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MEDIZIN Krankheiten, die der Himmel schickt

Manche Leiden gibt es nur, weil die Betroffenen etwas dafür bekommen: Freizeit, Rente, Trost. Nützliche Krankheiten wie Schleudertraumata und Rentenneurosen verursachen in Deutschland Kosten in Milliardenhöhe - in armen Ländern sind diese Befindlichkeiten unbekannt.
aus DER SPIEGEL 32/2004

Eine wählerische Krankheit ging um in Hamburgs Allgemeinen Krankenhäusern. Sie verschonte die Patienten, Schwestern, Pfleger und Ärzte und befiel nur die Putzkräfte. Eine nach der anderen sank in Schwermut und sah sich ihrer Arbeitskraft beraubt.

Hinter der Trübsalseuche steckten weder Viren noch Bazillen. Ursache war vielmehr eine Anweisung der neuen Unternehmensleitung, sorgfältiger zu arbeiten. Eine Reinigungsfrau tat daraufhin einen Arzt auf, der ihr ein seelisches Leiden bescheinigte. Der Name des Doktors verbreitete sich wie eine ansteckende Mikrobe - die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage in der betroffenen CleaniG GmbH stieg urplötzlich von 200 auf 950 pro Monat.

Die im Jahr 2000 ausgebrochene kollektive Putzfrauen-Depression offenbart, dass es manche Krankheiten nur dann gibt, wenn sie nützlich sind. Sie bringen den Ärzten Kundschaft, und den Menschen bescheren sie freie Tage auf Attest, Schmerzensgelder und Invalidenrenten.

»Wenn man die Menschen dafür belohnt, werden sie prompt krank«, sagt der kanadische Psychiater Andrew Malleson, 74, der ein Buch über nützliche Krankheiten geschrieben hat*.

In aller Regel handelt es sich um Bagatellen, um organisch nicht erklärliche Befindlichkeiten. Erst wenn Patienten, Ärzte und Juristen richtig zusammenspielen, werden milliardenteure Gesundheitsprobleme daraus. In Staaten dagegen, in denen keine Entschädigung gezahlt wird, heilen dieselben Leiden rasch aus, oder sie treten erst gar nicht auf.

Als Paradebeispiel für eine nützliche Krankheit beschreibt Malleson ein Konglomerat von Erschöpfungszuständen, wie sie vor allem in den Mittelschichten entwickelter Länder zu beobachten sind. Sie alle kann man so gut wie nie kurieren -

aber trefflich therapieren. Die Geschichte begann 1869, als der New Yorker Arzt George Beard eine Krankheit namens Neurasthenie vorschlug: einen durch das industrielle Leben bewirkten, angeblich mikroskopisch nachweisbaren Schaden an den Nervenbahnen.

Zwar hält sich das Leiden bis heute in den Lehrbüchern, die anatomischen Schäden jedoch waren nie zu belegen. Deshalb bedurfte es einer anderen Erklärung. Schon 1934 postulierten findige Mediziner das chronische Müdigkeitssyndrom, das angeblich durch unbekannte Viren übertragen wurde. Daraus ist die derzeit beliebte Fibromyalgie hervorgegangen, ein nunmehr dem orthopädischen Formenkreis zugeordnetes Leiden.

»Anstatt Krankheiten zu heilen«, konstatiert Malleson, »fabriziert die Medizin neue.« Zu diesen konstruierten Leiden zählt der kanadische Nervenarzt das Halswirbelsäulen-Syndrom (HWS-Syndrom), das auch in Deutschland grassiert: Nach 80 Prozent der Autounfälle mit Personenschäden diagnostizieren Ärzte diesen auch Schleudertrauma genannten Zustand, für den man 500 bis 800 Euro Schmerzensgeld einstreichen kann.

Etwa zehn Prozent der Betroffenen bleiben für den Rest ihres Lebens krank, etliche von ihnen kehren nicht mehr an ihren Arbeitsplatz zurück. »Diese Leute entgleisen total und verursachen dann Kosten im sechsstelligen Bereich«, sagt Hermann Lemcke, der sich als Richter am Oberlandesgericht Münster viele Jahre mit dem Syndrom befasst hat.

Doch seltsam: Wer auf dem Rummel Autoskooter fährt, setzt Hals und Rumpf stärkeren Kräften aus, als sie bei den meisten Auffahrunfällen entstehen - über HWS-Beschwerden jedoch klagen die Kirmesfahrer fast nie.

Umgekehrt kann das Schleudertrauma sogar völlig ohne physikalische Kräfte entstehen. Das haben Forscher in Münster bereits vor Jahren nachgewiesen. Sie gaukelten 50 Testpersonen einen Auffahrunfall vor: Die Probanden ließ man jeweils in einem Wagen eine kleine Rampe runterrollen; zugleich wurde ihnen das Geräusch einer Heckkollision vorgespielt. Hinterher bekamen sie eingebeultes Blech und zersplittertes Glas zu sehen - und siehe da: Nach drei Tagen klagten 20 Prozent der Testpersonen über zum Teil heftige HWS-Beschwerden.

Wenn aber Unfälle kein HWS-Syndrom auslösen, was dann? Eine Ursache zumindest glauben die Forscher dingfest gemacht zu haben: das weithin verbreitete Tragen von Halskrausen, die eigentlich verschrieben werden, um HWS-Beschwerden zu lindern. Doch durch die widernatürliche Schonhaltung könne der Nacken gefährlich verkrampfen, was dann tatsächlich das Befinden zu beeinträchtigen vermöge, warnt die Deutsche Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation; Ärzte sollten deshalb schleunigst damit aufhören, den Hals der Patienten mit Krausen zu malträtieren.

Als noch wichtigeren Risikofaktor haben Forscher jedoch die Aussicht auf Schmerzensgeld ausgemacht. Litauen beispielsweise zählt zu den wenigen Gebieten der entwickelten Welt, in denen das HWS-Syndrom nicht entschädigt wird - folglich taucht die chronische Form der Krankheit dort nicht auf. Neurologen der Universität Trondheim befragten 412 Unfallopfer in dem baltischen Staat und konnten bei ihnen keinerlei Symptome feststellen. Im reichen Norwegen hingegen werden Schmerzensgelder gewährt - prompt halten sich 70 000 der 4,5 Millionen Einwohner auf Grund eines HWS-Syndroms für maßgeblich behindert.

Die traumatisierten Wikinger und ihre zahlreichen Leidensgenossen in anderen Industriestaaten freuen sich über das, was Psychologen als »sekundären Krankheitsgewinn« bezeichnen: Wer krank wird, dem geht es besser. Er bekommt Geld, teure Arzneien, aufwendige Therapien und erfährt zudem noch die Anteilnahme der Mitmenschen. So ist der Kranke oftmals der mächtigste Mensch in einer Familie. Ein Frührentner genießt höheres Ansehen als jemand, der seit langem ohne Arbeit ist. Denn in der Leistungsgesellschaft wird eigentlich nur Krankheit als Erklärung dafür akzeptiert, dass jemand nicht perfekt und leistungsstark ist.

Gerade in vertrackten Lebensphasen gibt es Krankheiten, die der Himmel schickt: Da vereitelt nicht die eigene Faulheit, sondern der Hörsturz den Abschluss des Studiums, und das Rückenweh verhindert den Fortgang der Karriere. Ursula Mayr, Psychologin und Autorin aus dem bayerischen Übersee, konstatiert: »Oft wird die Krankheit auch benötigt, um das Scheitern grandioser Lebenspläne zu rechtfertigen.«

Epidemien jedoch bedürfen irgendwelcher Ursachen, und als solche dienten immer wieder technische Neuerungen, die ohnehin von Ängsten begleitet sind. So brach in Preußen prompt die »Eisenbahnkrankheit« aus, kaum dass 1871 der Versicherungsschutz auf den gesamten Zugbetrieb ausgedehnt wurde. Ärzte diagnostizierten beflissentlich Verletzungen des Rückenmarks, die angeblich durch das bloße Fahren mit der Eisenbahn entstanden waren. Eine Therapie war alsbald gefunden: die umgehende Zahlung einer Abfindung.

Mit dem Aufkommen des Telegrafierens wiederum ging in England der so genannte Telegrafistenkrampf um. Ein Wiedergänger dieser Krankheit erreichte ein Jahrhundert später Australien. Diesmal galt das Bedienen von Tastaturen und Computermäusen als Auslöser. Das australische Gesundheitssystem erkannte das Leiden 1983 an als »repetitive strain injury« (RSI, Symptome: Unterarm- und Handbeschwerden auf Grund repetitiver Belastungsreaktionen). Umgehend machte das Gerücht die Runde, die internationalen Computerhersteller hätten klammheimlich veraltete Tastaturen auf den australischen Markt geschmissen.

Die Folge war ein fulminanter Ausbruch von RSI. Das vom Volksmund »Känguru-Pfote« genannte Syndrom marodierte zunächst in der australischen Verwaltung; in einigen Abteilungen erfasste es jeden dritten Angestellten. Sodann griff es über auf Lehrer, Krankenschwestern, Fließbandarbeiter und Schulkinder.

»Die Patienten entwickelten hartnäckige chronische Schmerzen in Nacken und Arm, was zu beachtlicher Behinderung führte«, notierte der Rheumatologe Geoffrey Littlejohn von der University of Melbourne. »Australien, ein modernes, stolzes und kraftvolles Land, hatte in seiner neueren Geschichte niemals solch ein behinderndes Gesundheitsproblem erlebt.«

Durch Nachforschungen kam dem Syndrom jedoch der Auslöser abhanden. Zug um Zug erkannten Ärzte, dass viele der Betroffenen gar nicht so viel am Computer arbeiteten, sondern einfach nur seelisch labil waren. Nun wurde die Känguru-Pfote in den Medien auf einmal als Psycho-Macke dargestellt - die plötzlich keiner mehr haben wollte. Überdies drosselte die australische Regierung die Entschädigungen für RSI. Und plötzlich erwachten die Selbstheilungskräfte der Leidenden.

Dass Krankheiten durch Medienberichte, Gesetze und Regelungen nachgerade hervorgerufen werden, lässt sich auch an der Selbstamputation ablesen. Deutsche Versicherungen boten 1988 die so genannte Ärztegliedertaxe an: Der Verlust nur

eines Körperteils begründete hundertprozentige Invalidität. Unversehens gerieten Dutzende Ärztefinger in Kreissägen, Rasenmäher oder Heckenscheren. Erst nachdem die Versicherungen 1995 die Taxe zurückgezogen hatten, hantierten die Mediziner wieder umsichtiger in Hobbykeller und Garten.

Auch in der deutschen Lehrerschaft fällt auf, dass das Ausmaß der krankheitsbedingten Frühpensionierung mit der Höhe der Pension korreliert. Im Jahr 2001 kletterte der Anteil der Arbeitsunfähigen unter allen Ruheständlern auf den Höchststand von 64 Prozent. Damals kamen die Pädagogen einer Reform zuvor, die Abstriche bei der Pension nach sich zog.

In den früheren Postunternehmen wiederum, also Telekom, Postbank und Post, dienen Krankheiten offenbar dem gezielten Personalabbau. In der Telekom-Niederlassung im ostfriesischen Leer etwa wurden in den neunziger Jahren offenbar Dutzende gesunder Beamte dazu gedrängt, sich arbeitsunfähig schreiben zu lassen. So wurde ein Mitarbeiter wegen schlimmer Rückenschmerzen frühpensioniert - anschließend vergnügte sich der Telekom-Invalide auf dem Tennisplatz, enthüllte die »Ostfriesen-Zeitung«.

Die Staatsanwaltschaft in Aurich geht davon aus, dass damals mindestens 60 Telekom-Mitarbeiter von ihren Vorgesetzten regelrecht zur Frühpensionierung gezwungen wurden. Bereits 1996 hat sie wegen des Verdachts auf Betrug ermittelt und später Anklage erhoben, bis heute wurde die Sache nicht verhandelt.

Derweil grassiert die Arbeitsunfähigkeit unter Mitarbeitern von Post, Postbank und Telekom ungehindert weiter. Besonders schlimm war es im Jahr 2001. Rund 10 000 Beamte gingen in den Ruhestand - 98 Prozent von ihnen wurden aus gesundheitlichen Gründen frühpensioniert. Die Betroffenen (2327 waren jünger als 45 Jahre) litten nach Ansicht der Amtsärzte am häufigsten unter Seelenleiden wie Antriebsstörungen und Grübelzwang sowie an Skelettmängeln.

Auch 2003 verließen mehr als 90 Prozent aller Rentner die Postunternehmen als kranke Menschen. Die Frühpensionäre erhalten Monat für Monat 75 Prozent ihrer letzten Bezüge - diese Renten werden den Staat in den kommenden Jahren mit Ausgaben in Milliardenhöhe belasten.

Die Frage, ob ein Teil des Geldes womöglich an Simulanten fließt, verkennt den Fortschritt der Medizin. Nicht von Simulation sprechen die Ärzte, sondern von Aggravation: Die Menschen übertreiben ihre Krankheitszeichen, um Vorteile zu erhalten. Auf diese Weise wird beispielsweise das Streben nach Verrentung selbst zum pathologischen Zustand, der zur Arbeitsunfähigkeit führen kann: Rentenneurose nennt sich diese nützliche Krankheit. JÖRG BLECH

* Andrew Malleson: »Whiplash and Other Useful Illnesses«.McGill-Queen''s University Press, Montreal; 528 Seiten; 32,50 Euro.

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