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LUFTFAHRT Lebensfeindliche Enge

Die Enge der Economy-Klasse martert die Passagiere. Jetzt starb eine junge Billig-Touristin, weil sie auf einem Langstreckenflug zu wenig Bewegung bekam.
aus DER SPIEGEL 44/2000

Hätte Emma Christoffersen Geld für die erste Klasse gehabt, dann würde sie jetzt noch leben. Doch die 28 Jahre alte Verkäuferin hockte die meiste Zeit des 20-Stunden-Flugs von Sydney nach London eingeklemmt auf ihrem Platz in der Economy-Klasse.

Die Raumnot geriet der britischen Billig-Touristin zum Verhängnis. Auf Grund der eingeschränkten Bewegung staute sich Blut in einer Vene und bildete ein Gerinnsel, vermutlich im Bein. Als Christoffersen nach der langen Reise die Maschine verließ, löste sich der Blutpfropf. Er trudelte durch ihren Körper, strandete in der Lunge und verstopfte dort eine lebenswichtige Ader. Die Frau sank auf dem Airport Heathrow in eine Ohnmacht, aus der sie nicht mehr erwachte. Die Todesursache lautet Lungenembolie.

Diese heimtückische Krankheit beschert Fernfliegern eine Sorge mehr. Abstürze, Hijacker und Bruchlandungen galten bisher als Schrecken der Luftfahrt. Jedes Jahr finden rund 1000 Fluggäste bei etwa 50 Katastrophen den Tod. Nun erfährt der Passagier: In Flugzeugen, die heil auf den Erdboden zurückkehren, sterben noch mehr Menschen.

»Jährlich kommt es weltweit in allen Flugzeugen zu etwa 2000 Todesfällen«, schätzt Lutz Bergau, Leitender Arzt der Lufthansa. Herzinfarkte und Lungenembolien sind die typischen Ursachen. Bis zu 15 während des Flugs Verstorbene landen jedes Jahr allein auf dem Flughafen Frankfurt und werden zur Beschau in die dortige Klinik verbracht.

Die lebensfeindliche Enge der hinteren Touristenklasse, zumal auf Langstrecken, begünstigt das Ableben nach dem Abheben. »Die Erlebnisse, die Passagiere hier überstehen müssen«, mahnte das Fachblatt »Flight International« schon vor zwei Jahren, seien »das exakte Gegenteil dessen, was gut ist für die körperliche und seelische Gesundheit des Menschen«.

Für Joan MacKay, 61, kam diese Warnung zu spät. Auf dem 17-Stunden-Trip von Johannesburg nach New York kauerte die Kanadierin unlängst auf dem Fensterplatz in Reihe 47. Sieben Stunden nach der glücklichen Landung erlag sie einer Lungenembolie - aus der Luft in die Gruft.

Glimpflicher, aber mit nur einem Fuß kam die Engländerin Val Clark, heute 60, vor fünf Jahren davon. Eingekeilt vom eigenen Gepäck, konnte sie sich während des Flugs von Minneapolis nach Amsterdam kaum rühren. In ihrem abgeklemmten Bein stockte das Blut. Dadurch entstand ein Pfropf und verschloss ein derart wichtiges Gefäß im Bein, dass Ärzte den Unterschenkel absägen mussten.

Zwar können solche Verschlüsse (Thrombosen) auch durch stundenlanges Sitzen in Bussen, Bahnen und Autos entstehen. Seit Aufkommen des Billigfliegens beobachten Ärzte das Phänomen jedoch vor allem unter Fluggästen und gaben ihm deshalb den Namen »Economy-Class-Syndrome«.

Kein Gesetz schreibt den Fluglinien vor, Mindestabstände einzuhalten. Christoffersen reiste in der Touristenklasse der australischen Airline Qantas und hatte 81 Zentimeter Platz zum Vordersitz. Die Lufthansa räumt den Gästen auf den billigen Plätzen einen Abstand von 79 bis 81 Zentimetern ein.

Ungefähr einer unter 10 000 Reisenden erträgt die Enge nicht und wird krank. »In den letzten Jahren haben sich vor allem bei Vielfliegern Fälle von Asthma, Herzenge, Magenschleimhautentzündung, geistiger Verwirrtheit, Thrombose und Hörstörungen gehäuft«, sagt Farrol Kahn, der das Aviation Health Institute im englischen Oxford leitet.

Nicht nur die Platznot, auch die extrem trockene und dünne Luft in der Kabine plagt die Passagiere. An Bord eines Flugzeugs ist der Sauerstoff so knapp wie auf einem 2500 Meter hohen Alpengipfel - die Insassen werden leicht anämisch. Der Gehalt an Kohlendioxid ist schwach erhöht. Bei empfindlichen Menschen, warnt Lufthansa-Arzt Bergau, könne das zum Kreislaufkollaps führen.

Und weil der Luftdruck niedriger ist als auf dem Erdboden, dehnen sich in Körperhohlräumen wie Mittelohr, Stirnhöhle und Darm die Gase aus - der Passagier bekommt Ohrenschmerzen, Kopfweh und lässt verstärkt Darmwinde fahren. Auch die Venen weiten sich. Der Blutfluss in den Gliedmaßen wird dadurch noch langsamer, was das Risiko einer Thrombose weiter erhöht.

Hauptursache für das Fliegerleiden ist jedoch das Eingepferchtsein in den hinteren Reihen, wie eine Studie deutscher Ärzte ergab. »Wir haben ganz klar herausgearbeitet«, sagt der Venenspezialist Lutz Schimmelpfennig aus dem oberfränkischen Burgebrach, »dass das Thrombose-Risiko in der ersten Klasse niedriger ist als in der Economy.«

Die Fluggesellschaften ficht das nicht an. Weder Qantas, noch British Airways oder Lufthansa sehen nach dem jüngsten Todesfall in der Touristenklasse Anlass, Billigreisenden mehr Platz zu schenken.

Es bleibt also gültig, was die Fachzeitschrift »Aviation Week & Space Technology« bereits im vergangenen Oktober beklagte. »Seit der Erfindung des elektrischen Stuhls«, so das Blatt, habe noch kein Möbelstück einen Menschen »stärker bestraft als der Economy-Klasse-Sitz«. JÖRG BLECH

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