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Medizin Kranke Krieger

Beschoß der Irak US-Soldaten mit Giftgas? Veteranen verklagen Firmen, die beim Waffenbau halfen. Die Chancen sind schlecht.
aus DER SPIEGEL 2/1995

Nachdem neben dem Lager der 644. Munitionskompanie der US-Armee eine Granate explodiert war, erinnert sich Sergeant Willie Hicks, »begannen unsere Gesichter zu brennen«. Tage später hatte er Blut im Urin.

Nach dem siegreichen Feldzug gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein litt US-Soldat Hicks immer häufiger unter unerklärlichen Müdigkeitsanfällen, sein Kurzzeitgedächtnis ließ ihn abrupt im Stich. Sein Zustand verschlechterte sich derart, daß er seinen Job verlor.

Hicks hält sich, wie 20 000 andere Veteranen des Golfkriegs von 1991, für ein Opfer irakischer Giftgas-Angriffe. Sie alle klagen über Muskel- und Gelenkschmerzen, Fieberanfälle, Durchfälle, Müdigkeit und Hautausschläge ("Golfkriegs-Syndrom").

2000 von ihnen wollen nun 20 Unternehmen auf insgesamt eine Milliarde Dollar Schadensersatz verklagen, weil diese dem Irak bei der Herstellung der Chemiewaffen geholfen hätten. Beklagt sind auch die deutschen Firmen Thyssen und Preussag.

Es ist zweifelhaft, ob die kranken Krieger ihren Prozeß gewinnen werden. Das amerikanische Verteidigungsministerium bestreitet nachdrücklich, daß es während des nur 43 Tage dauernden Krieges jemals Giftgas-Attacken seitens der Saddam-Truppen gegeben hat.

Rückendeckung bekam das Pentagon letzte Woche von einem unabhängigen Untersuchungsausschuß der National Academy of Sciences, der nach monatelangen Nachforschungen zu dem Schluß kam, die gesundheitlichen Spätschäden bei den Golfkriegs-Veteranen seien eindeutig »nicht das Ergebnis eines chemischen oder biologischen Krieges«.

Nicht ausschließen mochte das Expertengremium allerdings, daß Giftgas indirekt zu den Gebrechen beigetragen hat: Aus Angst vor Angriffen mit chemischen Kampfmitteln ließ die Militärführung den Soldaten vorsorglich ein Gegenmittel verabreichen. Dem Präparat werden schwere Nebenwirkungen wie Asthmaanfälle oder Sehstörungen zugeschrieben.

Tagelang mußten 400 000 der 450 000 US-Soldaten immer wieder Pyridostigminbromid-Tabletten schlucken, die gewöhnlich nur bei Nerv-Muskel-Erkrankungen zum Einsatz kommen. Das Medikament hält gleichsam die Nervenleitungen frei, die durch eingeatmetes Giftgas andernfalls verstopft würden. Ohne diesen Schutz stört das Nervengift die Signalübertragung zwischen Gehirn und Muskeln so stark, daß die Opfer an Herzstillstand und Atemlähmung sterben.

Zumindest einige der im Golfkrieg eingesetzten Männer und Frauen haben das Medikament, das sie vor Kampfgas-Attacken schützen sollte, nachweisbar nicht vertragen.

Gleich nach Einnahme der Pyridostigminbromid-Pillen mußte sich beispielsweise die Krankenschwester Carol Picou ins Lazarett begeben: »Mir lief die Spucke aus dem Mund. Ich konnte nicht aufhören zu husten und zu niesen. Meine Muskeln begannen zu zucken.« Als sie wieder zu Hause war, begann ihre Sprache stockend zu werden, und sie konnte immer schlechter sehen. Heute ist die Frau zu 70 Prozent körperbehindert. Der Luftwaffen-Oberstleutnant Neil Tetzlaff klagt seit Einnahme von Pyridostigminbromid über »große Probleme mit meinem Kurzzeitgedächtnis«.

Doch die meisten gesundheitlichen Spätschäden bei den Soldaten lassen sich nicht so eindeutig einem bestimmten Stoff zuordnen - zu vielfältig war der Giftcocktail, den die Wüstenkämpfer während des Golfkriegs schlucken mußten.

Die Anhäufung von Gefahrstoffen im Wasser, am Boden und in der Luft sei »in der Geschichte der Menschheit ohne Beispiel«, bilanzierte jüngst die amerikanische National Medical Association in einer Studie zum Golfkriegs-Syndrom.

So werden als weitere Ursachen für die rätselhafte Soldatenseuche gehandelt: *___eine Strahlenverseuchung durch Uran-Ummantelungen, mit ____denen die US-Armee die Durchschlagskraft ihrer ____panzerknackenden Granaten verstärkte; *___der giftige Rauch, der von den 732 brennenden Ölquellen ____aufstieg und sich wie ein Leichentuch über den ____Kampfplatz legte; *___Nebenwirkungen durch Impfstoffe, mit denen die Soldaten ____gegen Bio-Waffen wie den Milzbranderreger geschützt ____werden sollten; *___die mit Insektenkillern getränkten Kampfanzüge der ____Soldaten, ihr mit Öl verunreinigtes Duschwasser oder ____die bleihaltigen Dieselkraftstoffe, mit denen die ____Männer und Frauen ihre Zelte heizten.

Es mehren sich aber auch Stimmen, welche die kränkelnden Soldaten für geldgierig, hysterisch oder für beides zugleich halten. »Schließlich wird ein Krieg nicht nach unseren Arbeitsschutznormen geführt«, polterte ein Sprecher des US-Verteidigungsministeriums.

Und folgt man der Diagnose des angesehenen Allergieexperten Stephen Straus, sollten sich die am Golfkriegs-Syndrom leidenden Kämpfer am besten von einem Psychotherapeuten behandeln lassen.

Erstmals 1871, so dozierte Straus während einer Anhörung vor dem US-Senat, seien bei Veteranen des amerikanischen Bürgerkriegs ganz ähnliche Krankheitsbilder beobachtet worden wie jetzt nach der Wüstenschlacht gegen den Irak: »Diese Art der körperlichen Reaktion auf den großen Streß während eines Krieges ist für die menschliche Art nur natürlich.« Y

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