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»Krieg mit uns selbst«

aus DER SPIEGEL 49/1992

Daß es mit der Rettung der Erde höchste Zeit ist, weiß der gewählte amerikanische Vizepräsident Al Gore. Er ist wohl unter den hohen aktiven Politikern bisher weltweit der einzige, der die Aussagen der Ökologie voll begriffen hat. Er hat begriffen, daß die Natur ein kompliziertes System von Interdependenzen ist; wenn das irdische Gleichgewicht in einem Bereich gestört wird, wirkt sich das auch auf die anderen aus.

Gores Erkenntnisse kulminieren in solchen Sätzen: _____« Die moderne industrielle Zivilisation, so wie sie » _____« gegenwärtig organisiert ist, stößt aufs heftigste mit dem » _____« ökologischen System unseres Planeten zusammen. Die » _____« entfesselte Gewalt ihres Angriffs ist atemraubend, und » _____« die schrecklichen Konsequenzen treten so schnell ein, daß » _____« sie schon unsere Fähigkeiten, sie zu erkennen und ihre » _____« globalen Verflechtungen zu begreifen, überfordern, um » _____« angemessene und rechtzeitige Gegenmaßnahmen organisieren » _____« zu können. »

Das im Frühjahr 1992 erschienene Buch »Earth in the Balance« (deutscher Titel: »Wege zum Gleichgewicht") stellt eine wissenschaftliche und auch philosophische Leistung dar*. Gore besitzt die Schau über Zeiten und Räume. Mit ihm _(* Al Gore: »Wege zum Gleichgewicht«. S. ) _(Fischer Verlag, Frankfurt; 384 Seiten; ) _(39,80 Mark. ) ist ein Einzelkämpfer in die herrschende politische Klasse eingebrochen. Kein Wunder, daß sich die schlichten Politiker der Bush-Ära wütend auf ihn stürzten. Doch im Gefolge von Bill Clinton, dem er den kleinen Block der umweltbewußten Wähler zuführte, wurde er Vizepräsident. Damit wurde auch sein Buch zum öffentlichen Ereignis, die postwendend erschienene deutsche Ausgabe ist der Aufmerksamkeit sicher.

Gores Zustandsbericht über die kranke Natur unseres Planeten stimmt mit der seriösen ökologischen Literatur überein. Der Schwerpunkt liegt auf den in den letzten Jahren hinzugekommenen Überlebensproblemen.

Die Ergebnisse seiner Weltanalysen faßt Gore so zusammen: _____« All das ist ein bitteres Getränk - aber nur »der » _____« Beginn der Abrechnung«, nur der Anfang eines stetig » _____« anschwellenden Stromes zunehmend schlimmerer ökologischer » _____« Katastrophen, die wiederholt über uns hereinbrechen » _____« werden und uns, früher oder später, aufrütteln und von » _____« der Notwendigkeit überzeugen werden, Widerstand leisten » _____« zu müssen. »

Einmütiger Wille zum Widerstand, weiß Gore, wurde in der Vergangenheit gewöhnlich nur erreicht, wenn es »um Leben oder Tod« der ganzen Gesellschaft ging. Diesmal aber könnte es, wenn die Öffentlichkeit den wahren Ernst der Lage endlich erkennt, zu spät sein für wohlüberlegtes Handeln - statt dessen, fürchtet Gore, könnte es »zu einer Panik kommen«.

Was die Leser und Rezensenten interessiert, sind die von Gore vorgeschlagenen Auswege aus der Überlebenskrise des Menschen. Er macht sich keine Illusionen über die historisch bislang einmalige Aufgabe der »Wiederherstellung des Gleichgewichts« zwischen Mensch und Erde - womit gesagt ist, daß eine solche Balance nicht mehr besteht.

Dabei betrachtet Gore die Menschheit als Einheit, für die wir alle verständnisvoll sorgen sollen wie auch für deren künftige Generationen allüberall. Doch erst mit einem neuen Denken können wir »in einer aufs Ganze gehenden Anstrengung zur Rettung der Umwelt Erfolg haben«.

Das erforderliche neue Denken, das zu einem neuen Bewußtsein aller Menschen führen soll, ist jedoch längst von der mehr oder weniger seriösen Umweltliteratur zu Tode geritten worden. Man könnte es als eine Wiederbelebung von Marx'' Neuem Menschen bezeichnen, der auch nicht erreicht wurde. Die Menschen haben eben seit Jahrzehntausenden ein ziemlich gleichbleibendes Bewußtsein, trotz aller revolutionären Änderungsversuche.

Wer kann den vielen Millionen, die nicht einmal ihre eigene Sprache schreiben und lesen können, ein neues Denken eintrichtern? Und das soll laut Gore auch noch in einem tieferen Respekt (der Regierungen) für die politischen und ökonomischen Freiheiten vor sich gehen, da ja jeder einzelne von den neuen Notwendigkeiten überzeugt sein wird - wie Gore hofft, obwohl er immer wieder betont, in welch himmelweit unterschiedlichen Verhältnissen die Menschen in den Regionen der Erde leben. Folglich fragt er auch: _____« Wer ist so kühn zu behaupten, daß irgendeine » _____« entwickelte Nation bereit ist, industrielles und » _____« wirtschaftliches Wachstum aufzugeben? Wer will verkünden, » _____« daß irgendeine reiche Nation bereit sei, Kompromisse im » _____« Komfortniveau zugunsten des Umweltgleichgewichts zu » _____« akzeptieren? Überdies muß die industrialisierte Welt » _____« begreifen, daß die Dritte Welt keine andere Wahl hat, als » _____« sich wirtschaftlich zu entwickeln. »

An dieser Stelle könnte man das Buch eigentlich zuklappen. Auch Gore selbst hat das Gefühl, daß er hier den kritischen Punkt berührt. Er hofft, daß der Erfolg in Reichweite kommt, wenn, ja, wenn »genügend Menschen sich darauf verständigen«.

Aber wie soll das gehen, wo gab es jemals auch nur entfernt ähnliche Herausforderungen in der Geschichte? _____« Das Ringen um die Rettung der Umwelt ist in gewisser » _____« Hinsicht viel schwieriger als der Kraftakt, Hitler zu » _____« bezwingen, weil wir uns diesmal im Krieg mit uns selbst » _____« als Verbündete haben. Aber diesmal marschieren wir bei » _____« uns selbst ein und attackieren das ökologische System, » _____« von dem wir selbst ein Teil sind. »

Gore erkennt klar, daß wir in einer völlig anderen historischen Situation und Dimension stehen. Und dennoch will er aus den Siegen über Hitler und den Kommunismus den Beweis dafür ableiten, daß wir auch den Kampf zur Rettung der Umwelt gewinnen könnten. Ja, er sieht diesen Kampf als eine Fortsetzung des Krieges »um Freiheit und Menschenwürde«.

Die Dissidenten und Partisanen von einst vergleicht er mit den Ökowiderständlern von heute: »Nur lehnen sie sich einfach gegen nichts Geringeres auf als die herrschende Logik der Weltzivilisation.«

Als Al Gore sein Buch schrieb, war er bereits Senator, also eingebunden in die herrschende Logik der Politik und der Staatsführung. Weiß er, was ihm jetzt bevorsteht?

Clinton, nicht Gore, hat die Wahl gewonnen, und das mit dem Versprechen, im immer noch reichsten Land der Erde eine weitere Epoche des zunehmenden Wohlstands heraufzuführen. Wirtschaftliches Wachstum, neue Arbeitsplätze, bessere Sozial- und Gesundheitsversorgung soll es geben. Das Wettrennen um die Weltspitze hat Vorrang.

Gore dagegen schreibt an einer zentralen Stelle seines Buches: _____« Solange diese Zivilisation als Ganzes mit ihren » _____« überragenden technischen Machtmitteln den Grundsätzen » _____« eines Denkens folgt, welches die Beherrschung und » _____« Ausbeutung der Natur für kurzfristige Gewinne » _____« ermutigt, wird diese verheerende Gewalt fortfahren, die » _____« Erde zu verwüsten, gleichgültig, was jeder einzelne von » _____« uns tut. »

Welche durchschlagenden Globalmaßnahmen zur Umkehr hat Gore anzubieten? Er spricht immer wieder von einem »zentralen Organisationsprinzip«. Aber was ist das für ein Organisationsprinzip für die ganze Welt? Eine Weltregierung soll es nicht sein, die hält er für »sowohl politisch unmöglich als auch praktisch undurchführbar«.

Skeptisch urteilt er auch über die Uno. Für ihn gibt es nur einen Weg: _____« Wir müssen internationale Vereinbarungen aushandeln, » _____« die weltweite Maßstäbe für annehmbares Verhalten setzen; » _____« der Beitritt muß freiwillig erfolgen, allerdings in dem » _____« Wissen, daß die Vereinbarungen sowohl Anreize als auch » _____« juristisch wirksame Strafen bei Nichteinhaltung » _____« beinhalten. »

Wenn aber jede Weltregierung unmöglich ist, wie kann es dann leichter sein, 180 Staaten der Welt zu Tausenden von freiwilligen Vereinbarungen zu bringen, die nötig wären? Und wer soll ihre Durchführung überwachen und erzwingen? Inzwischen dürfte die Konferenz von Rio den Optimismus Gores schon sehr gedämpft haben.

Ähnlich fragwürdig erscheint Gores Haltung zur Technik. Als Ökologe erkennt er, daß wir einer technischen Hybris verfallen sind, die uns unseren Platz in der natürlichen Ordnung verlieren ließ und zu dem Glauben verführte, wir hätten unbegrenzte Macht und für jedes Problem auch eine technische Lösung. Er hält es ausdrücklich für gefährlich, von neuen Technologien die Lösung aller unserer Probleme zu erwarten; denn das sei »ein zentraler Bestandteil der falschen Denkweise, die überhaupt erst zu der Krise geführt hat«.

Andererseits will er die modernsten Techniken zur Zukunftsbewältigung einsetzen, um »nachhaltigen wirtschaftlichen Fortschritt« zu ermöglichen. Dafür Verfahren zu entwickeln und zu finanzieren wäre Aufgabe einer »Strategischen Umweltinitiative«.

Die Kernenergie lehnt Gore ab, doch auf die Kernfusion setzt er seine Hoffnungen. Er sieht die negativen Auswirkungen der industrialisierten Landwirtschaft auf die künftige Bodenfruchtbarkeit; doch von der Gentechnologie erwartet er ertragreichere Sorten und Tierarten.

Der schließlich von Gore empfohlene globale Marshall-Plan ist eigentlich kein Plan, sondern lediglich ein Wegweiser in die einzuschlagende Richtung. Er besteht aus fünf Punkten: *___Stabilisierung der Weltbevölkerung, obwohl sie ____zugegebenermaßen im nächsten Jahrhundert unweigerlich ____10 bis 14 Milliarden erreichen wird; *___ökologisch angepaßte Technologien mit der erwähnten ____Zwiespältigkeit; *___ökologische Buchhaltung. Diese bringt aber nur Daten, ____keinen materiellen Wandel. Wirksam wäre allerdings ____Gores Vorschlag einer Steuerreform: statt Besteuerung ____der Arbeit die des Energie- und Rohstoffverbrauchs, was ____in Europa schon längst ohne Aussicht auf Verwirklichung ____vorgeschlagen wurde; *___eine Generation von neuen Abkommen freier Nationen auf ____freiwilliger Basis. Dafür zeigen sich noch keine ____Ansätze; *___ein kooperativer Bildungsplan für die gesamte ____Weltbevölkerung zur Aufklärung über die globale Umwelt.

Das Vorbild Gores ist das European Recovery Program (ERP) nach dem Zweiten Weltkrieg. Daß der von den westeuropäischen Völkern schon damals erreichte Bildungs- und Industrialisierungsgrad mit dem der Dritten Welt von heute unvergleichbar ist, gibt er zu, auch die Macht der Korruption in den armen Ländern. Dazu kommt, daß die Bevölkerungsexplosion in Europa nicht existierte. Noch ein Gegensatz zu damals: »Die USA können verständlicherweise nicht der Hauptgeldgeber für ein weltweites Hilfsprogramm sein.«

Der entscheidenden Diskrepanz zwischen der damaligen Lage Europas und der heutigen Welt schenkt Gore leider keine Aufmerksamkeit: Der Wiederaufbau Europas wurde mit dem erprobten Mittel der Technik und der Wirtschaft vollzogen, auf welche die Euroamerikaner seit dem vorigen Jahrhundert eingeschworen waren.

Aber das ist genau der Zivilisationsprozeß, von dem Gore sagt, er zerstöre das ökologische System unseres Planeten. Ein Marshall-Plan für die Welt der Zukunft müßte eine völlig andere, neue Zielrichtung einschlagen. Wie die aussehen könnte und wie sie zu realisieren wäre, wo doch fünfeinhalb Milliarden Menschen mit der jetzigen Zivilisation sich in die entgegengesetzte Richtung dahinwälzen, das weiß auch der Autor der »Erdbalance« nicht - weil es kein Mensch weiß.

* Al Gore: »Wege zum Gleichgewicht«. S. Fischer Verlag, Frankfurt;384 Seiten; 39,80 Mark.

Herbert Gruhl
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