der Europa-Rakete »Ariane«.

Und das alles, fragte rhetorisch das britische Wissenschaftsmagazin »Nature«, für eine Station, die »außer der Nasa keiner haben will?«.

[Grafiktext]

PHOENIX AUS DER ASCHE Die wichtigsten technischen Änderungen an der US-Raumfähre »Discovery« Haupttank (enthält zwei getrennte Tanks für flüssigen Wasserstoff und flüssigen Sauerstoff) Notausstiegsluke Ladebuchtluken Raumfähre Fluchtstab Hauptfahrwerk Turbopumpe Shuttle-Triebwerke Dichtungsringe ("O-Ringe") Sicherungsstift Zusatzraketen ("Booster") Mit etwa 500 technischen Veränderungen an ihren Systemen startete die US-Raumfähre »Discovery« ins All. Anfällige und für die Sicherheit der Raumfähre kritische Bauelemente wie die Turbopumpen der Haupttriebwerke, das Fahrwerk und die Ladebuchtluken wurden verstärkt oder, wie die Ladeluken, zusätzlich gesichert. Erstmals ermöglicht ein Rettungssystem den Astronauten, über einen Fluchtstab aus der Shuttle auszusteigen und sich mit dem Fallschirm zu retten, falls nach einem Abbruch der Mission im Gleitflug zur Erde keine Landebahn angesteuert werden kann. Das besondere Augenmerk der Konstrukteure galt den hochbrisanten Festtreibstoffraketen der Raumfähre: Die Verbindungen der Zusatzraketen, die, einmal gefeuert, nicht mehr abgeschaltet werden können, wurden mit einem dritten O-Ring abgesichert - die Raumfähre »Challenger« war mit sieben Astronauten an Bord explodiert, nachdem die zwei O-Ringe an einer Booster-Dichtung versagt hatten.

[GrafiktextEnde]

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