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SCIENCE-FICTION »Langeweile ist mir wichtig«

Bestsellerautor Andreas Eschbach über die Leiden alternder Cyborgs, den Einfluss der utopischen Literatur auf die Wissenschaft und die erste Begegnung mit Außerirdischen
aus DER SPIEGEL 43/2003

SPIEGEL: Herr Eschbach, in Ihrem neuen Roman versuchen US-Militärs übermenschliche Superkämpfer zu schaffen, indem sie Elitesoldaten Titanknochen, Muskelverstärker und Teleskopaugen einpflanzen*. Doch die Implantate funktionieren nicht richtig, die Cyborg-Krieger kommen nie zum Einsatz und vegetieren schließlich als Frührentner dahin. Da werden eingefleischte Action-Fans sicher enttäuscht sein.

Eschbach: Es haben sich in der Tat schon Leute bei mir beschwert, ich hätte sie in eine Geschichte über den körperlichen Verfall gelockt. Die hatten erwartet, dass ich es viel mehr krachen und ballern lasse.

SPIEGEL: Wie sind Sie denn auf die schräge Idee mit den invaliden Supermännern gekommen?

Eschbach: Die Idee hatte ich schon zehn Jahre mit mir herumgetragen. Jeder kennt doch die Erfahrung, dass ein Chirurg vor einer Operation verspricht: »Keine Sorge, ist nur ein kleiner Schnitt.« Doch hinterher spürst du die OP-Narbe für den Rest des Lebens. Das habe ich jedenfalls selbst schon am eigenen Leib erlebt. Oder denken Sie nur an die grässlichen Experimente mit jenen Kunstherzpatienten, die alle kurz nach dem Eingriff starben. Genau diesen medizinischen Machbarkeitswahn wollte ich mit meinem Gedankenexperiment karikieren: Die Militärforscher implantieren ihren Soldaten immer neue Spielzeuge und geben sich der Illusion hin, alles im Griff zu haben - doch dann fängt das erste nukleargetriebene Turboherz an zu stottern.

SPIEGEL: Nach und nach kommt es in den Eingeweiden Ihrer Superhelden zu Stromausfällen, Wackelkontakten und Materialermüdungen. Eine Parabel auf das Altern an sich?

Eschbach: Ja, aber das hat sich erst beim Schreiben so ergeben. Und diese Entwicklung, die die Geschichte nahm, fiel mir auch gar nicht so leicht. Manchmal hat es richtig Überwindung gekostet, weiterzuschreiben. Schließlich bin ich selber schon in einem Alter, wo erste Zipperlein auftreten und die Augen schlechter sehen. All diese Wehwehchen werden auch nicht mehr vergehen, sondern sind eine unausweichliche Bewegung auf den Tod zu.

SPIEGEL: Selbst Sie als Zukunftsautor glauben nicht daran, dass sich das Altern irgendwann einmal besiegen lässt?

Eschbach: Nein. Unsterblich ist nur der Traum von der ewigen Jugend. Wenn Sie auf dem SPIEGEL-Titel verkünden würden: »Jungbrunnen entdeckt«, hätten Sie sicherlich eine Rekordauflage. Doch es wäre nur eine gefährliche Illusion.

SPIEGEL: In Ihrem Roman wurden die - natürlich streng geheimen - Medizin-Experimente bereits unter US-Präsident Ronald Reagan begonnen. Und am Ende sollen die unbrauchbaren Maschinen-Menschen von CIA-Agenten beseitigt werden. Bedienen Sie damit nicht die plattesten Klischees der Verschwörungstheoretiker?

Eschbach: Das Schlimme ist ja, dass man den US-Militärs solche Experimente mit Cyborg-Soldaten tatsächlich zutraut. Denken Sie nur an die Menschenversuche von US-Militärs im Zusammenhang mit den Atombombentests in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts.

SPIEGEL: Und warum lässt sich Ihr Anti-Held, der schwächelnde Cyborg-Soldat namens Duane Fitzgerald, ausgerechnet in dem südirischen Fischerdorf Dingle als Frührentner nieder, um dort auf seinen baldigen Tod zu warten?

Eschbach: Ganz einfach: Weil ich dort Urlaub mit meiner Familie gemacht habe. Als ich dort die vielen amerikanischen Touristen gesehen habe, war mir sofort klar, dass dies der geeignete Schauplatz für das Cyborg-Drama wäre. Also habe ich sofort Fotos gemacht, in der Stadtbibliothek recherchiert, mir ein Haus für meinen invaliden Super-Soldaten ausgesucht.

SPIEGEL: Gehen Sie davon aus, dass der radikale Umbau eines Menschen zu einem Maschinenwesen tatsächlich zu bewerkstelligen wäre?

Eschbach: Zumindest hat mir ein Anatomiebuch geholfen, den Einbau von mechanischen Muskelverstärkern und anderen Hightech-Implantaten in einen menschlichen Körper so plausibel wie möglich zu beschreiben. Aber natürlich kam es mir nicht darauf an, eine präzise Anleitung für einen zukünftigen Cyborg-Konstrukteur zu schreiben.

SPIEGEL: Hilft Ihnen Ihre naturwissenschaftliche Vorbildung bei dem Entwurf von Zukunftsvisionen?

Eschbach: Glaube ich schon. Als gelernter Ingenieur bin ich es jedenfalls gewohnt, neue naturwissenschaftliche Entdeckungen schnell in etwas Brauchbares umzusetzen. Und als ehemaliger Software-Entwickler bin ich im Übrigen darauf konditioniert, für völlig vage beschriebene Projekte die Termine einzuhalten. Darüber freut sich natürlich mein Verlag.

SPIEGEL: Recherchieren Sie auch bei Forschern in den Labors?

Eschbach: Am Anfang lasse ich mich eher von populärwissenschaftlichen Artikeln - etwa im SPIEGEL - inspirieren. Um aber bestimmte Details zu klären, belästige ich auch Forscher mit meinen Fragen. So habe ich für einen späteren Roman kürzlich Kontakt zu einem koreanischen Kernphysiker aufgenommen. Dabei ging es um eine spezielle Frage zum Innenleben der Atome, die nur dieser eine Mann mir beantworten konnte.

SPIEGEL: Lassen sich umgekehrt Wissenschaftler von den Visionen der Science-Fiction-Autoren anregen?

Eschbach: Aber sicher. Science-Fiction-Autoren haben die Erfindung von Wettersatelliten, Handys oder das Internet weit vor ihrer Zeit vorhergesagt. Und viele heutige Forscher haben in ihrer Jugend utopische Romane gelesen, das hat ihre Phantasie trainiert - und nun bauen sie Nanomaschinen oder experimentieren mit dem Beamen von Photonen. Das ist gewiss kein Zufall.

SPIEGEL: Von der Literaturkritik hingegen wird das Science-Fiction-Genre traditionell kaum beachtet.

Eschbach: Vielleicht liegt das einfach dar-an, dass die Literaturkritiker im Physik- und Biologieunterricht nicht aufgepasst haben und deshalb mit unseren Themen so wenig anfangen können. Und was gern übersehen wird: Wenn ein Science-Fiction-Roman gelungen ist, wird er sofort von der Hochliteratur einkassiert und gilt fortan nicht mehr als Science-Fiction-Roman. Aus dieser Falle kommen wir nur schwer heraus. Wer hält etwa Simone de Beauvoir für eine Science-Fiction-Autorin? Dabei hat sie mit ihrem Roman »Alle Menschen sind sterblich« über die Schwermut eines wirklich Unsterblichen eine der besten utopischen Geschichten aller Zeiten geschrieben.

SPIEGEL: Ist nicht doch etwas dran an dem Vorwurf, dass sich Science-Fiction-Autoren zu sehr für die Beschreibung von Zeitmaschinen oder Raumschiffen interessieren und zu wenig für das Innenleben ihrer Charaktere?

Eschbach: Wenn das so wäre, müssten wir uns halt noch mehr anstrengen. Mich persönlich etwa interessiert gar nicht, im Detail einen Antrieb zu beschreiben, der ein Raumschiff zu fernen Sternen trägt. Viel mehr interessiert mich, wie eine solche Reise das Leben der Menschen verändern würde. Um es einmal plakativ zu sagen: Unsere Aufgabe sehe ich nicht darin, die Erfindung des Autos, sondern das Ärgernis des Verkehrsstaus vorherzusagen.

SPIEGEL: Woran liegt es, dass die deutschen Science-Fiction-Autoren meist auf dem ruhigen Lande leben?

Eschbach: Eine interessante Beobachtung. Ich glaube, die Phantasie wird stärker angeregt, wenn im Leben sonst wenig los ist. Ehrlich gesagt, ein langweiliger Alltag ist mir sogar wichtig. Und wenn es mir dann daheim zu langweilig wird, komme ich genau in die richtige Stimmung, um mir spannende Geschichten auszudenken.

SPIEGEL: Sie neigen auch dazu, Schauplätze aus der näheren Umgebung in Ihre Geschichten einzubauen. In »Kelwitts Stern« beispielsweise lassen Sie einen delfinähnlichen Außerirdischen ausgerechnet auf der Schwäbischen Alb notlanden. Finden Sie das nicht ziemlich unplausibel?

Eschbach: Im Gegenteil, die räumliche Nähe zum Leser macht eine utopische Geschichte doch viel glaubwürdiger. Wenn ich ein Ufo in der Wüste von Nevada landen lasse, weiß jeder: Das ist weit weg, an einem exotischen Schauplatz, also alles rein fiktiv. Aber wenn ich das Ufo bei Ihnen im Garten landen lasse und das eine Landebein zerdrückt Ihr Rosenbeet und das andere Landebein beschädigt Ihren Zaun, dann wirkt das gleich viel realer.

SPIEGEL: Glauben Sie wirklich daran, dass irgendwann die kleinen grünen Männchen bei uns landen könnten?

Eschbach: Vielleicht sind sie ja längst da. Warten Sie nur ab, bis Sie heute Abend die »Tagesschau« einschalten! Aber in Wahrheit müssen die Außerirdischen gar nicht hier landen, um unsere Zivilisation tief greifend zu verändern. Schon die Entdeckung einer zweiten Erde durch die geplanten neuen Weltraumteleskope würde die Menschheit erschüttern wie kaum ein Ereignis zuvor. Wir würden nicht ruhen, bis wir dorthin fliegen könnten. Und wenn es tausend Jahre dauern würde.

INTERVIEW: HILMAR SCHMUNDT, OLAF STAMPF

Andreas Eschbach

ist der erfolgreichste deutsche Science- Fiction-Autor. Der 44-jährige Schwabe (Gesamtauflage: über eine Million Bücher) wird bereits mit dem US-Bestsellerautor Michael Crichton verglichen. Eschbach studierte zunächst Luft- und Raumfahrttechnik, arbeitete als Software-Entwickler und war Chef einer EDV-Beratungsfirma. Nach seinem Erfolg mit dem Weltraum-Krimi »Solarstation« machte er sich 1996 als Schriftsteller selbständig. Sein Zeitreise-Thriller »Das Jesus Video« wurde für ProSieben verfilmt. Ungewöhnlich für einen Science-Fiction-Autor: Eschbach hat mehr weibliche als männliche Fans.

* Andreas Eschbach: »Der Letzte seiner Art«. Lübbe, BergischGladbach; 350 Seiten; 19,90 Euro.

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