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Computer Leises Ping

»Agenten«-Programme, die selbständig das Computernetz durchstreifen, sollen PC-Benutzern die Datenbanksuche abnehmen.
aus DER SPIEGEL 8/1994

Andy Hertzfeld, 41, hat eine Vision. Nachts, während er schläft, wandert ein fleißiges Computerprogramm ruhelos durch die Datennetze. Zielstrebig und dienstbeflissen kopiert es sich von Rechner zu Rechner, sammelt Informationen hier und hinterläßt Botschaften dort. Am Morgen danach meldet sich der PC mit einem leisen »Ping«, dem Zeichen, daß eine elektronische Nachricht eingetroffen ist.

»Ihr Flug nach New York«, würde Visionär Hertzfeld, ein Computermann aus dem Silicon Valley, nach Antippen des Post-Symbols auf dem Bildschirm beispielsweise erfahren, »mußte wegen eines Fluglotsenstreiks umgebucht werden. Der Mietwagen-Service ist benachrichtigt. Ein Fax an die Firma wurde abgeschickt. Sie werden um 18 Uhr erwartet.« Absender der Kurzbotschaft: das nachtschaffende Computerprogramm.

PC-Phantastereien? Hertzfeld ist kein Spinner, in der EDV-Branche steht er im Ruf, seine Visionen in Erfolge zu verwandeln. Bekannt wurde der Software-Spezialist als Mitentwickler des »Macintosh«-PC von Apple, der vor zehn Jahren mit Mausklick und Mülleimer-Symbol auf dem Monitor die Computerwelt revolutionierte.

Hertzfelds digitale Helferlein könnten einen ähnlichen Schub auslösen. Und es gibt sie bereits - Hertzfeld und seine Kollegen haben die neuartige Stellvertreter-Software für das 1990 gegründete US-Unternehmen General Magic entwickelt. Die kurzen Programme, Gattungsname: »Agenten«, streifen selbständig durch Computernetze und erledigen dabei vorgegebene Aufgaben - vergleichbar, so erklärt es Hertzfelds Kollege Bill Atkinson, mit »gutartigen, kontrollierten Computerviren«.

Ausgangsbasis dieser umherschweifenden Programm-Agenten sind »Magic Cap« und »Telescript«, zwei Programm-Systeme, die beide bei General Magic im kalifornischen Mountain View entwickelt wurden. Dabei bildet Magic Cap, das auf dem Bildschirm einen aufgeräumten Schreibtisch (mit Postkorb- und Notizbuch-Symbolen) darstellt, die Bedieneroberfläche.

Die Programmiersprache Telescript wiederum, die eigentliche Agenten-Software, ist speziell zum Übermitteln komplexer Daten ausgelegt und läßt sich auch auf Computern ohne Magic Cap einsetzen.

Nach demselben Prinzip wie die virusähnlichen Agentenprogramme funktioniert beispielsweise bereits die »Lenstra-Manasse«-Software, ein Rechnerprogramm, mit dessen Hilfe in wissenschaftlichen Datennetzen hochkomplexe mathematische Probleme gelöst werden: Die Software sucht im weltweiten Rechnerverbund nach unausgelasteten Computern, die dann arbeitsteilig mit aufwendigen Rechenaufgaben beschäftigt werden.

Kleine Programm"Boten« befördern die Teilaufgaben zu den jeweiligen Computern, von wo die Ergebnisse später als elektronische Post ("E-Mail") an den Absender-Rechner zurückübermittelt werden. Beim amerikanischen Elektronikhersteller Hewlett-Packard wiederum wird ein spezielles Botenprogramm beim Zusammenstellen der Gehaltslisten für mehr als 10 000 Vertriebsmitarbeiter eingesetzt.

PC-Benutzer, die Informationen aus einer entfernten Datenbank benötigen, müssen sich bisher zumeist noch das Inhaltsverzeichnis »online« auf den Bildschirm holen und dann ihre Auswahl treffen. Erschwert wird das oftmals dadurch, daß die Abfrage in »Computerspeak« erfolgen muß - ein fehlendes Anführungszeichen beim Eintippen des Suchbegriffs kann die Suche bereits scheitern lassen.

Die Agenten von General Magic sollen nun, als programmierte Dolmetscher, dem Anwender die normalsprachliche Kommunikation mit derartigen Computern ermöglichen.

Die Software-Sendboten tragen eingetippte Aufträge ihres »Agentenführers«, des PC-Benutzers, mit sich. So ist Hertzfelds »Ping«-Vision - einklinken in einen Flugplancomputer, anschließend buchen im Reisebüro und beim Autoverleiher - softwaretechnisch kein Problem. Bezahlen kann der PC-Benutzer elektronisch, das Stellvertreter-Programm hinterläßt seine Kreditkartennummer.

Darüber hinaus vermögen sich derartige Agentenprogramme auch zielgerichtet zu vermehren: In Fremdrechnern werden spezialisierte Unter-Agenten für neue Aufgaben abgesetzt. Ein solcher »Spezialagent« überwacht auch die Flugplanänderungen im Reisebürocomputer. Startet das Flugzeug pünktlich, schreitet der Software-Agent auftragsgemäß zur Selbstvernichtung, er löscht _(* »Woggles«, entwickelt an der Carnegie ) _(Mellon University in Pittsburgh ) _((US-Staat Pennsylvania). ) sich selbst aus der Datenbank. Bei einer angekündigten Verspätung wird er aktiviert und informiert den PC-Benutzer über die veränderte Situation.

So soll nach den Plänen von General Magic auch das elektronische Einkaufen erleichtert werden, das bereits beim Kommunikationsanbieter CompuServe oder im deutschen Datex-J-System möglich ist. Wer etwa einen neuen Videorecorder erstehen will, gibt seinem »Shopping«-Agenten zukünftig einen elektronischen Einkaufszettel mit auf den Weg, in dem die Eigenschaften des gesuchten Gerätes spezifiziert werden.

Damit sich das Agentenwesen in der Computerwelt durchsetzt, bedarf es allerdings eines Netzwerks von aufeinander abgestimmten Computern. Bestehende Informationsdienste müßten angepaßt und darüber hinaus spezielle Kommunikationscomputer angeboten werden, die den Agenteneinsatz von unterwegs so einfach machen wie ein normales Telefongespräch.

Mit Telescript ausgerüstete TV-Geräte, plant General Magic überdies, könnten zukünftig Agenten in die Netze der Kabelanbieter entsenden, um beispielsweise gezielt nach geeigneten Sendungen für Kinder zu suchen und anschließend den Videorecorder entsprechend zu programmieren.

Die Idee für Telescript und Magic Cap wurde 1989 bei Apple geboren. Zu den Teilhabern des eigens dafür gegründeten Unternehmens General Magic zählen außer Apple der Kommunikationsriese AT&T, das High-Tech-Unternehmen Motorola sowie die Consumer-Elektronikhersteller Sony, Philips und Matsushita. Unterstützung kommt ferner von den Datenbank-Anbietern Mead und News Electronic Data.

Im Januar präsentierten Atkinson und Hertzfeld den ersten Prototyp eines Sony-Computers, der mit General-Magic-Software betrieben wird. Marktreife Geräte werden für Anfang nächsten Jahres erwartet. Damit die Software-Agenten »ins Feld« geschickt werden können, müßte sich Telescript zunächst einmal als technischer Standard durchsetzen.

Der mit General Magic verbündete US-Konzern AT&T offeriert bereits das erste Telescript-taugliche Informationsnetz, »PersonaLink«. Software-Experten vermuten allerdings, daß Microsoft, Marktführer bei PC-Software, bereits ein eigenes Agentensystem entwickelt, das mit Telescript konkurrieren soll.

Die Ausbreitung der dienstbaren Geister in den Computernetzen hat einen alten Streit unter EDV-Sicherheitsexperten wiederbelebt. »Die Möglichkeiten für nützliche Viren«, hatte schon 1984 der US-Computerwissenschaftler Fred Cohen geschwärmt, »sind unbegrenzt.« Solche Software, warnte hingegen Sicherheitsfachmann Peter Neumann von der kalifornischen Forschungsfirma SRI International, sei ein »zweischneidiges Schwert«. Zwar versichert General Magic, durch eingebaute Sicherheitsmechanismen sei das Risiko ausgeschlossen worden, daß die hilfreichen Agenten zu gefährlichen Viren umgebaut werden könnten. Gleichwohl, wenden Fachleute ein, verlocke die neue Technologie geradezu zum Mißbrauch.

Vorstellbar sei etwa der Einsatz von »Agenten« als Briefträger, um massenweise elektronische »Postwurfsendungen« oder auch Schmähbotschaften abzusetzen. Ganze Agentenhorden, ausgerüstet mit gestohlenen Kreditkartendaten, würden womöglich zum globalen Shopping ausgeschickt.

So warnt EDV-Fachmann Thomas Cantrell von der US-Zeitschrift Computer Applications Journal davor, nur die Vorzüge der neuen Technologie zu sehen. Der Computerexperte prophezeit bereits »einen Wettkampf der General-Magic-Programmierer gegen ganze Legionen von Hackern«. Y

[Grafiktext]

_200a Funktionsweise der ''''Telescript''''-Software

[GrafiktextEnde]

* »Woggles«, entwickelt an der Carnegie Mellon University inPittsburgh (US-Staat Pennsylvania).

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