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CHRISTBAUMKUNDE Leise rieseln die Nadeln

Claus-Thomas Bues, 47, Professor für Forstwissenschaft an der TU Dresden, über seine Experimente an Weihnachtsbäumen
aus DER SPIEGEL 52/2002

SPIEGEL: Sie haben das Nadelverhalten von Weihnachtsbäumen wissenschaftlich beobachtet. Was war Ihr Ziel?

Bues: Wir haben eine alte Bauernregel entdeckt, nach der Fichten, die am dritten Tag vor dem elften Vollmond des Jahres geschlagen werden, ihre Nadeln nicht verlieren. Dem wollten wir auf den Grund gehen.

SPIEGEL: Wie sind Sie bei Ihren Experimenten vorgegangen?

Bues: Am elften Vollmond des vergangenen Jahres haben wir angefangen, bei 16 geklonten, also genetisch identischen Versuchsfichten Zweige abzuschneiden - jeweils in alle vier Himmelsrichtungen einen, um Beeinflussung durch Licht- oder Witterungsverhältnisse auszuschließen. Das haben wir alle zwei Wochen wiederholt, jeweils drei Tage vor Vollmond und Neumond - bis Weihnachten. Die Äste wurden in einer Klimakammer bei konstanter Temperatur und Luftfeuchtigkeit gelagert. Im Abstand von 14 Tagen haben wir die abgefallenen Nadeln zusammengefegt, getrocknet und gewogen. Zum Zählen waren es zu viele.

SPIEGEL: Welches Ergebnis erbrachten Ihre Forschungszweige?

Bues: Der größte Nadelverlust trat jeweils nach 14 Tagen ein. Nach acht Wochen waren alle Zweige kahl, egal in welcher Mondphase sie geerntet waren.

SPIEGEL: Hat Sie das überrascht?

Bues: Nein, nicht wirklich. Es gibt seit etwa 300 Jahren ähnliche Forschungen über den Zusammenhang von Holzqualität und Mondstand. Da kam nie etwas anderes heraus. Aber es hätte ja doch was dran sein können. Zumindest wäre es bei der Fichte schön, wenn man wüsste, wie sich das Nadeln verhindern lässt.

SPIEGEL: Sind Versuche mit Klonfichten denn für alle Fichtenarten aussagekräftig?

Bues: Unsere Experimente beschränken sich auf Picea abies, die normale Fichte aus hiesigen Wäldern. Bei anderen Arten müsste man sich die Anatomie der Nadeln ansehen.

SPIEGEL: Können Sie Christbaumkäufern eine Empfehlung geben?

Bues: Nehmen Sie eine Nordmannstanne, die lässt ihre Nadeln nicht fallen. Nicht umsonst singen wir: »O Tannenbaum« - unsere Vorfahren wussten schon, was sie sich in die Stube holten. Wenn Sie trotzdem eine Fichte haben wollen: eine Woche vor Heiligabend mit dem Förster im Wald einen Baum aussuchen und frisch schlagen, auf dem Balkon lagern, erst am 24. in die Stube zum Schmücken, und am Dreikönigstag wieder hinaus damit.

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