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ABENTEUER Lieblicher Ostwind

Die Ballonfahrer starten zur nächsten Runde in der bislang erfolglosen Wettfahrt um die Erde. Ein neues Team will es jetzt in der Stratosphäre versuchen.
aus DER SPIEGEL 50/1998

Die Fahrgäste waren Tiere, die Mission ist längst Legende. Einen Hahn, ein Schaf und eine Ente schickten die Brüder Montgolfier am 19. September 1783 als erste Passagiere der Luftfahrtgeschichte in den Himmel. Acht Minuten dauerte das Spektakel über Versailles. Nach vier Kilometern ging der mit einem Strohfeuer beheizte Heißluftballon in einem Waldstück zu Boden.

Über zwei Jahrhunderte später will jetzt erneut ein Dreierteam Ballonfahrtgeschichte schreiben. Das Fluggerät ist diesmal riesig, das Unternehmen nicht minder waghalsig.

Aufgehängt an einer Gasblase, in der der gesamte Kölner Dom Platz finden würde, wollen die Amerikaner Dave Liniger und Bob Martin sowie der Australier John Wallington Anfang Januar nächsten Jahres in die Stratosphäre starten, um eines der letzten Abenteuer der Aeronautik zu bestehen: die Umrundung der Erde im Ballon.

Das Team, das sich »Re/Max« nennt, plant, vom australischen Alice Springs in die buchstäblich atemraubende Höhe von 39 Kilometern aufzusteigen. Damit würde schon in den ersten zwei Stunden des Unternehmens der derzeitige Höhenrekord für die bemannte Ballonfahrt von 34,466 Kilometern gebrochen. Im fast luftleeren Raum angelangt, wollen sich die drei Männer 16 bis 18 Tage lang in einer kaum badezimmergroßen Druckkapsel um die Erde wehen lassen.

Die Bierbrauerei Anheuser-Busch (Budweiser) hat eine Siegprämie von einer Million Dollar ausgesetzt. »Wir sind besorgt, wir sind aufgeregt, wir trainieren hart«, sagt Dave Liniger, Ballonpilot seit 1978 und Geschäftsführer der Immobilienfirma Re/Max International, die sich als Sponsor betätigt. »Diese Mission ist nicht ohne Risiko. Doch unsere Chancen stehen gut.«

Re/Max ist nicht das erste Team, das den großen Schwebeflug um die Welt versucht. Schon 17 Anläufe hat es seit 1981 gegeben. Jedesmal sind die Piloten gescheitert, die meisten spektakulär. Im August dieses Jahres holte ein Blitz den amerikanischen Millionär Steve Fossett vom Himmel. 500 Seemeilen nordöstlich von Australien plumpste Fossett mit den Resten seiner »Solo Spirit« unverletzt ins Meer, nachdem er - bisher unübertroffener Rekord - 24 500 Kilometer im Ballon zurückgelegt hatte.

Sein britischer Konkurrent Richard Branson, Regent eines Musik- und Unter-

* Wallington, Martin, Liniger.

haltungsimperiums, hatte noch mehr Pech. Seine »Virgin Global Challenger« wurde letztes Jahr im marokkanischen Marrakesch von einer Bö ergriffen und trieb über die Sahara, noch bevor Branson überhaupt einsteigen konnte. Zu Bruch ging das führerlose Gefährt dann in Algerien. Branson und Fossett wollen es demnächst mit vereinten Kräften erneut versuchen.

»Es gibt so viele Gründe, die zum Scheitern führen können«, kommentiert Dave Liniger die Fehlversuche der Mitbewerber. Technisches Versagen, Länder, die den Überflug verbieten, und vor allem das Wetter seien die größten Feinde des erdumrundenden Ballonfahrers.

Alle bisherigen Rekordanwärter haben den sogenannten Jetstream zu nutzen versucht, einen in rund elf Kilometer Höhe wehenden, relativ gleichmäßigen Westwind. Die letzten bedienten sich sogenannter Rozier-Ballons, die über getrennte Kammern für Helium und Heißluft verfügen. Nachts, wenn sich der Ballon abkühlt und der Auftrieb nachläßt, werden bei diesen Systemen die Brenner angeworfen, um halbwegs auf Höhe und damit auf Kurs zu bleiben. Vielen Ballonisten ist dabei schon der Brennstoff knapp geworden. Zudem gerieten Piloten in der relativ erdnahen Luftschicht gelegentlich in Unwetter mit orkanartigen Stürmen.

Das Re/Max-Team will solchen Unbilden des irdischen Wetters durch noch mehr Höhe aus dem Weg gehen. In der Stratosphäre, gut 15 bis 20 Kilometer oberhalb des Jetstreams, ist das Wetter im Vergleich dazu fast lieblich. Während des Sommers auf der Südhalbkugel, der jetzt anbricht, weht dort ein steter Ostwind, der schon mehrere unbemannte Wetterballons der Nasa erfolgreich um den Globus gepustet hat.

Der Re/Max-Gigant, im Bauprinzip ähnlich den leistungsfähigsten Ballons der Meteorologen, soll nach seinem Start in der australischen Wüste in etwas mehr als zwei Stunden seine Reisehöhe von 39 Kilometern erreichen.

Beim Start gleicht die zwischen 0,02 und 0,08 Millimeter dünne Ballonhülle einem schlaffen Sack, erst während des Aufstiegs bläht sie sich zu einer prallen Kugel mit einem Durchmesser von 140 Metern. Von der Erde aus gesehen, erscheint sie dann halb so groß wie der Mond.

Mit einer Geschwindigkeit von rund 130 Stundenkilometern soll die Reise westwärts gehen, dem Wendekreis des Steinbocks folgend. Der Ballon wird Madagaskar, Südafrika, Brasilien und Argentinien überqueren; nach 37 000 Reisekilometern wird er in Australien zurückerwartet.

In der Theorie klingt das gemütlich, in der Wirklichkeit kann der Ritt auf den Lüften für die Piloten zum Horrortrip werden.

Liniger, Martin und Wallington wollen die fast dreiwöchige Flugzeit in der nur zwei mal zweieinhalb Meter großen, fast drei Tonnen schweren Druckkapsel aussitzen. Bei Campingnahrung, Trockenfrüchten und Schokoriegeln werden sie fast ausschließlich damit beschäftigt sein, zu überleben.

Um bis zu 100 Grad schwankt die Temperatur in der Stratosphäre. Der Druck beträgt nur einige Tausendstel des normalen Drucks auf der Erde. Wie in einer riesigen Schaukel werden die Piloten nachts um fast zehn Kilometer tiefer sinken, auf eine Flughöhe von 26 Kilometern. Die Hitze der Morgensonne treibt sie anschließend wieder in die Höhe. Eine weiße Spezialfarbe auf der Außenhaut der Gondel wird verhindern, daß die Insassen tagsüber wie Hähnchen am Spieß gegrillt werden.

Kritisch wird es auch, falls eines der Überlebenssysteme, die Druck, Temperatur und Luftzusammensetzung in der Gondel regulieren, während des Fluges versagt oder die Ballonhülle reißt. Dann hilft nur noch die schnelle Flucht nach unten. Die Piloten würden in diesem Fall die Tragseile zum Ballon kappen und mitsamt der Kapsel an einem riesigen Fallschirm zur Erde schweben.

Falls es schneller gehen muß, können sich die Ballonisten auch zum Sprung aus der Luke mit Raumanzug und Fallschirm entschließen. Daß Menschen so etwas überleben können, hat 1960 der Air-Force-Pilot Joseph Kittinger bewiesen. Er ließ sich freiwillig aus 31 Kilometer Höhe zur Erde fallen, erreichte dabei zeitweilig die wahnwitzige Geschwindigkeit von 988 Stundenkilometern und landete unbeschadet.

Die größte Herausforderung der Reise erwartet die Re/Max-Crew jedoch erst nach erfolgreicher Erdumrundung. »Wie bei allen Luftfahrzeugen ist die Phase der Landung extrem kritisch«, ahnt Pilot Liniger. Weil die empfindliche Kunststoffhülle im Wert von 140 000 US-Dollar nach einmaligem Gebrauch auf den Müll wandert, haben die Ballonfahrer auf einen Probeflug verzichtet. Nur in der Theorie können sie daher vorausplanen, wie sich das größte bemannte Fluggerät aller Zeiten sicher zu Boden bringen läßt.

Von der Stratosphäre aus muß die Crew die Jumboblase zunächst durch die eisige Tropopause abwärts steuern. Über Ventile können die Piloten das Helium aus der Ballonhülle entweichen lassen. Gegen Ende des Fluges werden sie Ballast in Form kleiner Metallstücke abwerfen, um die enorme Sinkgeschwindigkeit des Ballons zu drosseln - kurz vor dem Aufprall soll sie auf rund einen Meter pro Sekunde gesenkt sein.

»Nur wenn wir den Ballon erfolgreich landen, qualifizieren wir uns für den Rekord«, sorgt sich Liniger. Wo genau das Gefährt nach erfolgter Erdumkreisung niedergeht, spielt dabei für den Ballonfahrer nur eine untergeordnete Rolle.

»Es ist gut möglich, daß wir den Zielpunkt Alice Springs um ein paar Breitengrade verpassen«, sagt Liniger. »Aber irgendwo in Australien werden wir schon runterkommen.« PHILIP BETHGE

[Grafiktext]

Gigant in der Höhe Geplante Rekordmission des »Re/Max«- Ballons Flughöhe 39 km Fluggeschwin- digkeit 130 km/h BALLON Durchmesser 140 m GONDEL Durchmesser 2,4 m Höhe 2,0 m Gesamtgewicht 2700 kg davon Ballast 585 kg Leergewicht 292 kg

[GrafiktextEnde]

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Geplante Rekordmission des ''''Re/Max''''-Ballons

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Gigant in der Höhe Geplante Rekordmission des »Re/Max«- Ballons Flughöhe 39 km Fluggeschwin- digkeit 130 km/h BALLON Durchmesser 140 m GONDEL Durchmesser 2,4 m Höhe 2,0 m Gesamtgewicht 2700 kg davon Ballast 585 kg Leergewicht 292 kg

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Geplante Rekordmission des ''''Re/Max''''-Ballons

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* Wallington, Martin, Liniger.

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