»Langer Marsch 5B« Diese Rakete könnte den Süden Europas treffen

Diese Woche wird erneut eine riesige chinesische Raketenstufe auf der Erde einschlagen. Wo, lässt sich nicht exakt vorhersagen. Kümmert sich Peking absichtlich nicht um die Gefahr?
Start der Rakete »Langer Marsch 5B« mit dem Kernmodul der neuen chinesischen Raumstation

Start der Rakete »Langer Marsch 5B« mit dem Kernmodul der neuen chinesischen Raumstation

Foto: VCG / Getty Images

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Bis zum Mai 2020 hatten die Menschen in Mahounou wenig mit dem Weltraum zu schaffen. Doch dann krachte an einem Montag ein Rohr vom Himmel, rund zehn Meter lang . Das Dorf in der westafrikanischen Elfenbeinküste war von einem Trümmerstück einer abgestürzten chinesischen Raketenstufe getroffen worden. Es stammte vom Jungfernflug von Pekings Schwerlasttransporter »Langer Marsch 5B«.

20 Tonnen schwer, war die Raketenstufe tagelang um die Erde getaumelt, bis sie unkontrolliert zur Oberfläche zurückstürzte. Ein großer Teil des Weltraumschrotts verglühte durch die Reibung in der Atmosphäre. Doch ein Teil fiel eben auf Mahounou hinab. Zum Glück wurde niemand verletzt, zumindest sind keine entsprechenden Informationen bekannt.

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Fast auf den Tag genau ein Jahr später hat die Welt dasselbe Problem: Eine ausgebrannte Stufe der »Langer Marsch 5B« wird in den kommenden Tagen wieder unkontrolliert auf die Erde krachen.

Sie hatte vor wenigen Tagen das Kernmodul der zukünftigen Raumstation »Tianhe« ins All geschossen, wurde anschließend nicht mehr gebraucht und stürzt nun ab. Und weil die Rakete so schwer ist und aus teils extrem hitzebeständigen Materialien gefertigt wurde, dürfte wieder ein Teil die Erde erreichen.

Aber warum lässt China das zu? »Sie kümmern sich absichtlich nicht darum«, beklagt  Jonathan McDowell, der sich am Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics unter anderem mit Weltraumschrott befasst. Er sagt, Peking habe sich beim Design der neuen Rakete keine Mühe gegeben, das Schrottproblem zu verhindern: »Das ist echte Fahrlässigkeit.«

Die Rakete »Langer Marsch 5B« vor dem Start am Weltraumbahnhof Wenchang

Die Rakete »Langer Marsch 5B« vor dem Start am Weltraumbahnhof Wenchang

Foto: Guo Wenbin / Xinhua / imago images

»Es sollte internationale Vereinbarungen geben«, die so etwas verhinderten, fordert Forscher McDowell. Die meisten Länder berücksichtigten das Problem, wenn sie eine neue Rakete entwerfen. Doch das ist aufwendig: Um eine ausgebrannte Raketenstufe gezielt herabstürzen zu lassen, muss für das nötige Manöver gezielt Treibstoff aufgespart werden. Diese Reserve aber verringert die maximale Nutzlast der Rakete.

Holger Krag leitet bei der Europäischen Weltraumorganisation (Esa) die Abteilung für Raumfahrtsicherheit. »Wir verfolgen das Objekt«, sagt er im Gespräch mit dem SPIEGEL. Derzeit befindet sich das riesige Schrottteil auf einer elliptischen Bahn zwischen 170 und 310 Kilometern Höhe. »Jeden Tag sinkt die Stufe durch die Reibung mit den wenigen Luftteilchen, die es auch so weit draußen noch gibt, ein paar Kilometer weiter ab.«

Wahrscheinlich fällt der Schrott ins Wasser – aber was, wenn nicht?

Aktuell gehen Krag und seine Leute davon aus, dass die Rakete zwischen Freitag, dem 7. Mai, und Dienstag, dem 11. Mai, zur Erde stürzt. Nur wo wird das sein? Das lässt sich selbst kurz vorher nicht seriös sagen. Nur eine Eingrenzung ist möglich: Der Absturz wird irgendwo zwischen 41,5 Grad nördlicher und 41,5 Grad südlicher Breite erfolgen. Das ergibt sich aus der Bahn , auf die der Flugkörper gestartet wurde – und seitdem um die Erde kreist.

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Das heißt: In Europa müssen sich schlimmstenfalls Menschen in Teilen von Portugal, Spanien, Italien, Griechenland und anderen südeuropäischen Ländern Sorgen machen. Und weil die Oberfläche der Erde zu gut 70 Prozent aus Wasser besteht, ist es sogar sehr wahrscheinlich, dass Weltraummüll irgendwo ins Meer platscht, ohne dass auch nur jemand in der Nähe ist. Nur kann das eben niemand so genau wissen.

Der Absturz im Mai 2020 etwa hätte auch ganz anders ausgehen können. So machten US-Weltraumexperten darauf aufmerksam, dass die ausgebrannte Raketenstufe statt in Mahounou auch in New York City hätte aufschlagen können, wäre die Rakete auch nur 30 Minuten früher vom Himmel gefallen. »Das hätte extrem gefährlich sein können«, beklagte  der damalige Nasa-Chef Jim Bridenstine.

Das Ganze ist allerdings bei Weitem kein rein chinesisches Problem. Im Sommer 1979 etwa stürzte die 77 Tonnen schwere US-Raumstation »Skylab« unkontrolliert über Australien ab. Jahrzehntelang haben die USA, die Sowjetunion oder Russland, aber auch Europa, Japan und andere den Weltraum vollgemüllt. Allein im niedrigen Erdorbit kreisten bereits Ende 2019 mehr als 880 ausgebrannte Raketenstufen. Auf höheren Bahnen kommen noch einmal 250 weitere dazu. Sie alle werden früher oder später zur Erde stürzen. »Die anderen Weltraumnationen waren kein gutes Vorbild«, sagt Hugh Lewis, der das Problem an der Universität im britischen Southampton erforscht.

Die Altlasten sorgen dafür, dass jedes Jahr rund 150 Tonnen Weltraummüll bei unkontrollierten Wiedereintritten verglühen. Dass aber ein einziges Teil mehr als 20 Tonnen schwer ist, das ist schon etwas besonders. »Das ist besorgniserregend. Es handelt sich um ein wirklich großes Objekt«, sagt Forscher Lewis. »Und es ist ein systemisches Problem mit diesem speziellen Startvehikel.«

Erst ein Mal Schadensersatz gezahlt

Während immer mehr andere Trägerraketen ihre nicht mehr benötigten Stufen gezielt Richtung Erde steuern und einen unkontrollierten Absturz vermeiden können, tritt das Problem bei der »Langer Marsch 5B« zum zweiten Mal auf – bei bisher zwei Starts. Und vermutlich ist es auch nicht das letzte Mal, dass man sich am Boden sorgen muss: Der aktuelle Ausbauplan der chinesischen Raumstation sieht für den kommenden Mai den Start des Wissenschaftsmoduls »Wentian« vor – mit einer »Langer Marsch 5B«. Die dürfte nach ihrem Einsatz wohl wieder unkontrolliert abstürzen.

Doch was ist die Alternative? Immer wieder einmal haben Ingenieure mit dem Gedanken gespielt, ausgebrannte Raketenstufen zu Weltraumstationen umzufunktionieren. Zuletzt hatte das der Chef der US-Firma Nanoracks vorgeschlagen . Ihm schwebt vor, zunächst wissenschaftliche Experimente an der Außenhülle der Schrottteile anzubringen. Später sei es aber auch denkbar, die Tanks mithilfe von Robotern so umzubauen, dass sie anschließend als Astronautenquartiere dienen könnten.

Doch das ist bestenfalls Zukunftsmusik. Bis die alten Raketenstufen keine Belastung und potenzielle Gefahr mehr sind, wird noch viel Zeit vergehen. So lange kann man hoffen, dass es am Boden – so wie bisher – keine größeren Schäden gibt. Falls doch, dann wäre zumindest klar, dass der Startstaat, in diesem Fall China, Schadensersatz zahlen muss. So steht es im 1972 ausgehandelten »Übereinkommen über die völkerrechtliche Haftung für Schäden durch Weltraumgegenstände«. Allerdings wurde der Mechanismus bisher einmal erst genutzt. Ein abgestürzter sowjetischer Spionagesatellit hatte im Januar 1978 einen Landstrich in Nordkanada radioaktiv belastet.

Von einer Klage aus Mahounou ist nichts bekannt.

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