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ATOMTECHNIK Kraftwerk im Keller

Mit Mini-Reaktoren wollen französische und kanadische Atomtechniker demnächst Häuserblocks und Fabriken beheizen - und zugleich den Widerstand von Bürgern und Behörden unterlaufen.
aus DER SPIEGEL 51/1980

Um das bereits beschlossene Projekt bekanntzumachen, ließen die Stadtväter von Grenoble Flugblätter verteilen: Voraussichtlich schon ab 1985, so hieß es darin, werde ein Großteil der örtlichen Büros und Wohnungen mit Atomenergie geheizt -- es sei geplant, in unmittelbarer Nähe der City ein Kernkraftwerk zu errichten.

Kein Zweifel wohl, daß eine Neuigkeit dieses Kalibers, dazu so nonchalant verabreicht, etwa in Hamburg oder Frankfurt wie eine Bombe einschlagen würde. Doch in der französischen Industriestadt am Fuß der Westalpen, knapp 170 000 Einwohner, verpuffte die Flugblatt-Aktion wie ein Blindgänger: »Nicht viel, nur ein bißchen öffentlichen Widerstand« registrierte Pierre Corbet, Direktor des ortsansässigen »Centre d'Etudes Nucleaires«.

Fast unbehindert durch Bürger-Proteste, notierte kürzlich das Pariser Nachrichtenmagazin »L'Express«, marschiere die Grande Nation mittlerweile »an der Spitze« aller übrigen Westeuropäer in den Atomstaat. Und ganz vorn wollen die Franzosen nun auch sein, wenn es gilt, die jüngste Idee der Atom-Technokraten zu verwirklichen -- Kernkraftwerke en miniature, die nicht mehr möglichst siedlungsfern, sondern mitten in den Ballungszenten installiert werden sollen.

Gleichsam als Demonstrationsobjekt dient dabei das in Grenoble geplante Kraftwerk: Es wird -- unter der Markenbezeichnung »Thermos« -- bei einer Leistung von 100 Megawatt (MW) nur etwa fünf Prozent der Energiemenge liefern, die eine große Reaktoranlage des bisherigen französischen Standardtyps produziert.

Im Gegensatz jedoch zu den riesigen, fernab in der Provinz stationierten Atomstrom-Fabriken wird das künftige Zwerg-Werk von Grenoble keine Elektrizität erzeugen. Vielmehr soll »Thermos«, eine Art atomarer Tauchsieder, an das in Grenoble schon vorhandene Fernwärmenetz angeschlossen werden und -- auf dem kürzesten Weg --Heizkörper, Duschen oder Waschautomaten mit Heißwasser speisen; rund 30 000 Haushalte, aber auch Gewerbebetriebe wird »Thermos« nach Schätzungen der Planer beliefern können.

Mit ihrem Klein-Konzept folgen Frankreichs Kernkraft-Techniker einem Trend, der auch anderswo schon entdeckt wurde. Sowohl kanadische wie sowjetische, finnische und schwedische Ingenieure basteln neuerdings an Mini-Reaktoren und preisen die angeblich mannigfachen Vorzüge der kompakten Energiespender.

»Thermos« etwa, dessen Reaktorbehälter aus Edelstahl in den Boden eines Wasserbeckens versenkt wird, gilt in den Augen der Konstrukteure nicht nur als umweltfreundlich, sondern auch als besonders sicher: Größere Aufbauten wie Kühltürme entfallen bei der Anlage, die das Wasser nur auf maximal 130 Celsiusgrade erhitzt; damit steht das Kreislaufsystem unter einem erheblich geringeren Druck als bei einem Großkraftwerk, durch dessen Rohrleitungen bis zu 300 Grad heißer Dampf gepreßt wird.

Überdies enthält der »Thermos«-Reaktorkern nur rund drei Tonnen schwach angereichertes Uran -wenig im Vergleich zu den rund 100 Tonnen beispielsweise in einem 1000-Megawatt-Kraftwerk. In der Brennstoffkammer des »Thermos«-Tauchsieders, behaupten die Hersteller, könne sich daher nur eine geringe Menge giftiger Zerfallsprodukte ansammeln.

Ähnlich enthusiastisch klingt es, wenn die Ingenieure der »Atomic Energy of Canada Ltd.« (AEC) ihre neueste Schöpfung beschreiben: »Slowpoke«, gleichfalls ein Klein-Reaktor für Heizzwecke, ist technisch ein naher Verwandter von »Thermos«, nur noch kleiner -- eine »Slowpoke«-Pilotanlage arbeitet mit einer Leistung von nur zwei Megawatt.

Es sei ihr Hauptziel, so die »Slowpoke«-Konstrukteure, einen möglichst einfachen und damit ebenso robusten wie narrensicheren Raktor zu bauen. AEC-Manager John W. Hilborn: »Wenn wir Reaktoren nahe an die Leute heranbringen wollen, müssen sie ohne komplizierte Sicherheitssysteme verläßlich funktionieren und so simpel sein, daß es jeder versteht.«

In Serie produzierte Einfach-Reaktoren, so schlicht und unverwüstlich wie einst »das T-Modell von Ford« (Hilborn), könnten laut AEC-Planung demnächst anstelle der Ölheizung etwa im Keller großer Hotelbauten oder Bürokomplexe installiert werden -- nach sowjetischem Vorbild: Schon seit Anfang 1980 heizt ein Fünf-Megawatt-Reaktor Wohnungen und Werkstätten in der russischen Kleinstadt Dimitrowgrad.

Dort allerdings gibt es weder Bürger-Widerstand noch ähnlich scharfe Sicherheitsvorschriften wie in den meisten westlichen Industrieländern. Beide Hindernisse wollen die Atomwirtschaftler -- bislang fixiert auf die einschüchternde Großtechnik -- mit ihren Klein-Kraftwerken jetzt unterlaufen und dabei das stagnierende Geschäft wieder ankurbeln.

Zwar sind die Mini-Atommeiler vorerst noch beträchtlich teurer als vergleichbare konventionelle Anlagen. Doch dürften die Preise für »Thermos« wie »Slowpoke« nach Ansicht der Hersteller deutlich sinken, würden die Uran-Heizwerke erst einmal serienweise vom Band laufen.

Die Franzosen wünschen sich, daß ihr »Thermos« ein Exportschlager wird. Daheim nämlich ist er nur bedingt einsatzfähig: Es fehlt an genügend Fernwärmeleitungen, aber auch am Wärmebedarf im großenteils milden französischen Klima. Doch nicht S.180 nur in Rußland, wo es kälter ist, auch in den sonnenversengten Ländern des Nahen Ostens soll »Thermos« dafür um so größeren Nutzen stiften -- zum Beispiel bei der Meerwasserentsalzung: Mit Hilfe des Kernkraft-Zwergs, locken die Franzosen, würden sich pro Tag rund 40 000 Kubikmeter Trinkwasser gewinnen lassen.

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