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ATOMTRANSPORTE Kurieren am Symptom

Mehr als ein Jahrzehnt verschleppte die Stromwirtschaft das Problem der strahlenden Transportbehälter. Erfolgversprechende Alternativen wurden als zu teuer verworfen. Auch für die Zukunft heißt die sparsame Parole: besser putzen.
aus DER SPIEGEL 34/1998

Die Unterwasserschau im US-amerikanischen Atomkraftwerk Surry schien eine gelungene Premiere. Am schimmernden Boden eines Abklingbeckens, durch meterhohe Wasserschichten gegen die Außenwelt abgeschirmt, bugsierten Roboter tödlich strahlende Brennelemente in sechs nagelneue Container vom Typ Castor V/21.

Kein Zwischenfall trübte damals, im Oktober 1986, die Freude der deutschen Hersteller über den gelungenen Einstand ins amerikanische Atommüllgeschäft. Der Ärger begann erst nach dem Auftauchen.

Feinste radioaktive Teilchen hatten sich während der Unterwasserprozedur auf der grün lackierten Außenhaut der gußeisernen Ungetüme abgesetzt. So sehr die Reinigungskolonnen in ihren Schutzanzügen auch wienerten und putzten, die Oberfläche gab Strahlung ab - weit oberhalb der zulässigen Grenzwerte.

Mit Schaudern erinnert sich ein Augenzeuge noch heute an die »Riesenprobleme«, die es damals im US-Staat Virginia gab. Daß die nuclear community insgesamt das Phänomen der Verunreinigungen in den seither vergangenen zwölf Jahren weder in den USA noch in Europa oder Japan sicher in den Griff bekam, erfuhr die Öffentlichkeit erst in diesem Frühjahr, als die Bonner Umweltministerin Angela Merkel (CDU) erschrocken den Transport aller abgebrannten Brennelemente innerhalb und außerhalb der Landesgrenzen stoppte (SPIEGEL 22/1998). Inzwischen treibt der chronisch laxe Umgang der Kraftwerksbetreiber mit den Grenzwerten auch in den eigenen Reihen die Emotionen hoch. Manche wünschen »den Bossen«, die das Problem jahrelang schleifen ließen, »ein paar Peitschenhiebe«.

Erich Merz, von 1974 bis 1992 Mitglied der Reaktorsicherheitskommission (RSK), des wichtigsten kerntechnischen Beratergremiums der Bundesregierung, ärgert sich über frühere Blauäugigkeit: »Wir haben damals der nassen Beladung im Abklingbecken unter der Bedingung zugestimmt, daß die sorgfältig arbeiten. Das haben sie nicht getan.«

Die »sauberste technische Lösung«, glaubt Merz heute, »wäre von Anfang an die trockene Beladung gewesen«. Die Transportbehälter wären dann mit dem verstrahlten Wasser im Abklingbecken gar nicht in Berührung gekommen.

Doch zaghafte Vorstöße der Expertengremien in diese Richtung hatten keine Chance. Oft wiederholte Begründung der Industrie: zu teuer. Als RSK-Vertreter anregten, die Brennelemente unter einer mit frischem Wasser gefüllten Schutzglocke umzuladen, quittierte ein Kraftwerksbetreiber die Idee mit der knappen Bemerkung: »Brauchen wir nicht, bei uns können Sie das Beckenwasser trinken.«

Eine grandiose Fehleinschätzung: Bis in die jüngste Vergangenheit führte die Wiederaufarbeitungsanlage auf dem Cap de la Hague regelmäßig Klage über strahlende Transporte. Das Problem war universell und wohlbekannt. Bereits seit 1985 warnte die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) in Wien vor Kontaminationen, »die nicht nur auf der Oberfläche haften, sondern auch in Anstrichen oder metallischen Oberflächen absorbiert werden«.

Die Kraftwerker schwiegen und bemühten sich, der Probleme mit Heimwerkermethoden Herr zu werden: Mit Klebestreifen, Plastikfolien und Silikon hofften sie, die strahlenden Schwebestoffe fernzuhalten, mit Reibetüchern, Hochdruckduschen und diversen flüssigen Mixturen versuchten sie, die Behälteroberflächen nachträglich zu reinigen.

Solches Kurieren am Symptom führte nicht ans Ziel. Ein Teil der lästigen Strahlenpartikel haftete fest auf schwer zugänglichen Flächen oder in Problemzonen wie Deckelspalten, Schraubenbohrungen und versteckten Hohlräumen an den sogenannten Tragzapfen.

Andere Teilchen klebten, durch chemische oder physikalische Kräfte gebunden, direkt auf den metallischen oder lackierten Oberflächen der Behälter. Alternativvorschläge zur Lösung des Problems wurden von der Atomindustrie ignoriert oder weggedrückt.

Franzosen und Briten hielten an ihren stählernen Transportbehältern mit unbehandelten metallischen Oberflächen fest, die im Abklingbecken gelöste Strahlenisotope wie Kobalt-60 oder Cäsium-137 fast wie Magnete anzogen.

Der deutsche Containerproduzent, eine Tochter der in Essen ansässigen Gesellschaft für Nuklearservice (GNS), strich seine Castor-Behälter mit Lacken an, in der Hoffnung auf bessere Putzerfolge. Doch auch das ist allenfalls die zweitbeste Lösung, wenn man dem Hamburger Kleinunternehmer Friedhelm Timpert glaubt.

Unter dem Markennamen »Corrobesch-DF-Nuklear« vertreibt der Außenseiter einen spiegelglatten, keramikähnlichen Korrosionsschutz, der den bisher eingesetzten Lacken offenbar überlegen ist. Praktische Tests an GNS-Sphärogußbehältern und Prüfberichte aus den Forschungszentren Karlsruhe und Jülich attestieren Timperts Hochglanzbeschichtung beste Noten.

Auch die GNS bestätigte eine »sehr gute Strahlenbeständigkeit«. Die KFA Jülich äußerte sich geradezu begeistert. »Bereits durch sorgfältiges Abwischen mit einer Dekontaminationslösung«, heißt es in einem Vermerk von 1994, ließen sich Corrobesch-beschichtete kontaminierte Castor-Flächen vollständig von der Strahlung befreien. Manche konventionell geschützte Oberflächen dagegen strahlten, bis man sie »durch Abbeizen des Lackes« entseuchte.

Für Merz ist es deshalb »keine Frage, daß Timperts Schichten besser sind als die Castor-Lacke«. Und natürlich auch besser als die unversiegelten metallischen Oberflächen der französischen und britischen Transportbehälter, in denen die Brennelemente aus deutschen Meilern nach la Hague und Sellafield geschafft werden.

Der Haken: Die Corrobesch-Mixtur muß in klinisch reiner Atmosphäre auf zuvor sandgestrahlte Transportbehälter aufgebracht werden - ein aufwendiges Verfahren, das die Castor-Behälter (Stückpreis: 2,5 Millionen Mark) weiter verteuern würde. Nach einigen erfolgreichen Tests setzte die GNS die Corrobesch-Beschichtung wieder ab. Die traditionell verwendeten Lacke, beharrt ein Firmensprecher, »leisten qualitativ Ähnliches«.

Auch einer anderen Idee Timperts mochten die Transportbehälter-Hersteller nicht folgen. Der Hamburger Querdenker hatte der GNS in den achtziger Jahren ein »physikalisch selbstverschließendes Deckelsystem« für ihre Castoren angedient, das praktisch ohne Schrauben auskommt. Eine zentrale Quelle für die leidige Behälterverseuchung wäre so verschwunden.

Das Verfahren beruht auf dem simplen Trick, daß sich tiefgekühlte Metallkugeln, wenn sie warm werden, wieder ausdehnen und so die Deckeldichtung fest verschließen. Doch die Hersteller verwarfen auch diese selbstschließenden Einwegdeckel (die zum Öffnen jedesmal zerstört werden müssen) - wegen zu hoher Kosten.

Nicht nur Außenseiter-Konzepte, auch die Empfehlungen der IAEO perlten an den Transportbehälter-Herstellern ab. »Die effektivste Art, nichtfesthaftende Kontamination auf der Oberfläche von Versandstücken niedrig zu halten«, stellte die Wiener Atomaufsichtsbehörde schon 1985 fest, »besteht in der Vermeidung einer Kontamination.«

Dieser Devise folgend, entschied sich Ontario Hydro, der größte kanadische Atomkraftwerksbetreiber, vor einigen Jahren für ein Verfahren der trockenen Beladung. Dazu werden die ausgelaugten Brennelemente (nach einer Zwischenlagerung im Abklingbecken) in kraftwerksinterne »heiße Zellen« transportiert. Dort werden die hochaktiven Abfälle, gegen die Umwelt abgeschirmt und fern vom radioaktiv verseuchten Wasser, in Lager- und Transportbehälter verpackt.

Anders als in Kanada müßten in den in Deutschland betriebenen Altmeilern solche »heißen Zellen« erst eingerichtet werden, aus Platzmangel in verbunkerten Nebengebäuden außerhalb des Sicherheitsbehälters - mit Abstand die teuerste aller Lösungen.

Eleganter wollen die Konstrukteure des von Siemens und Framatome seit bald zehn Jahren konzipierten Europäischen Druckwasserreaktors EPR das Problem umgehen. In dem Mammutreaktor, der bisher nur als Blaupause existiert, sollen die Transportbehälter zur Brennelemente-Beladung an das Abklingbecken angedockt werden. Ihre Außenhaut bliebe trocken.

Bei den bestehenden Meilern bliebe - jenseits weiterer Wischdienste mit fragwürdigen Erfolgsaussichten - nur eine Rundumertüchtigung der bisher eingesetzten Brennelemente-Container. Die aber würde, wie der Gießener Professor Elmar Schlich schätzt, bis zur Genehmigung und Einführung etwa zehn Jahre dauern und rund zehn Milliarden Mark verschlingen.

Gleichwohl formulierte der schleswig-holsteinische Energieminister Claus Möller (SPD) als politische Mindestforderung, die umstrittenen Behälter müßten künftig die »Gewähr bieten, daß diese nicht auf dem Transportweg radioaktive Teile ausschwitzen und deshalb permanent dekontaminiert werden müssen«.

Möllers bündnisgrüner Staatssekretär Wilfried Voigt schließt nicht aus, daß »völlig neue« Container nötig wären - und das beträfe nicht nur die französischen und britischen, sondern auch die deutschen Castoren, die bisher nicht zu den Wiederaufarbeitungsanlagen ins Ausland reisen.

Die dickwandigen 100-Tonnen-Gefäße mit den charakteristischen Kühlrippen, hergestellt bei der Gesellschaft für Nuklear-Behälter (GNB), einer GNS-Tochter, waren schon vor dem Transportbehälter-Skandal umstritten. Zwar absolvierten sie bei der Bundesanstalt für Materialprüfung in Berlin zu Beginn der achtziger Jahre die von der IAEO empfohlenen Härtetests - unter anderem den Sturz aus neun Meter Höhe auf eine unnachgiebige Betonplatte sowie ein halbstündiges Fegefeuer bei 800 Grad Celsius.

Doch die Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit in schweren Unfallsituationen verstummten nie: Das Material, ein spezielles Gußeisen ("Sphäroguß"), neige unter Extrembelastungen und bei tiefen Temperaturen zu sprödem Versagen, fürchteten Kritiker vor allem in den USA. Die US-

* Probespritzung an einem Sphärogußbehälter der Firma GNS.

amerikanische Atomkontrollbehörde NRC lieferte sich mit den deutschen Genehmigungsbehörden und der IAEO einen jahrelangen erbitterten Disput über die »Sprödbruchsicherheit« der Castor-Kolosse. Folge: In den USA ist der deutsche Standardcontainer für abgebrannte Brennelemente bis heute nur für die Zwischenlagerung, nicht aber für den Straßen- oder Schienentransport hoch radioaktiver Brennelemente zugelassen.

Eine Neu- oder Umkonstruktion der Castor-Behälter und ihrer französischen und britischen Gegenstücke lehnen dagegen Vertreter der deutschen Atomwirtschaft rundheraus als »überflüssig« ab. Begründung: Ein solcher Neubeginn würde die Wiederaufnahme der Transporte auf Jahre verzögern und die Nutzung der Kernenergie ausgerechnet in einer Zeit verschärften Wettbewerbs auf dem Strommarkt zusätzlich verteuern.

»Besser putzen«, glaubt Erich Merz, werde denn auch das Minimalprogramm heißen, mit dem die Betreiber den Malaisen um die Brennelemente-Container begegnen wollen, sobald sich die politischen Wogen geglättet haben. Die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln, die den Transportbehälter-Skandal im Auftrag von Angela Merkel untersucht, zieht dabei mit.

Vor der Wiederaufnahme des Atommüllverkehrs seien belastete Behälter »gründlich zu dekontaminieren«, heißt es im Mitte Juli veröffentlichten, mittlerweile dritten Zwischenbericht der Kölner Gutachter. Im Klartext lautet die Empfehlung: mit leicht erhöhtem Einsatz weiterwurschteln wie bisher.

[Grafiktext]

Radioaktive Verseuchung bei Atommülltransporten nach La Hague

[GrafiktextEnde]

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Radioaktive Verseuchung bei Atommülltransporten nach La Hague

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* Probespritzung an einem Sphärogußbehälter der FirmaGNS.

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