Zur Ausgabe
Artikel 78 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Letzte Gnadenfrist

aus DER SPIEGEL 8/1994

Vor einem Kollaps des Weltklimas warnten letzte Woche Deutschlands führende Klimaforscher: Das Ozonloch werde weiter wachsen, auch in Europa sei ein Klimawandel im Gange, erklärte Professor Hartmut Graßl, 53, der am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie Klimahochrechnungen entwickelt.

Graßl, Mitglied der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages »Schutz der Erdatmosphäre«, klagt bei den Politikern längst überfällige Gegenmaßnahmen ein. Die Absicht der Industrieländer, den CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2000 auf dem Niveau von 1990 einzufrieren, reiche nicht aus, erklärten letzte Woche Klimaexperten auf einer Tagung in Genf.

Die dort versammelten Fachleute waren zusammengekommen, um den für März 1995 geplanten Klimagipfel in Berlin vorzubereiten. In Rio hatten 1992 insgesamt 154 Staaten beschlossen, »eine Stabilisierung der Treibhausgas-Konzentration« zu erreichen - wobei ein Zeitrahmen nicht vorgegeben wurde.

Die Verwirklichung der »Konvention« von Rio würde eine Senkung der CO2-Emissionen um etwa 70 Prozent erfordern. Doch ein derart rigoroses Klimaschutz-Programm wird auf der Rio-Nachfolgekonferenz in Berlin nicht auf der Tagesordnung stehen. Bestenfalls, so schätzen die Experten, werde es in Berlin gelingen, ein Null-Wachstum der CO2-Emissionen durchzusetzen. Das aber würde bedeuten, daß die Treibhausgas-Konzentration in der Erdatmosphäre weiterhin bedrohlich ansteigt.

Nach Ansicht von Graßl müßten sich die Industrienationen zu einer »totalen Transformation« entschließen, wenn die irdische Klimamaschine nicht gänzlich aus dem Ruder laufen soll. Für Rettungsmaßnahmen, fürchtet der Forscher, bleibe »nur noch eine gewisse Gnadenfrist«.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 78 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.