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SCHATZSUCHE Kühles Geschäft

Die Goldgräber der Tiefsee haben ein neues Beuteobjekt - das vor zwei Jahren entdeckte Wrack der »Titanic«.
aus DER SPIEGEL 33/1987

Genau ein Jahr ist es her, da brachte der amerikanische Meeresgeologe Robert Ballard eine Mahntafel am Wrack des Luxusliners »Titanic« an: »Jeder, der nach uns hierher kommt« lautet die Inschrift, »möge diesem Schiff seinen Frieden lassen.« Ein frommer Wunsch, und das wird es wohl auch bleiben.

Seit Ende letzten Monats durchstöbern französische Schatzsucher die Überreste der Titanic, vornehmlich auf der Suche nach dem drei Tonnen schweren Tresor mit wappengeschmückter Tür, hinter der sie Schmuck, Gold und Edelsteine vermuten.

Auflesen wollen sie aber auch Dekorations- und Gebrauchsgegenstände aller Art, so etwa die mächtigen Kristallüster aus dem säulengeschmückten Salon der ersten Klasse oder einige der silbernen Serviertabletts, auf denen die Stewards Erster-Klasse-Passagieren noch kurz vor dem Untergang in jener sternenklaren Nacht zum 15. April 1912 einen moralstärkenden Trunk brachten.

Schon in den ersten Tagen der Suche holte die dreiköpfige Besatzung des Tiefsee-U-Bootes »Nautile« die ersten Beutestücke aus dem in 3800 Meter Tiefe ruhenden Wrack: einen Teller, eine Tasse, eine Silberschale mit dem Emblem der »Titanic«-Reederei White Star, eine noch verkorkte Weinflasche sowie eine Karaffe - all das hatten sie mit Hilfe der beiden Greifklauen an ihrem U-Boot vom Meeresboden aufgelesen und zu dem über der Fundstelle kreuzenden Mutterschiff »Nadir« gebracht.

»Wir hoffen«, so Expeditionssprecher Daniel Puget, »bei den nun folgenden, intensiveren Tauchgängen wertvollere Gegenstände zu bergen«, vor allem aus dem Inneren des Wracks, in dem die Franzosen mit Hilfe eines ferngesteuerten Schwimmroboters herumstöbern wollen.

54 Tage lang, bis zum Ende dieses Monats, soll die Suchaktion dauern (Kosten: umgerechnet über vier Millionen Mark); dann wollen die Geldgeber entscheiden, ob sie weitere 800 000 Mark für die geplante »zweite Suchphase« von 17 Tagen bereitstellen.

Die Titanic-Expedition der Franzosen ist das bislang spektakulärste, teuerste und gefährlichste Unternehmen auf einem Gebiet, in dem inzwischen Millionen investiert, Millionen verdient und Millionen verloren werden: Die Suche nach versunkenen Schiffen und deren Schätzen ist während der letzten Jahre vor allem in Amerika zum kühl kalkulierten Geschäft geworden.

Vorbei ist die Zeit der abenteuernden Einzelgänger auf der Suche nach dem großen Glück, jetzt wühlen die Kapitalisten im Meeresschlick. Immer häufiger finanzieren kapitalstarke Konsortien mit Namen wie »Maritime Explorations« oder »Phoenician South Seas Treasures Ltd.« die maritime Goldgräberei, und unter Wall-Street-Brokern gilt Schatzsuche als renditekräftige Anlage für Risikokapital.

Überall dort, wo einst die Kapitäne kolonialer Mächte ihre Schiffe navigierten, vor den Kapverdischen Inseln oder den Azoren, in der Karibik oder vor Macau, sogar in der Bucht von Cádiz oder am südafrikanischen Kap, gründeln die Schatzsucher und forschen nach Silber, Gold und Geschmeide:

▷ Etwa 80 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaates Massachusetts sucht die »Sub Ocean Salvors International« nach den Überresten der »Republic«, die 1909 unterging - mit ihr versank wahrscheinlich auch ein Teil des Goldes, das Frankreich bei New Yorker Banken erworben hatte und als Kredit an den Zaren Nikolai II. weiterreichen wollte.

▷ In New Yorks East River, unweit der Elendsviertel in der South Bronx, suchen Taucher nach Überresten der englischen »Hussar«, die 1780 während des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs mit 80 Gefangenen und dem (damals in Goldmünzen gezahlten) Sold für die Truppe versank - erhoffte Beute: 576 Millionen Dollar.

▷ Hundert Kilometer östlich von Palm Beach (US-Bundesstaat Florida) stöbert der amerikanische Millionär Herbert Humphreys mit seiner »Beacon«, einem ehemaligen Kabelverlegungsschiff, nach der 1656 gesunkenen spanischen Galeone »Nuestra Señora de la Maravilla« und deren kostbarer Fracht - nach Humphreys' Ansicht »zweifellos das wertvollste Schatzschiff, das je in der Neuen Welt gefunden wurde«.

▷ Allein um die Suchlizenzen vor den Azoren, an deren tückischen Korallenriffs viele mit unermeßlichen Schätzen beladene Schiffe auf dem Weg nach Europa zerschmettert wurden, streiten sich derzeit ein halbes Dutzend Bergungsunternehmen - ein einziger Fund würde schon genügen, um alle Beteiligten zu Millionären zu machen.

Besonders reiche Beute verheißen vor allem die Wracks der »Tierra-Firme«-Flotte der Spanier, die beladen waren mit Silber aus Peru und Ecuador, Smaragden aus Kolumbien und Perlen aus Venezuela. Manche trugen Fracht aus dem Fernen Osten, die von der sogenannten Manila-Flotte über den Pazifik nach Acapulco, dann in mühseligen Trecks über Land nach Veracruz an die Ostküste Mexikos transportiert und dort wieder auf Schiffe verladen wurde. In Havanna schließlich trafen sich diese Schiffe mit anderen, die Gold- und Silbermünzen aus Mexiko für die Schatullen des Monarchen nach Spanien schaffen sollten.

Im Konvoi fahrend, nahmen diese Schatzflotten Kurs auf das südliche Florida, die »Keys«, und tasteten sich, nur mit primitivem Navigationsgerät bestückt, die Küste hinauf, von wo aus sie Ostkurs über die Bermudas zu den Azoren nahmen - doch oft verirrten sich die Kapitäne im Orkan, die Schiffe strandeten auf Sandbänken und zerschellten an den Korallenriffs der Inselgruppe.

Nach einer dieser versunkenen Galeonen, der »Nuestra Señora de Atocha«, hatte der ehemalige Hühnerfarmer Mel Fisher nahezu zwei Jahrzehnte lang gesucht; anfangs wurde er nur als Spinner verspottet, dann - nachdem einer seiner Söhne und eine Schwiegertochter bei Taucharbeiten ertrunken waren - gar als Wahnsinniger verunglimpft.

Doch 1985 fand er das Schiff, eine ehedem schwimmende Schatzkammer voller Silberbarren und Goldmünzen. Bislang brachten die Tauchteams des mittlerweile 64jährigen Auftraggebers Edelmetalle im Wert von mehr als 200 Millionen Dollar an Land. Nach Fishers Schätzungen »liegen da unten noch weitere 200 Millionen« - ohne die »wunderschönen, dunkelgrünen Smaragde«, die er noch unter der meterhohen Sanddecke vermutet. Ihr mutmaßlicher Wert: drei bis vier Milliarden Dollar.

Mehr als 40 Millionen Dollar erlöste bei Versteigerungen der sensationelle Fund eines Amerikaners, der 1983 mehrere vor 218 Jahren gesunkene Handelsschiffe vor der Küste der Philippinen aufgespürt hatte - bis zu den Decksplanken gefüllt mit wertvollem chinesischen Porzellan, zum Teil aus der Zeit der Ming-Dynastie: Über 180 000 Teller, Schüsseln und Platten, unzählige Komplett-Services für riesige Tafeln förderte sein Team zutage.

Die Schlagzeilen über diese und ähnlich reiche Funde, die zahlreichen Reportagen über den Reichtum aus der Tiefe brachten risikofreudige Investoren auf die Idee, ihr Geld auf dem Wege der Schatzsuche zu mehren - eine Art der Geldanlage, die auch in steuerlicher Hinsicht vorteilhaft ist: Verluste können abgeschrieben, gehobene Schätze müssen nur zu 20 Prozent versteuert werden.

So besorgte etwa die New Yorker Investment-Firma E. F. Hutton dem amerikanischen Schatzjäger Barry Clifford das notwendige Kapital, mit dem er die Bergung der Schätze aus dem 1717 vor der Küste von Massachusetts gesunkenen Piratenschiff »Whydah« finanzierte - für ihn und seine Geldgeber ein einträgliches Geschäft. Bis jetzt hat Clifford Schätze im Wert von zwölf Millionen Dollar aus dem Wrack geholt, und dies ist nur ein Bruchteil der auf insgesamt 380 Millionen Dollar geschätzten Unterwasserbeute.

44 Millionäre, darunter die Pop-Sängerin Diana Ross und ihr norwegischer Ehemann, investierten in die von Robert Marx gegründete »Phoenician South Seas Treasures Ltd.«, die sich von der philippinischen Regierung die Lizenz gesichert hat, in einem 18 500 Quadratmeilen weiten Gebiet nach 44 Manila-Galeonen zu suchen - jede von ihnen hat vermutlich Schätze von rund einer halben Milliarde Dollar an Bord.

Etwa 75 lohnende Wracks wähnt Mel Fisher bei den Riffs und Sandbänken von Barbuda, unweit der Karibikinsel Antigua. In seinem derzeit auf Barbuda errichteten »Treasure Island Club« sollen alsbald Taucher aus aller Welt - gegen Bezahlung - an Fisher-Expeditionen teilnehmen können. Ölbohrkonzerne setzen ihre Mini-U-Boote und anderes Tieftauchgerät bei der Unterwasser-Goldjagd ein.

Von anonymen Geldgebern hingegen wird die Titanic-Expedition finanziert. Vertragspartner der in Großbritannien registrierten »Ocean Research Exploration Ltd.« ist das französische Meeresforschungsinstitut Ifremer, das sich in einer Klausel verpflichtet hat, keines der Fundstücke zu verkaufen - sie sollen in einer Wanderausstellung auf der ganzen Welt gezeigt werden und auf diese Art den Anlegern die erhoffte Rendite bringen.

Im September 1985 hatte ein Ifremer-Team zusammen mit Experten der amerikanischen Woods Hole Oceanographic Institution das (560 Kilometer vor Neufundland gelegene) Grab des Luxusliners gefunden, nachdem die franco-amerikanische Expedition das Meer wochenlang mit hochmodernen Sonargeräten und Kameras abgesucht hatte.

Die Ifremer, ein staatliches Institut, wollte mit den aufsehenerregenden Photos vom Wrack ein großes Geschäft machen, doch daraus wurde nichts - die Amerikaner gaben die Aufnahmen gratis an die Presse weiter. »Wir haben dadurch sehr viel Geld verloren«, so Bruno Chomel de Varagnes, der Leiter der jetzigen Expedition.

1986 kehrten die US-Forscher von der Woods Hole Institution zur Fundstelle zurück, diesmal mit einem Mini-U-Boot, in dem der Meeresgeologe Ballard und zwei Mitglieder seines Teams mehrmals zur Titanic hinabtauchten und sensationelle Video-Aufnahmen und Photos von dem Wrack machten, sehr zum Ärger der Franzosen, die wegen Geldmangels hatten zu Hause bleiben müssen.

»Jetzt sind wir dran«, frohlockte unlängst Chomel de Varagnes - doch kaum hatte die »Nautile« die ersten Fundstücke von der Titanic nach oben gebracht, da erhob sich vor allem in den USA, die das Wrack zur Gedenkstätte erklärt haben, ein Sturm der Entrüstung: »Grabräuber, Piraten, Verräter«, polterte der Sprecher der Titanic Historical Society, der US-Senator Lowell Weicker sprach von »Grabschändung«.

Den melodramatischen Höhepunkt des Protests setzte die 82jährige Miss Eva Hart, deren Vater in den eisigen Fluten ertrunken ist, kurz nachdem er die damals Siebenjährige in eines der nur 16 Rettungsboote der Titanic geworfen hatte. Von einem der Teller, den die »habgierigen Aasgeier« da heraufgeholt haben, meinte die Überlebende, »hat mein Daddy möglicherweise sein letztes Dinner gegessen«.

[Grafiktext]

CHINA Manila Philippinen AUSTRALIEN USA SPANIEN AFRIKA SÜDAMERIKA Mexico Key West Panama Bermuda Bahamas Azoren Cadiz Kapverdische Inseln Kanarische Inseln Peru Chile PAZIFIK ATLANTIK Gebiete, in denen gesunkene Galeonen vermutet werden Ende des 16. Jahrhunderts: Spanische Besitzungen, spanische Handelswege

[GrafiktextEnde]

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