Lichtverschmutzung nimmt zu Immer weniger Sterne am Himmel zu sehen

Die Lichtverschmutzung am Nachthimmel nimmt viel stärker zu als bisher erwartet und lässt die Sichtbarkeit von Sternen drastisch sinken. Das haben Wissenschaftler nun mithilfe von mehr als 50.000 Hobby-Astronomen herausgefunden.
Der Sternenhimmel 2019 in der Südslowakei: So klare Sicht ist selten geworden

Der Sternenhimmel 2019 in der Südslowakei: So klare Sicht ist selten geworden

Foto: Peter Komka/ dpa

Früher waren viel mehr Sterne am Himmel zu beobachten? Dieser Eindruck täuscht nicht. Die Lichtverschmutzung nimmt viel stärker zu als bisher erwartet, wodurch immer weniger Sterne sichtbar sind. Zu diesem Ergebnis kommt eine im Fachmagazin »Science« veröffentlichte Analyse, für die Wissenschaftler die Beobachtungen von 51.351 Menschen – vor allem in Europa und Nordamerika – zwischen 2011 und 2022 ausgewertet haben.

Die Forschenden um Christopher Kyba, Experte am Deutschen Geoforschungszentrum GFZ in Potsdam und der Ruhr-Universität Bochum, zeigten sich überrascht und besorgt. »Die Geschwindigkeit, mit der Sterne für Menschen in städtischen Umgebungen unsichtbar werden, ist dramatisch«, sagte Kyba.

Gravierende Folgen für Umwelt und Tiere

Lichtverschmutzung bezeichnet die künstliche Aufhellung des Nachthimmels durch Lichtquellen wie Straßenbeleuchtung, angestrahlte Fassaden, Gebäude, Parks oder auch leuchtende digitale Werbeflächen. Sterne sind am aufgehellten Himmel kaum oder nicht erkennbar. Pro Jahr nehme die Himmelshelligkeit im weltweit ermittelten Durchschnitt um 9,6 Prozent zu, fanden die Forscher nun heraus. Für Europa ergaben sich 6,5 Prozent mehr Helligkeit pro Jahr, für Nordamerika ein Plus von 10,4 Prozent.

Dunkel sieht anders aus: Blick auf die finnische Stadt Lanti

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Foto: Juergen Feichter / Eibner Europa / IMAGO

Bleibe es bei dem globalen Durchschnitt von jährlich 9,6 Prozent mehr Himmelshelligkeit, bedeute das modellhaft: Ein Kind, das an einem Ort auf die Welt kommt, an dem bei seiner Geburt 250 Sterne sichtbar sind, wird dort an seinem 18. Geburtstag nur noch 100 Sterne sehen können, so Kyba zur Deutschen Presse-Agentur (dpa). Werden die Menschen sich in absehbarer Zeit gar nicht mehr an funkelnden Sternen erfreuen können, werden der Große Bär oder die Waage für unser bloßes Auge unsichtbar? Kyba meint: »Ich hoffe, dass der Trend so nicht anhält, dass es mehr Gegenmaßnahmen gibt. Es liegt an uns.«

Das Problem nehme seit Langem rasant zu, schilderte er. Wenn der Himmel auch lange nach Sonnenuntergang noch in einer künstlichen Dämmerung strahlt, hat das negative Folgen für Sternenbeobachtung und Astronomie – und nicht nur das: Es komme auch zu gravierenden Folgen für die Umwelt, warnen die Wissenschaftler. Viele Verhaltensweisen und physiologische Prozesse von Lebewesen sind von tageszeitlichen und saisonalen Rhythmen bestimmt – und damit vom Licht beeinflusst, erläuterte die US-amerikanische Mitautorin Constance Walker. »Das Himmelsleuchten beeinträchtigt sowohl tag- als auch nachtaktive Tiere und zerstört außerdem einen wichtigen Teil unseres kulturellen Erbes.«

Es benötige geeignete Messverfahren, um mehr Erkenntnisse über die gravierenden Entwicklungen zu erhalten, mahnte Walker. Satelliten seien dafür nicht empfindlich genug. Bisher war man auf Basis von Satellitendaten von einer jährlichen Helligkeitszunahme von etwa zwei Prozent ausgegangen, es hatte sogar Hinweise auf eine minimale Abnahme gegeben.

Umweltschutz müsse auch den Himmel einschließen

Die gut 50.000 »Bürgerwissenschaftler« hatten den Nachthimmel mit bloßem Auge betrachtet und gaben in einem Onlineformular an, welche von acht Sternkarten am besten zu dem Gesehenen passte. Jede Karte zeigte den Himmel mit verschiedenen Graden an Lichtsmog. Die Angaben repräsentieren demnach 19.262 Standorte weltweit, darunter knapp 3700 Orte in Europa und fast 9500 in Nordamerika. Zudem sei ein Modell für die Himmelshelligkeit benutzt worden, das auf Satellitendaten von 2014 basiere.

Die Vereinigung der Sternfreunde, dessen Mitglieder Amateurastronomen, Volkssternwarten und auch Planetarien sind, wies darauf hin, dass schon heute in dicht besiedelten Regionen die Betrachtung des Sternenhimmels mit bloßem Auge fast unmöglich sei. In Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet und in Metropolen »sieht man leider nur noch enttäuschend wenig«, sagte Andreas Hänel der dpa. Die Lichterglocke von Berlin sei so weitreichend, dass sie noch bis zu 80 Kilometer entfernt zu sehen sei. Es gebe immer mehr lokale Projekte und Maßnahmen, um künstliches Licht zu reduzieren, sie reichten aber nicht aus.

Diese Astronautenfotos von Calgary in Kanada zeigen, wie sich die Beleuchtung von 2010 (oben) bis 2021 (unten) positiv verändern kann. Viele Straßenlaternen wurden von orangefarbenen Natriumdampf-Hochdrucklampen auf weiße LED-Lampen umgerüstet.

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Foto: - / dpa

Der Umweltschutz müsse auch den Himmel einschließen, forderte die Vereinigung. Der Gesetzgeber habe Lichtimmissionen als Problem erkannt und ins Bundesimmissionsschutzgesetz aufgenommen, berichtete Hänel. Es benötige allerdings verbindliche Grenzwerte. Auch die Umweltorganisation BUND warnte vor negativen Auswirkungen auf das Ökosystem, auf Tier- und Pflanzenwelt. Beim Menschen könne ein gestörter Tag-Nacht-Rhythmus infolge wachsender nächtlicher Beleuchtung die Produktion des »Schlafhormons« Melatonin unterdrücken und Schlafstörungen verursachen.

Kyba betonte: »Deutschland beleuchtet im Vergleich zu anderen Ländern sehr konservativ, das ist gut.« Zu den Regionen mit dunklem Himmel und noch guter Sicht auf die Sterne gehörten etwa die Eifel, Rügen oder die Mecklenburger Seenplatte. Er hält aber ein noch stärkeres Bewusstsein, deutlich mehr Lichteinsparung und einheitliche Regelungen für die öffentliche Beleuchtung für erforderlich. Hänel glaubt, wenn es kein echtes Umdenken gebe, »wird es in Zukunft nur noch wenige Orte geben, zu denen man dann weit reisen muss, um die Sterne gut zu sehen«.

czl/dpa
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