Längste bekannte Coronainfektion 505 Tage positiv

Bei immungeschwächten Personen dauert eine Sars-CoV-2-Infektion manchmal sehr lang – bei einem Patienten jetzt sogar fast eineinhalb Jahre. Ihr Körper kann dabei wie eine Brutstätte für Mutanten wirken.
Bei immungeschwächten Personen kann eine Coronainfektion länger dauern

Bei immungeschwächten Personen kann eine Coronainfektion länger dauern

Foto: Marijan Murat / dpa

505 Tage lang, bis zu seinem Tod, wurde ein britischer Coronapatient ununterbrochen positiv auf das Virus getestet. Das teilten Forscher des King's College London  und des Guy’s and St. Thomas’ NHS Foundation Trust mit. Das ist nach ihren Angaben bislang die längste bekannte Infektion.

Der Coronapatient habe unter einer Immunschwäche gelitten und nahm an einer Studie teil, die Aufschluss darüber geben sollte, wie sich das Virus bei langfristig Erkrankten verändert. Die Wissenschaftler fanden dabei erneut Hinweise darauf, dass in immungeschwächten Patienten neue Virusvarianten entstehen können, wie aus der Mitteilung hervorgeht. Die Ergebnisse sollen bei einem internationalen Kongress in Lissabon an diesem Wochenende vorgestellt werden.

Mit Immunschwäche längere Infektion möglich

Bei geimpften Menschen mit funktionierendem Immunsystem dauert eine Infektion mit dem Coronavirus in der Regel etwa ein bis zwei Wochen, oft auch nur wenige Tage. Bei stark immungeschwächten Personen ist das anders, hier können aktive Infektionen lange andauern.

Dabei kann der Körper immungeschwächter Menschen wie eine Brutstätte für Mutanten wirken, nicht nur bei HIV-Infizierten, sondern auch bei Organempfängern oder anderen Patientinnen und Patienten, deren körpereigene Abwehr durch Medikamente herabgesetzt wurde. Das haben Forscherinnen und Forscher bereits vielfach in Studien dokumentiert. »Das Immunsystem wehrt sich noch ein bisschen, aber nicht heftig genug, um das Virus loszuwerden«, erklärte der Infektionsbiologe Alex Sigal vom Africa Health Research Institute in Durban im vergangenen Jahr dem SPIEGEL . Allerdings heftig genug, um das Virus unter Druck zu setzen: Der Wirt zeigt dem Eindringling die Waffen, schießt aber nicht. So lernt der Erreger die Gegenwehr kennen – und passt sich an.

Dieses Themas haben sich auch die Forscher vom King's College London  und des Guy’s and St. Thomas’ NHS Foundation Trust angenommen. Für ihre Studie beobachteten sie neun Covid-19-Patienten, die aufgrund von anderen Erkrankungen oder Therapien ein geschwächtes Immunsystem hatten. Im Schnitt waren sie 73 Tage lang infiziert. Bei zwei Patienten dauerte die Infektion länger als ein Jahr an.

Neue Varianten bei Immungeschwächten

»Regelmäßige Proben und genetische Analysen des Virus zeigten, dass fünf der neun Patienten mindestens eine Mutation entwickelten, die in als besorgniserregend eingestuften Varianten vorkamen«, hieß es in der Mitteilung. Bei einem Patienten seien zehn Mutationen festgestellt worden, die einzeln in besorgniserregenden Varianten wie Alpha, Gamma oder Omikron auftreten.

»Das erbringt den Beweis, dass Mutationen, die in besorgniserregenden Varianten vorkommen, in immungeschwächten Patienten vorkommen, und stützt die Vorstellung, dass neue Varianten der Viren in immungeschwächten Personen entstehen könnten«, sagte Luke Blagdon Snell vom Guy’s and St Thomas’ NHS Foundation Trust.

Es sei aber wichtig zu betonen, dass keiner der in der Studie beobachteten Patienten eine Virusvariante entwickelt habe, die zu einer der weit verbreiteten besorgniserregenden Varianten geworden sei, sagt Snell. Unklar sei aber weiterhin, ob die Varianten Alpha, Delta und Omikron auf diese Weise entstanden seien.

ani/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.