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Compact Disc Krieg der Schichten

Die nächste Generation der Compact Discs kommt 1996 - allerdings mit zwei unterschiedlichen Standards, die sich nicht vertragen.
aus DER SPIEGEL 21/1995

Einen »Kampf der Titanen« nannte es das US-Fachblatt CD-Rom Professional. Unversöhnt stehen sich die Branchenriesen gegenüber: Philips und Sony einerseits und ein Gespann aus Toshiba und dem Medienkonzern Time Warner auf der anderen Seite.

Naturgemäß geht es um die Hoffnung auf Milliarden-Umsätze. Gestritten wird um den technischen Standard für die nächste Generation von Compact Discs. »High-Density-CDs« (HDCD) werden sie heißen, und ihre Speicherkapazität wird die der jetzigen Silberscheiben um das 10- bis 15fache übertreffen.

High-Density-CDs sollen dem Medienvolk abendfüllendes Heimkino in Studioqualität bescheren, mit mehrkanaligem Rundum-Sound, in bis zu 8 Sprachen und mit Untertiteln in bis zu 32 weiteren Idiomen. Aber die HDCDs eignen sich auch als speicherstarke CD-Roms für Multimedia-PC. »Die Märkte für Computer und Unterhaltungselektronik wachsen immer mehr zusammen«, sagt der niederländische Philips-Vizechef Henk Bodt.

Noch hält der Erfolg der herkömmlichen CDs, 13 Jahre nach ihrer Markteinführung, unvermindert an. Nicht nur als Musikträger, sondern auch als Foto-CDs und interaktive Multimediascheiben sind die Silberlinge auf dem Markt.

Als Videoträger aber geraten sie an Grenzen: Mit den speicherfressenden _(* Oben: aus dem Film »Stirb langsam - ) _(Jetzt erst recht«, der am 29. Juni ) _(anläuft; Mitte: mikroskopische Aufnahmen ) _(der Vertiefungen (Pits), die vom Laser ) _(abgetastet werden. ) Bilddaten sind die gängigen Glitzerscheiben überfordert. Die Bildqualität erreicht, wegen der erforderlichen Datenstauchung (siehe Kasten Seite 179), nur knapp die von VHS-Videorecordern. Außerdem müssen die Video-CDs nach ihrer maximalen Spielzeit von 74 Minuten gewechselt werden, meist mitten im Film.

Die Unterhaltungsindustrie hat diese Mängel längst erkannt und steuert die nächste CD-Generation an. Doch auch diesmal bekämpfen die Konzerngruppen, wie schon bei den ehedem konkurrierenden Videosystemen VHS und Betamax, einander mit zwei verschiedenen Normen.

Als erste präsentierten, im Dezember letzten Jahres, Philips und Sony ihren Standard. Ihre »Multimedia-CD« speichert, wie herkömmliche Discs, nur auf einer Seite Daten, die in zwei Schichten aufgetragen sind (siehe Grafik).

Die obere der beiden Schichten ist transparent, so daß der Laser des Lesegeräts sich wahlweise auf eine der beiden scharf stellen kann. Die gesamte gespeicherte Datenmenge - elfmal soviel wie auf den heutigen CDs - würde ausgedruckt einen Papierstapel füllen, der das New Yorker World Trade Center überragt.

Die Gegenpartei - Toshiba und der Medienriese Time Warner - verkündete ihren abweichenden Standard einen Monat später: Zwei CD-Scheiben, jede von ihnen halb so dick wie gewöhnliche CDs und mit fünf Gigabyte Speicherplatz, werden Rücken an Rücken zu einer normaldicken, zweiseitigen »Super-Density-CD« zusammengeklebt, mit satten 10 Gigabyte Speicherfähigkeit.

Beide HDCD-Varianten sollen samt Playern 1996 auf den Markt kommen. Sie werden, weil beide Rivalen ihren eigenen Standard durchsetzen wollen, nicht miteinander kompatibel sein. Jede braucht den hauseigenen Player. Der Kunde ist wieder der Dumme.

Einen solchen Format-Krieg hatte die im Sommer letzten Jahres in den USA gegründete »Hollywood Digital Video Disc Advisory Group« eigentlich vermeiden wollen. Dieses Gremium der Filmlobby, an einer möglichst einträglichen Zweitvermarktung der Hollywood-Produkte interessiert, formulierte eine Reihe von Empfehlungen für »Movie-CDs«.

Danach sollen die neuen Film-Scheiben unter anderem mindestens 135 Minuten Spielzeit bieten sowie in Bild- und Tonqualität (Surround-Sound) alle existierenden Heim-Standards übertreffen. Auch ein wirksamer Kopierschutz für die Discs sowie eine elektronische Sperre, mit der Eltern ihren Kindern das Betrachten anstößiger Filme verwehren können, fanden sich auf dem Wunschzettel.

Beide nun vorgestellten HDCD-Varianten erfüllen diese Erwartungen - und übertreffen sie mit maximal viereinhalb Stunden Spielzeit sogar. Die Bilderflut paßt auch bei ihnen nur nach einer gehörigen Kompression der Daten in die Spur. Beide Typen verwenden das Komprimierungsverfahren MPEG-2. Es liefert wesentlich schärfere und brillantere Bilder als MPEG-1, die Stauch-Norm heutiger Video-CDs, die zu wünschen übrig läßt.

Auch sonst gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen den HDCD-Varianten: Beide haben exakt die Größe herkömmlicher CDs und werden mit roten Lasern von 635 Nanometer Wellenlänge abgetastet - ähnlich denen an Supermarktkassen. Die bislang bei CD-Playern üblichen Infrarot-Laser (780 Nanometer) können die bei den HDCDs nur noch knapp halb so langen und enger zusammengerückten Vertiefungen (Pits) nicht mehr unterscheiden.

Deshalb werden für HDCD-Fans in jedem Fall neue Player fällig. Den alten sollten sie jedoch nicht voreilig weggeben. Denn noch ist fraglich, ob die HDCD-Player von Toshiba-Time-Warner auch die alten CDs werden lesen können. Ein Toshiba-Sprecher erklärte lediglich, diese Option würde vorgesehen, »wenn der Markt dies verlangt«. Philips und Sony hingegen haben auf die sogenannte Abwärtskompatibilität ihrer HDCD-Player von Anfang an großen Wert gelegt.

Unterschiede zwischen beiden Standards gibt es in der Benutzerfreundlichkeit. So muß die doppelseitige Toshiba-Warner-Scheibe nach 135 Minuten von Hand umgedreht werden. Die Konkurrenz von Philips-Sony spielt nonstop volle 270 Minuten.

Daß ihre Zweischichten-Disc nicht nur im Labor funktioniert, stellten Philips und Sony Ende letzten Monats auf einer »CD World Conference« in San Francisco unter Beweis: Eine Prototyp-HDCD schaltete blitzschnell und ohne sichtbare Bildstörungen zwischen beiden Schichten um. Eine weitere hatte auf der einen Schicht ein Video abgespeichert, auf der anderen Musikstücke, beides ließ sich unabhängig voneinander abspielen.

Dies ist auch interessant für zukünftige »Super-Stereo-CDs« mit noch feinerer Klangauflösung und Multikanal-Sound: Eine Schicht könnte die »High-Definition«-Informationen enthalten, die zweite eine abwärtskompatible Normalversion der Musikstücke - so wären sie auf alten wie neuen Playern abspielbar.

Nachahmer findet die Zweischicht-Idee seit neuestem auch im Toshiba-Lager, dem sich mittlerweile die Unterhaltungsriesen Matsushita, Pioneer, Hitachi, Mitsubishi und Thomson angeschlossen haben.

Matsushita kündigte im April eine - speziell für CD-Rom vorgesehene - 9-Gigabyte-HDCD an, die ebenfalls eine reflektierende und eine halbtransparente Schicht enthält und einseitig lesbar ist. Sie soll jedoch, anders als die Philips-Sony-Disc, aus zwei Scheiben bestehen, die anschließend zusammengeklebt werden. Sogar an einer 18-Gigabyte-Version tüfteln die Matsushita-Ingenieure.

Welches Format sich bei der High-Density-CD durchsetzen wird, ist derzeit nicht abzusehen. Während die Toshiba-Gruppe (der auch die Filmgesellschaften Metro-Goldwyn-Mayer und United Artists angehören) auf ihren Einfluß in Hollywood setzt, baut die Philips-Sony-Gruppe (mit den neuen Allianzpartnern JVC, Aiwa, Grundig, Bang und Olufson, Marantz) auf Unterstützung durch die Computerindustrie: Sie konnte bereits die Mehrheit der Hersteller von CD-Rom-Laufwerken hinter sich bringen.

Womöglich könnten am Ende die Herstellungskosten bestimmen, wer das Rennen macht. Die Toshiba-Time-Warner-Scheiben erfordern wegen der geringeren Dicke ihrer Rohlinghälften Umrüstungen der bestehenden Preßwerke. Womöglich werden sie auch durch das Zusammenkleben teurer.

Die Philips-Sony-Variante hingegen ist bewußt so ausgelegt, daß sie sich in herkömmlichen CD-Pressen fertigen läßt. Außerdem kann ihre zweite Informationsschicht, falls sie nicht gebraucht wird, einfach weggelassen werden.

Mit nur einer Schicht - und auch dann noch ausreichend für 135 Minuten Filmspielzeit - würde die Scheibe in der Herstellung kaum mehr als heutige CDs kosten: rund einen Dollar. Y

[Grafiktext]

Unterschiedliche Standards für HDCDs

[GrafiktextEnde]

* Oben: aus dem Film »Stirb langsam - Jetzt erst recht«, der am 29.Juni anläuft; Mitte: mikroskopische Aufnahmen der Vertiefungen(Pits), die vom Laser abgetastet werden.

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