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HIRNFORSCHUNG Lesen ohne Worte

Spielend können Legastheniker ihre Schwäche überwinden: Hirnforscher haben ein Trainingsprogramm entwickelt, das - ganz ohne Buchstaben - die Leseleistung deutlich verbessert.
aus DER SPIEGEL 28/2003

Als »angeborene Wortblindheit« beschrieb 1896 der britische Arzt William Pringle-Morgan das rätselhafte Phänomen, mit dem sich einer seiner Patienten herumschlug: Die Wortruinen, die der aufgeweckte 14-Jährige zu Papier brachte, und der Silbensalat, den dieser offenkundig intelligente Schüler beharrlich beim Lesen anrichtete, schienen dem Doktor ein rein visuelles Problem.

Vielerlei Erklärungen für ihre Lese-Rechtschreib-Schwäche haben Legastheniker seither über sich ergehen lassen müssen, kaum noch überschaubar sind die angebotenen Therapie-Methoden. Mal wird den betroffenen Schülern Begriffsstutzigkeit, dann wieder ein Hörfehler diagnostiziert. Oder aber die Schule ist schuld.

Allen Hypothesen zum Trotz bleiben die Ursachen der »Teilleistungsstörung« unklar, und auch über die richtige Therapie herrscht Uneinigkeit. Ebenso beliebt bei den Kindern wie umstritten unter Experten ist die Vielzahl der Lernprogramme, mit denen das Zerlegen, Erkennen und Ergänzen von Buchstaben und Silben am Computer geübt werden soll. Noch keine Studie konnte bisher einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Fortschritten und den Übungen per CD-Rom belegen.

In den letzten Jahren jedoch setzt sich in der Legasthenie-Forschung zunehmend die Auffassung durch, dass es sich bei der Lese- und Schreibschwäche weder um ein reines Seh- noch um ein reines Hördefizit handelt. Das Problem scheint vielmehr bei der Vernetzung beider Sinneskanäle zu entstehen - beim Vorgang des Lesens müssen ja gerade Symbole und Laute miteinander in Zusammenhang gebracht werden.

Ausgehend von dieser These ist es nun Wissenschaftlern der Universität Helsinki gelungen, eine Lernsoftware zu entwickeln, die, gänzlich unabhängig von Sprache und Alphabet, die Lesefähigkeit erheblich verbessert. Gleichzeitig kamen die Forscher damit den Wurzeln der Legasthenie auf die Spur.

Weil Legastheniker Mühe mit der Wahrnehmung von Rhythmen haben, schrieb der Musikforscher Kai Karma von der Sibelius Akademie in Helsinki ein Programm, das den Kindern helfen sollte, »das Zusammenbringen von gesehenen und gehörten Codes zu stärken«.

Nach siebenwöchigem Üben am Bildschirm, bei dem einfache grafische Formen unterschiedlichen Tönen zugeordnet werden müssen, konnten die ausgewählten legasthenischen finnischen Erstklässler wesentlich mehr Worte fehlerfrei schreiben und merklich flüssiger lesen als die Kinder der gleich intelligenten, untrainierten Vergleichsgruppe - ein Erfolg, der sich zugleich an gesteigerter Hirnaktivität ablesen ließ.

Die spielerische Unterscheidung und Identifizierung visuell dargebotener Klangmuster stimuliert nachweislich Areale, die fürs Hören zuständig sind: »Weil das Gehirn auf diese Weise akustische Informationen und Reize besser verarbeiten lernt«, so Teija Kujala, Leiterin des Projekts an der Abteilung für Kognitive Hirnforschung der Universität Helsinki, »wird das Defizit der Kinder kleiner": Sie können Laute deutlicher als zuvor voneinander unterscheiden.

Finnlands Nachwuchs, der in der Pisa-Studie mit der weltbesten Leseleistung glänzte, wird schon in der Vorschule und in der ersten Klasse mit leichten Aufgaben auf seine Lesetüchtigkeit getestet. Die patriotischen Finnen, die sich für ihr Idiom erst im 19. Jahrhundert den Status einer Amtssprache erkämpfen konnten, zählen laut OECD-Statistiken zu den eifrigsten Nutzern von Büchereien und erhalten in ihrem dünn besiedelten Land auch den kostspieligen Betrieb von Zwergschulen aufrecht.

Zwischen 5 und 15 Prozent bewegt sich in Europa die Rate der Lese- und Rechtschreibschwachen. Für mindestens 5 Prozent der Schüler, so Kujala, bedeutet auch in Finnland Schreiben und Lesen Schwerarbeit - obwohl Finnisch, als »sehr transparente Sprache« (Kujala), die geschrieben wie gesprochen wird, für Legastheniker leichter zu bewältigen ist als etwa das Englische oder Französische. Dazwischen liegt Deutsch, das zu entziffern und zu schreiben einfacher ist als Englisch, aber schwieriger als Finnisch.

Weil »Audilex«, die von Karma entwickelte und von Kujala angewandte Software, ohne den Einsatz von Worten oder sprachlichen Lauten auskommt, kann das Programm weltweit eingesetzt werden*. Schon arbeiten Lehrer und Wissenschaftler in den USA, Japan, Norwegen und Schweden damit. In mehreren dieser Länder haben schon weitere Forschungsprojekte mit »Audilex« begonnen.

Auch in Deutschland haben Wissenschaftler das therapeutische Spiel entdeckt: An der Universität Leipzig nutzen die Psychologen Erich Schröger und Andreas Widmann die Software, »die die zeitliche Unterteilung von Information besonders fördert«, zur Grundlagenforschung. Das audiovisuelle Programm, laut Schröger »eine abgespeckte Version des Lesens«, hilft ihnen zu erkunden, »wie das Gehirn beim Lesen das Hören und das Sehen zusammenbringt«.

Die erstaunliche Wirksamkeit des Spiels während der kurzen Übungszeit von nur 14 Sitzungen, so Kujala, sei dem frühzeitigen Trainingsbeginn und der Einfachheit des Konzepts zu verdanken. Weil die (als »Plastizität« bezeichnete) Fähigkeit des Gehirns, sich zu verändern und anzupassen, in jungen Jahren am ausgeprägtesten ist, begannen die Psychologen mit Siebenjährigen.

Den insgesamt 24 Mädchen und Jungen mit schweren Lese-Rechtschreib-Störungen wurden 3 bis 15 Töne verschiedener Höhe, Dauer und Intensität vorgespielt; jedem Ton entsprach, gleichsam als Note, ein Rechteck auf dem Display, das sich zur Musik auf- oder abbewegte. Höher werdende Töne wurden durch stufenartig ansteigende Rechtecke symbolisiert, anhaltende Klänge durch längere Rechtecke, lautere Töne entsprachen dickeren Balken.

In unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden sollten die Kinder Balken und Töne einander zuordnen. »Den Schülern machte

das Spaß«, sagt Kujala - zumal sie zur Begleitung unter verschiedenen Musikinstrumenten wählen und auch die Geschwindigkeit mit den Symbolen »Schnecke« oder »Hase« verändern konnten. Im vergleichenden Lesetest zeigte sich der Effekt: Ein Junge, der vor dem Training am Computer als hoffnungsloser Fall galt, sei nach einem Monat Training nun in seiner Grundschulklasse sogar der Beste im Lesen und Schreiben, erzählt die Forscherin.

Während die Kinder vor dem Bildschirm saßen und lernten, Laute genauer zu unterscheiden, reagierte die Hirnrinde auf den Anreiz mit gesteigerter Aktivität bei der Tonwahrnehmung. Kujala: »Da passiert ganz viel.«

Die geschärfte Wahrnehmungsfähigkeit, die das Spiel bewirkte, konnte Hirnforscher Risto Näätänen mit Hilfe des Elektroenzephalogramms (EEG) nachweisen, eine Messung, die über Elektroden am Kopf erfolgt. Die Hirnrinde in dem für Hörvorgänge verantwortlichen Bereich meldete die positive Veränderung in Form kräftig angestiegener Amplituden auf dem Schirm.

Inzwischen wird die Forscherin von Hilfe suchenden Eltern aus aller Welt per E-Mail belagert. Einige von ihnen, sagt die Wissenschaftlerin, »sind regelrecht verzweifelt und bereit, um die halbe Welt nach Finnland zu fliegen«.

Kujala selbst will nun in weiteren Studien prüfen, ob sich die neu erworbenen Fähigkeiten auf Dauer erhalten - so wie einmal gelerntes Fahrradfahren. Vorerst aber sei sie schon froh, sagt die Psychologin, dass sie den Kindern »erste Hilfe leisten konnte«. Kujala: »Wir haben den Kindern zumindest eine Vorstellung davon vermittelt, was Lesen ist.« RENATE NIMTZ-KÖSTER

* Erhältlich unter www.compaid.fi/english/contact.htm zum Preisvon 50 Euro (nur für Windows-PC).

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