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ENERGIE Kraft der Scholle

Das Geschäft mit Erdwärme boomt. Genervt von steigenden Gas- und Ölpreisen, setzen viele Häuslebauer auf die umweltfreundliche Energie aus der Tiefe.
aus DER SPIEGEL 4/2007

Wenn Josef Schwersmann sein Haus verlässt, tritt er seine Heizung mit Füßen. 80 Meter tief bohren sich schwarze Plastikrohre unter seiner Garagenauffahrt in den Boden.

Wasser, versetzt mit Frostschutzmittel, strömt erst in die Tiefe und dann zurück nach oben. Zwölf Grad kalt fließt es in den Heizungskeller. Dort geschieht Verblüffendes: Drei Viertel der Heizungsenergie von Schwersmanns Einfamilienhaus liefert das bescheiden temperierte Nass. »Weg vom Öl, das war meine Vorstellung«, sagt der Emsländer, »wir sind den Energieversorgern sonst doch völlig ausgeliefert.«

Schwersmann heizt mit Erdwärme. Vor zwei Jahren hat sich der Agraringenieur aus dem niedersächsischen Geeste-Dalum eine Wärmepumpe im Keller installieren lassen. In drei Tagen durchlöcherte eine Bohrfirma Schwersmanns Auffahrt. Wo im Keller einst der Öltank stand, überwintern jetzt die Gartenpflanzen.

Damit liegt der 65-Jährige voll im Trend. Verärgert über steigende Gas- und Ölpreise, setzen immer mehr Häuslebauer auf die Kraft der eigenen Scholle. In der Schweiz und in Österreich ist die Erdwärmetechnik längst erfolgreich, in Schweden werden sogar schon 90 Prozent aller Neubauten mit Wärme aus dem Untergrund geheizt. Jetzt wird die Technik auch in Deutschland populär. 24 000 neue Anlagen seien im vergangenen Jahr installiert worden, sagt Werner Bußmann vom Bundesverband Geothermie, doppelt so viele wie noch im Vorjahr: »Uns fehlen inzwischen sogar Kapazitäten. Einige Bohrunternehmen sind bereits bis Ende 2007 ausgebucht.«

Das Prinzip der »oberflächennahen Geothermie« ist simpel: Anders als bei der Stromproduktion per Erdwärme, die meist Bohrungen von mehreren Kilometern erfordert, reicht für Erdwärmeheizungen ein Erdloch von maximal 100 Meter Tiefe. Noch einfacher wird es, wenn sogenannte Wärmekollektoren in nur wenigen Metern Tiefe im Garten verlegt werden.

Die Flüssigkeit in den Rohren, die sogenannte Sole, nimmt Erdtemperatur an und strömt schließlich, abhängig von Bohrtiefe und Geologie, mit einer Temperatur zwischen 5 und 12 Grad Celsius zur Heizung. Dort arbeitet eine Wärmepumpe, die der Sole Wärme entzieht und bis zu 45 Grad heißes Wasser produziert. Dieser Vorgang kostet zwar Strom. Der jedoch ist gut investiert: Vier Kilowattstunden Wärmeenergie können manche Systeme aus einer Kilowattstunde Strom gewinnen.

»Mit einer Erdwärmeheizung haben Sie im Vergleich zu Öl und Gas maximal die halben Energiekosten«, sagt Johannes Kuhrs, der die Anlagen im Emsland verkauft. Sein Kunde Schwersmann etwa würde für seine jährliche Öllieferung heute rund 1800 Euro zahlen. Sein Wärmepumpenstrom kostet ihn nur 750 Euro. Die Systeme selbst allerdings sind mit 15 000 bis 20 000 Euro leicht doppelt so teuer wie eine herkömmliche Heizung. Kuhrs: »Aber diese Kosten sind bei einem Neubau schon nach etwa zehn Jahren wieder drin.«

Auch Aribert Peters vom Bund der Energieverbraucher empfiehlt Erdwärmeheizungen. Peters warnt allerdings vor Pfusch. Falsch ausgelegte Systeme könnten schnell die Stromrechnung massiv in die Höhe treiben. Auch die Bohrung erfordere den Spezialisten, rät Bußmann. Dass eines Tages die Rohre im Boden den Dienst versagen, hält er allerdings selbst bei Erdstößen für ausgeschlossen: »Bevor die Sonde im Boden kaputtgeht, ist längst das Haus eingestürzt.«

Bei größeren Projekten lässt sich erahnen, welches Potential noch in der Technik steckt. So wird Erdwärme schon heute in manchem Kindergarten nicht nur zum Heizen, sondern auch zum Kühlen genutzt. Wird es den Kindern im Sommer zu heiß, fließt einfach das erdkühle Wasser direkt durch die Fußbodenheizung.

Oder die Kälte- und Wärmespeicher des Berliner Parlaments: Knallt Sommerhitze auf die Reichstagskuppel, wird überschüssige Wärme in einem Wasserreservoir 300 Meter unter den Abgeordneten zwischengelagert. Drei Viertel der Energie können im Winter zum Heizen zurückgewonnen werden. Winterkälte dagegen, in 60 Meter Tiefe gespeichert, kühlt im Sommer die hitzigen Gemüter des Polit-Personals.

Die Reichstagsrenovierer hatten die Öko-Bilanz der Technik im Blick. »CO2frei«, wie häufig propagiert, ist Erdwärme allerdings nur dann, wenn der gesamte Strom für die Wärmepumpe aus erneuerbaren Energien stammt. Wird dagegen Strom etwa aus Gaskraftwerken genutzt, schmilzt wegen der Energieverluste bei der Stromproduktion ein beträchtlicher Teil des Umweltvorteils wieder dahin.

Echte Energierevoluzzer wie Schwersmann denken daher längst weiter. »Ich möchte autark werden«, sagt er. Bald will er zwei kleine Windkraftanlagen auf dem Dachfirst seines Hauses installieren.

Dann soll auch der Strom für die Wärmepumpe nicht mehr von den Energieriesen kommen. Schwersmann: »Ich schlafe dann einfach ruhiger.« PHILIP BETHGE

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