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KREBS-RISIKO DIENSTPLAN

Wer ständig den Schlafrhythmus wechseln muss, erkrankt womöglich häufiger an Tumoren.
aus SPIEGEL Wissen 4/2009

Ariane Weniger lebt gesundheitsbewusst. Wenn Freunde bei ihr rauchen wollen, dann nur auf dem Balkon; sie treibt Sport, geht zu Vorsorgeuntersuchungen, isst Biogemüse, liegt am Strand nur noch im Schatten. Weniger scheint alles richtig zu machen. Doch egal, wie viel Obst sie isst, egal, wie oft sie zum Arzt geht, egal, wie wenig Zigarettenrauch sie sich aussetzt: Das größte Risiko, Krebs zu bekommen, könnte dort lauern, wo sie es vielleicht am wenigsten vermutet - an der Kork-Pinnwand im Flur. Dort hängt ihr Dienstplan.

Ariane Weniger ist Pilotin. Die 36-Jährige ist Erste Offizierin auf einer Boeing 777, einem hochmodernen Langstreckenflugzeug. Vor allem Flüge nach Asien seien manchmal die Hölle, sagt sie. Denn die verlassen Europa meist am Abend, damit die Passagiere nicht mitten in der Nacht an ihrem Zielort ankommen. Das ist für die Crew weitaus anstrengender als die Nordamerika-Routen. »Fliegt man in die USA, geht es am Morgen los, und man hat einen normalen Arbeitstag. Nach Asien kämpft man schon mal mit dem eigenen Körper«, sagt Weniger und spricht eigentlich von Müdigkeit, Erschöpfung, Jetlag.

Doch dieser Kampf mit dem Körper kann auch langfristige Folgen haben. So gibt es ernstzunehmende Hinweise darauf, dass regelmäßige Schichtarbeit - egal, ob am Fließband, im Operationssaal oder an Bord eines Flugzeugs - für Krebs-Erkrankungen verantwortlich sein könnte.

Thomas Erren ist Arbeitsmediziner an der Universität Köln. An seiner Wand hängt ein Diplom der US-Universität Berkeley; dort begann er sich für Zusammenhänge zwischen Schlaf und Krebs zu interessieren. In Köln wertete er die Daten von 30 einschlägigen Studien aus. Die Ergebnisse alarmierten die Boulevardpresse.

»Wir können derzeit nur Signale sichten«, versucht Erren abzuwiegeln. So ergab die Meta-Analyse, dass Flugpersonal bei regelmäßigem Einsatz auf Langstreckenflügen ein um bis zu 70 Prozent erhöhtes Brustkrebs-Risiko hat, für Prostatakrebs stieg das Risiko um 40 Prozent. Für Schichtpersonal in anderen Arbeitsbereichen weisen die Zahlen in eine ähnliche Richtung. »Erhärten sich die Erkenntnisse auch in anderen wissenschaftlichen Arbeiten, müsste man vielleicht grundsätzlich neu darüber nachdenken, wie bestimmte Schichtarbeiter eingesetzt werden«, sagt Erren.

Polizisten, die nachts auf Streife fahren, Mechatroniker, die rund um die Uhr Autos zusammenbauen, Ingenieure, die zu jeder Zeit die Funktionen eines Atomkraftwerks überwachen, oder Küchenhilfen, die auch nachts im Imbiss Buletten braten: Würden sich Errens Studienergebnisse erhärten, wäre die Welt wohl eine andere.

Rund 20 Prozent der Menschen in Industrieländern arbeiten im Schichtbetrieb - viele von ihnen auch nachts. Schon 2007 hat die Internationale Agentur für Krebs-Forschung, eine Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation, Schichtarbeit als Krebs-Risiko der Gruppe 2A eingestuft. Im Klartext: Wird der Schlafrhythmus regelmäßig unterbrochen, gilt das als krebserregend und steht auf einer Stufe mit anorganischen Bleiverbindungen, UV-Strahlen oder dem Ausstoß von Dieselmotoren.

Vor allem der Melatonin-Mangel scheint mit der Entstehung hormoneller Tumore wie etwa Brustkrebs bei Frauen zusammenzuhängen. Der Körper bildet Melatonin bei Dunkelheit. Die Wirkung des Hormons ist noch nicht vollständig erforscht, man weiß jedoch, dass es schlaffördernd wirkt und andere Hormone beeinflusst, etwa das weibliche Sexualhormon Östrogen. Je weniger Melatonin im Körper produziert wird, desto mehr Östrogen ist messbar. Ein erhöhter Östrogenspiegel kann für Brustkrebs verantwortlich sein.

Schon 1976 begann man mit einer großangelegten Längsschnittstudie, an der mittlerweile über 120 000 Krankenschwestern teilgenommen haben. Die in der Nurses' Health Study der Harvard Medical School erfassten Frauen entwickelten ein leicht erhöhtes Brustkrebs-Risiko, je häufiger sie nachts auf den hell erleuchteten Krankenhausfluren arbeiteten. In ihrem Blut fand sich deutlich weniger Melatonin und mehr Brustkrebs förderndes Östrogen.

Kann Licht tatsächlich im Körper diese Wirkungen hervorrufen? Dazu würden die Erkenntnisse einer schwedischen Universität passen. Dort fand man heraus, dass blinde Frauen seltener an Brustkrebs erkrankten.

In den USA sind Melatonin-Tabletten weit verbreitet; anders als in Deutschland kann man sie dort in jedem größeren Drogeriemarkt kaufen. Und sie sind ein Massenprodukt - Millionen Amerikaner schlucken die Tabletten regelmäßig. Doch allein ihre Beliebtheit sagt noch nichts über ihre Wirksamkeit aus. »Ich wäre da extrem zurückhaltend«, sagt Erren. Zwar seien »keine schädlichen Wirkungen bekannt«, allerdings greife man »in einen sehr ausgeklügelten Regelungskreislauf ein, der noch immer viel zu wenig erforscht ist«.

Ändern dürfte sich das nicht so bald, denn die Industrie hat kaum Interesse an größeren Studien: Melatonin ist ein körpereigener Stoff und kann daher nicht patentiert werden.

Neben den Hormonen verfolgen die Forscher auch eine ganz andere Spur. Obwohl Puls, Atemfrequenz und Blutdruck im Schlaf sinken, ist der Körper nachts ein wahres Kraftwerk. Die Konzentration von Wachstumshormon ist in dieser Zeit besonders hoch, die Wundheilung beschleunigt sich, Erinnerungen werden im Gehirn sortiert und verarbeitet. In der neueren Forschung geht man zudem davon aus, dass Veränderungen an den Zellinformationen, der DNS, nachts repariert werden können. Ähnlich einem komplexen Computersystem, bei dem alle Systeme heruntergefahren und wiederhergestellt werden, würde dieser physiologische Reset Zellveränderungen teilweise zurückbauen können. Da Krebs letztlich eine bösartige Zellveränderung ist, könnte Schlaf durchaus vor Krebs schützen. »Man steht da ziemlich am Anfang und muss sich neue, sehr komplexe Fragestellungen erschließen«, meint Erren.

Würde sich die Beleglage für ein erhöhtes Krebs-Risiko durch Schichtarbeit oder andere Formen des Schlafmangels verdichten, widerspräche dies der Krebs-Definition der Weltgesundheitsorganisation keineswegs. Denn dort heißt es, Krebs sei primär eine »Lifestyle-Erkrankung«. »Empirisch sind nur etwa 10 bis 30 Prozent der Wahrscheinlichkeit an Krebs zu erkranken genetisch programmiert«, sagt Erren. Viel entscheidender seien Umweltgifte wie Tabak, Alkoholkonsum, Sonnenlicht oder Essgewohnheiten.

Bei zweifelsfrei nachgewiesenen Krebs-Beschleunigern wie dem Rauchen spricht man von »Paket-Jahren«, einer Einheit, die sich aus der Menge der gerauchten Zigaretten in einer bestimmten Zeitspanne berechnet. »Theoretisch ist es denkbar«, meint Erren, »dass man bald in der Krebs-Medizin nicht nur 'Paket-Jahre' berücksichtigen, sondern auch mit 'Schlaf-Jahren' rechnen muss.« MARTIN U. MÜLLER

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