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TERRORWAFFEN »Leibhaftige Hölle«

Nach dem Angriff auf das World Trade Center fürchten die Amerikaner nun auch Anschläge mit Giftgas oder tödlichen Mikroben. Sicherheitsexperten halten es für möglich, dass Terroristen längst biologische oder chemische Kampfstoffe hergestellt oder sich diese beschafft haben.
aus DER SPIEGEL 39/2001

Es war ihr erster Einsatz im wirklichen Leben. 22 Spezialisten der frisch gegründeten Sondereinheit für Massenvernichtungswaffen der US-Nationalgarde suchten noch am Abend des 11. September in den qualmenden Trümmern des World Trade Center nach versteckter Todesgefahr. Die Attentäter könnten, so die Befürchtung der Amerikaner, auch chemische oder biologische Kampfstoffe über Manhattan versprüht haben.

Und vier Stunden nach dem Einsturz der Zwillingstürme jagten die Wächter der obersten Seuchenkontrollbehörde, der Centers of Disease Control and Prevention in Atlanta, eine beunruhigende E-Mail an Notrufärzte, Sanitäter und Gesundheitsstellen im gesamten Land heraus: Jede »Erkrankung, die mit den heutigen Ereignissen in Zusammenhang stehen könnte«, hieß es darin, sei umgehend zu melden. Trinkwasseranlagen und Chemiefabriken wurden verschärft bewacht, für alle Atomkraftwerke höchste Sicherheitsstufe angeordnet.

Neun Spezialteams für Massenvernichtungswaffen der Nationalgarde sind inzwischen in verschiedene Regionen der USA entsandt worden. Polizisten kontrollieren die Wasserversorgung von Großstädten. Das FBI hat Landwirtschaftspiloten gebeten, beim Besprühen der Felder auf »jedwede ungewöhnliche Aktivität in Bezug auf Training, Benutzung oder Kauf gefährlicher Chemikalien oder deren Verbreitung aus der Luft« zu achten.

Seit der Attacke auf das Pentagon und das World Trade Center traut man Terroristen alles zu: Wer in der Lage ist, Flugzeuge mitsamt Passagieren in belebte Hochhäuser zu rammen, scheut womöglich auch nicht davor zurück, Tausende von Menschen gezielt mit Erregern tödlicher Krankheiten wie Milzbrand und Pocken zu infizieren oder mit Senf- oder Nervengas zu vergiften.

Im Unterschied zu Sprengstoffanschlägen würden Angriffe mit todbringenden Bakterien oder Viren anfangs gar nicht bemerkt (siehe Grafik). Die Menschen könnten die Wolke mit den Erregern weder sehen, noch riechen oder schmecken. Erst nach Tagen oder Wochen - je nach eingesetzter Mikrobe - brächen die ersten Infektionen aus. Die Befallenen würden in Praxen und Kliniken erscheinen mit Symptomen einer merkwürdigen Seuche, die nur die wenigsten Ärzte jemals gesehen haben.

Allenfalls ein Viertel der 6000 Krankenhäuser in den USA wäre auf solch einen Ernstfall vorbereitet, warnte das Fachblatt »Jama« Anfang des Jahres. Die meisten Kliniken wären kaum in der Lage, die Patienten zu isolieren und schnell genug mit den geeigneten Arzneien zu behandeln.

Angesichts des Entsetzens in den Vereinigten Staaten über den Terror wirkt das Alarmgeschrei des Epidemiologen Michael Osterholm, der schon lange vor Terrorismus mit Massenvernichtungswaffen warnt, gar nicht mehr so übertrieben: »Ein gut platzierter, wirksamer biologischer Kampfstoff kann zu Hunderttausenden von Todesfällen führen,« warnt der Mediziner. Die Welt würde sich innerhalb weniger Tage in etwas verwandeln, das einer »leibhaftigen Hölle so sehr ähneln wird wie wahrscheinlich nichts, was wir vorher gekannt haben«. Spätestens jetzt sei klar geworden, »dass es für Terroristen keine moralischen Hemmungen mehr gibt«, stimmt Donald Henderson zu, Direktor des Center for Civilian Biodefense Studies in Baltimore. Und der frühere CIA-Direktor James Woolsey hat den Bio-Terrorismus gar als »gefährlichste aller Bedrohungen« für Amerikas Sicherheit in absehbarer Zukunft bezeichnet. Ein größerer chemischer Angriff, schätzte er, könnte 50 000 Amerikaner umbringen, ein biologischer sogar eine halbe Million.

Tatsächlich verbreitet sich mit der boomenden Biotechnik auch das Wissen um die Zucht und den Einsatz von Mikroben um den Erdball. Außerdem, befürchten Experten, könnten frustrierte Forscher ihre Dienste an Terrororganisationen oder Schurkenstaaten verkaufen: »Tausende von Wissenschaftlern, die an mehr als 50 Chemie- oder Biowaffenfabriken in der ehemaligen Sowjetunion gearbeitet haben, waren mit Arbeitslosigkeit konfrontiert - und mit der Versuchung«, erklärt Amy Smithson, Expertin für Massenvernichtungswaffen am Henry Stimson Center, einem unabhängigen Forschungsinstitut in Washington.

Neben 2000 ehemaligen sowjetischen Experten, schätzt Smithson in einem umfassenden Terrorismusreport, müssen 7000 Forscher aus dem Chemie- und Biowaffenbereich als potenzielles Sicherheitsrisiko gelten: »Wir wissen, dass die Aum-Shinrikyo-Sekte schon bei denen angeklopft hat.«

Mit dem Terror der japanischen Sekte begann eine weltweite Diskussion darüber, wie wahrscheinlich eine Attacke mit ABC-Waffen ist. Immerhin waren die Sektenmitglieder die ersten (und bisher einzigen) Terroristen, die mit Giftgas töteten: Am 20. März 1995 starben zwölf Menschen in der Tokioter U-Bahn an dem Nervengift Sarin. Außerdem haben die Killer mit dem Milzbranderreger Anthrax, dem Bakteriengift Botulin und den Auslösern von Q-Fieber und Cholera experimentiert und sogar - vergeblich - versucht, in Zaire Ebolaviren zu ergattern.

Aber sämtliche zehn Versuche der Sekte, Mikroorganismen als Waffen zu benutzen, scheiterten kläglich. Auch dem muslimischen Terroristen Ramsi Ahmed Jussif war es 1993 am World Trade Center nicht gelungen, seinen ursprünglichen Plan auszuführen: Er hatte erwogen, ein chemisches Gift zu verwenden - doch es war ihm »zu teuer« gewesen, wie er später sagte. Deshalb unternahm er einen Sprengstoffanschlag.

Vielen Terrorismusforschern gelten die bisherigen Beispiele als Indizien, dass es selbst mit der tödlichen Energie eines Erzterroristen wie Jussif oder einer milliardenschweren Ausstattung wie jener der Aum-Sekte zu schwierig ist, eine Vielzahl von Menschen mit B- oder C-Waffen zu töten.

»Natürlich ist eine solche Attacke prinzipiell möglich«, sagt Jonathan Tucker, Direktor des Chemical and Biological Weapons Nonproliferation Program in Washington, »aber eben nicht wahrscheinlich.« Die Gründe:

* Biowaffen sind schwieriger zu beschaffen als konventionelle Sprengstoffe, deren Zutaten es teilweise in Gartencentern zu kaufen gibt.

* Erreger in ausreichender Menge mit den exakt richtigen Eigenschaften zu züchten und am Leben zu erhalten sei »ein sehr aufwendiges Unterfangen«, sagen Experten wie der Molekularbiologe Matthew Meselson von der Harvard University. »Normale Mikrobiologen kennen die erstaunliche Vielfalt der dafür notwendigen Tricks nicht.« Ein Staat könne das hinbekommen; terroristischen Gruppen dürfte es weit schwerer fallen.

* Es gilt als schwierig, Viren und Bakterien breit zu verteilen und unmittelbar wirksam am Zielort zum Einsatz zu bringen.

Eine Berechnung in Smithsons Studie rückt jene Horrorszenarien über C-Waffen zurecht, denen zufolge nur wenige Tropfen eines Kampfgases ausreichten, um ganze Stadtbevölkerungen auszulöschen: Ein Attentäter, der aus einer Garage oder einem Keller heraus operiert, brauchte zwei Jahre, bis er genug Sarin hergestellt hätte, um 500 Menschen unter freiem Himmel zu töten. 18 Jahre würde es dauern, bis er 10 000 vernichten könnte.

»Terrorismus ist ein erstaunlich konservatives Geschäft«, sagt Peter Chalk, Sicherheitsexperte am Washingtoner Forschungsinstitut Rand. Auch Kamikaze-Flugzeuge seien letztendlich eine neue Art von Bomben, meint er, »die Erweiterung einer traditionellen terroristischen Attacke«.

Dennoch sind Terroristen auch an Massenvernichtungswaffen interessiert. So hat der Terroristenführer Osama Bin Laden angeblich noch in der Woche nach dem Attentat auf Amerika in der arabischen Zeitung »al-Hajat« bekräftigt, dass Tausende junge, ergebene Muslime in chemischer, biologischer und nuklearer Kriegführung trainiert wurden und bereit seien, als Märtyrer zu sterben. Ob Bin Laden tatsächlich schon über Massenvernichtungswaffen verfügt, und falls ja, über welche, ist ungewiss.

Nach den bisherigen Erfahrungen steht nur eines fest: Der Einsatz von toxischen Substanzen in kleinerem Maßstab erscheint wahrscheinlicher als eine Verseuchung ganzer Landstriche mit Killerbakterien. So sollen die Israelis 1998 bei der Zerschlagung einer islamistischen Terroristenzelle Pläne gefunden haben, das Trinkwasser und Lebensmittel zu vergiften. Schon 1978 hatten palästinensische Attentäter hochgiftiges Quecksilber in Orangen injiziert und damit Menschen getötet; später folgten einige fehlgeschlagene Versuche, Wasservorräte zu verseuchen sowie weniger gravierende Kontaminationen von Babynahrung und Kaffee.

Auch in den USA kamen bereits Bioattacken vor: So schafften es die Angehörigen der Bhagwan-Sekte in Oregon im Herbst 1984 rund 750 Menschen mit Salmonellen aufs Krankenbett zu zwingen. Sie hatten die Bakterien über Restaurant-Salatbars verstreut, um eine Kommunalwahl in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Wie ernst die Amerikaner die Bedrohung nehmen, das wird in einem Buch deutlich, das ausgerechnet am Tag der Terrorkatastrophe erschienen ist und jetzt die Bestsellerliste von Amazon anführt*.

Darin beschreiben der »New York Times«-Autor Stephen Engelberg und zwei seiner Kollegen, wie das Pentagon in aller Stille den biologischen Ernstfall in einem Experiment durchspielen ließ: Demnach erhielt eine Gruppe amerikanischer Militärbiologen eine Million Dollar. Ihr Auftrag: Mit dem Geld sollten sie alles, was man für die Herstellung einer Milzbrand-Waffe

braucht, in gewöhnlichen Geschäften kaufen und dann in der Wüste Nevadas zu einer Produktionsstätte zusammensetzen.

Die Geheimmission verlief offenbar erfolgreich: »Sie bauten eine funktionstüchtige Keimfabrik, die genug Anthrax herstellen könnte, um alle Menschen in New York zu töten«, berichtet Engelberg über die Anlage, in der vorsichtshalber aber nur harmlose Bazillen herangezüchtet wurden.

In einem weiteren Teil des Geheimprojekts namens »Clear Vision« bauten die Amerikaner eine B-Bombe sowjetischer Bauart nach, die sie jedoch ebenfalls nur mit harmlosen Bakterien bestückten. Derzeit versuchen die US-Militärs, eine genetisch neue Variante funktionsfähiger Milzbrandbakterien zu entwickeln, die gegen Impfstoffe resistent ist. Der Versuch läuft noch - bis Ende des Monats will die amerikanische Regierung entscheiden, ob sie das umstrittene Werk zu Ende führt.

Nach Ansicht etlicher Experten verletzt das Unterfangen die Biowaffen-Konvention von 1972, die von den USA und 142 weiteren Staaten ratifiziert worden ist. Danach ist es verboten, biologische Waffen zu entwickeln, herzustellen und zu verbreiten. Doch gerade in letzter Zeit scherten sich die Vereinigten Staaten kaum noch um den Versuch, B-Waffen international zu bannen. Erst im Juli haben die USA sich als einziger beteiligter Staat geweigert, einen Entwurf zu unterzeichnen, der die Überwachung der Biowaffen-Konvention regeln soll. Nach sieben Jahre dauernden Verhandlungen zwischen insgesamt 56 Staaten ist damit das ganze Projekt zum Scheitern verurteilt.

Zu dem plötzlichen Rückzieher kam es, weil die Bush-Regierung keine ausländischen Inspekteure in amerikanischen B-Waffen-Laboren dulden will - angeblich aus Furcht vor Spionage. Doch gerade diese Geheimniskrämerei ruft selbst bei amerikanischen Unterhändlern Kritik hervor. Sie fürchten, andere Staaten könnten dem Vorbild der USA folgen und heimlich gefährliche Bazillen heranzüchten.

Auch Molekularbiologe Meselson hält das Gebaren seines Landes für »unglücklich«. Nach den Terrorattacken hofft er jedoch, dass US-Präsident George W. Bush seine Meinung ändert und das Kontrollprotokoll zur Biowaffen-Konvention wieder unterstützt: »Die bemerkenswerten Anschläge zeigen, wie wichtig es ist, mit anderen Ländern zusammenzuarbeiten.« Das Fachblatt »Science« prophezeite bereits im Juli: Ohne eine amerikanische Unterstützung des Protokolls werde »es schwer sein zu erfahren, wer wirklich böse ist - bis es zu spät ist«. JÖRG BLECH, RAFAELA VON BREDOW

* Am 20. März 1995 in der Tokioter U-Bahn.* Judith Miller, Stephen Engelberg, William J. Broad: »Germs:Biological Weapons and America''s Secret War«. Simon & Schuster, NewYork; 352 Seiten; 27 Dollar.

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