Menschliche Eingriffe in die Natur Landwirtschaft und Verstädterung treiben das Insektensterben voran

Eine noch größere Gefahr als die Klimakrise stellt für die Insekten in Deutschland der Mensch dar. Das ist das Ergebnis einer Feld-Studie aus Bayern. Besonders groß ist demnach der Einfluss intensiver Landwirtschaft.
In verschiedenen Ökosystemen kommt Insekten eine tragende Rolle zu

In verschiedenen Ökosystemen kommt Insekten eine tragende Rolle zu

Foto: Dirk Daniel Mann / Chromorange / IMAGO

Die Sorge vor einem Insektensterben ist nicht neu. Doch nun gibt eine Studie von Forscherinnen und Forschern der Universität Würzburg neuen Anlass: Die Untersuchung, die in der Fachzeitschrift »Nature Communications«  erschienen ist, macht für das Insektensterben vor allem Eingriffe der Menschen in die Natur verantwortlich.

Negative Folgen haben demnach die zunehmende Verstädterung und die damit verbundene Versiegelung von Böden. Genauso wirke sich aber auch eine intensive Landwirtschaft negativ auf die Artenvielfalt und Anzahl der Insekten aus.

Steigende Temperaturen sind nicht das Problem

Eine möglicherweise überraschende Erkenntnis der Studie: Die durch die Klimakrise steigenden Temperaturen stellen vorerst keine besondere Bedrohung dar. Höhere Temperaturen könnten sich im Gegenteil sogar positiv auf die Menge der Insekten und die Anzahl der Arten auswirken, heißt es in der Studie. Das gelte jedoch nur bis zu einer gewissen Temperaturgrenze. Diese Grenze sei hierzulande noch nicht erreicht, sagte der Biologe Johannes Uhler, Erstautor der Studie.

Trotzdem sei ein Temperaturanstieg auch für Insekten nicht unbedingt erstrebenswert: Man müsse indirekte Wirkungen bedenken, zum Beispiel, wenn wegen höherer Temperaturen die Nahrungspflanzen für bestimmte Insekten nicht mehr vorkommen.

Die Forscherinnen und Forscher äußern auch Kritik an bisherigen Erhebungen: Bislang habe man für das Insektensterben vor allem Veränderungen der Landnutzung verantwortlich gemacht, etwa dort, wo vermehrt Monokulturen wie Raps oder Mais angebaut wurden. Auch die Klimakrise mit vermehrter Hitze und Trockenheit sei als Ursache genannt worden. Ein weiteres Problem bisheriger Befunde sei, dass man die Vielfalt der Insektenarten nicht weiter berücksichtigt habe. Außerdem seien häufig nur kurze Zeiträume oder kleine Gebiete einbezogen worden.

Netzfallen an 179 Standorten in Bayern

Für die neue Studie stellten die Forscherinnen und Forscher im Frühjahr 2019 deshalb an 179 Orten in ganz Bayern Netzfallen auf, vom Tiefland bis in die Berge, in Wäldern, auf Wiesen und Feldern, in naturnahen Gebieten und in Siedlungen. Eine ganze Vegetationsperiode lang hätten die Beteiligten die Fallen alle 14 Tage geleert. Anschließend bestimmten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Biomasse, also das Gewicht der gefangenen Insekten. Die Biomasse  gilt als Maßstab für die Menge, die in einem Gebiet vorkommt. Zudem habe man mithilfe von DNA-Analysen die Arten identifiziert.

Die meisten Arten und die größte Anzahl an Insekten fanden die Forscherinnen und Forscher in naturnahen Gebieten, zum Beispiel in Wäldern. Im Vergleich dazu war die Biomasse der Insekten in der Stadt um 42 Prozent niedriger. Rund um bewirtschaftete Flächen war hingegen vor allem die Artenvielfalt um 29 Prozent niedriger.

Mehr Grünflächen, mehr Hecken, mehr Ackerrandstreifen

Kleine Veränderungen könnten die Situation der Insekten verbessern. Die Würzburger Forscher schlagen unter anderem vor, in Städten mehr Grünflächen  einzurichten, etwa am Straßenrand oder auf Dächern. Auch Hecken und Ackerrandstreifen könnten einen wichtigen Beitrag leisten.

Die bayernweiten Ergebnisse sind nach Angaben der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wohl auf ganz Deutschland übertragbar.

vki/dpa
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