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SPORTGESCHICHTE »Lasst das Brimborium«

Der Archäologe Stefan Lehmann, 56, Ausgräber am Zeus-Heiligtum in Olympia, über den Erfinder der olympischen Fackelzeremonie
aus DER SPIEGEL 22/2008

SPIEGEL: Seit Ende März lodert das Feuer des Weltsports in der Hand herumhastender Chinesen. Ist das endlose Gerenne noch im Sinne der olympischen Idee?

Lehmann: Das Laufritual wurde schon bei den vorherigen Spielen überdehnt. Jetzt landete die Flamme sogar auf dem Gipfel des Himalaja. In Paris und San Francisco musste sie von Bodyguards geschützt werden. Es ist entsetzlich.

SPIEGEL: War das Ganze nicht von Anbeginn Propaganda? Erfinder der Lichtmystik sind die Nazis.

Lehmann: Falsch. Schon 1928 brannte im Stadion von Amsterdam das olympische Feuer. Diese Symbolik hat der jüdische Archäologe Alfred Schiff dann für die Spiele in Berlin weiterentwickelt. Neuentdeckte Archivunterlagen beweisen, dass er gezielt antike Gemmen und Vasenbilder nach Darstellungen von Fackelläufen auswertete. Anfang der dreißiger Jahre war sein Konzept des olympischen Stafettenlaufs bereits fix und fertig.

SPIEGEL: Und dieses Konzept eines Juden wurde in Berlin verwirklicht?

Lehmann: Ja. Schiff war langjähriger Freund, Vertrauter und Ideengeber des deutschen Sportführers Carl Diem. Auch der war übrigens mit einer Jüdin verheiratet und keineswegs Nationalsozialist.

SPIEGEL: Konnte sich Schiff bei seiner Erfindung auf antike Vorbilder berufen?

Lehmann: Aus dem Altertum sind nur kultische Feuerläufe bekannt. Nach den zwei Perser-Schlachten von Marathon und Plataiai führten die Griechen Siegesfeiern ein, wobei sie brennende Stäbe durch ganz Böotien trugen. Es war ein Ausdruck religiöser Dankbarkeit für die Bewahrung ihrer Freiheit.

SPIEGEL: Schiff wollte, dass die moderne Olympiaflamme mit einem Parabolspiegel entzündet werde. Warum?

Lehmann: Wegen der Reinheit des Sonnenlichts und weil es eine antike Technik ist. Er suchte nach Zeichen der Völkerverständigung, die er mit ein bisschen Mystik vermischte. Nach der feierlichen Entzündung der Fackel in den Ruinen von Olympia wurde sie innerhalb von nur zwölf Tagen nach Berlin getragen.

SPIEGEL: Sie wünschen sich eine solche Verschlankung zurück?

Lehmann: Ja. Ich plädiere für eine Rückkehr zu den Wurzeln. Lasst das Brimborium, und bringt die Flamme in Zukunft direkt und ohne politische Inszenierungen von Olympia zum jeweiligen Austragungsort. Hierfür sollte das IOC Sorge tragen.

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