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MEDIKAMENTE Lockende Offerte

Spitzenvertreter von Krankenkassen und Pharma-Industrie verhandelten über Kostendämpfung. Ergebnis: Ein Super-Pharmakartell mit garantierten Preissteigerungen zeichnet sich ab. *
aus DER SPIEGEL 39/1984

Ein Gespenst geht um in der Pillen-Branche - der Bundesverband der Pharma-Industrie (BPI) hat es gesichtet.

Es trägt den Namen »Positivliste«, und real existiert es in Ländern wie Österreich und der Schweiz: eine Zusammenstellung von »therapeutisch wirksamen« und zugleich preiswürdigen Medikamenten, auf die zu verschreiben und zu bezahlen sich Ärzte und Krankenkassen geeinigt haben. Auch für die Bundesrepublik haben unlängst die Angestellten-Krankenkassen (17 Millionen Versicherte) - zunächst intern - die Aufstellung einer solchen Liste erwogen.

Der Pharma-Industrie, gewöhnt an die schrankenlose Freiheit westdeutscher Arzneipreise, mußten diese Ideen Schrecken einjagen. Um das »Gespenst einer Positivliste« (BPI) zu killen und das »dauernde Gerede der Kostendämpfung« (Bayer-Manager Rudolf Kopf) zu stoppen, handelte sie rasch und pragmatisch. Der Bundesverband ließ sich von seinen 506 Mitgliedsfirmen zu »Preisrahmenverhandlungen« ermächtigen und lud die Spitzenfunktionäre der Krankenkassen nach Frankfurt ein.

Da saßen sie nun einander gegenüber, im Konferenzzimmer des Steigenberger Airport-Hotels: 14 Abgesandte des Pharma-Verbandes, angeführt von BPI- und Schering-Vorstand Heinz Hannse, und eine 18köpfige Riege von Krankenkassen-Vertretern, darunter die Spitzenleute der Ersatz-, Betriebs- und Innungskassen - ein »historischer Augenblick«, wie Willi Heitzer fand, der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes der Ortskrankenkassen.

Zum erstenmal in der über hundertjährigen Geschichte der sozialen Krankenversicherung, so DGB-Mann Heitzer, sei es den Krankenkassen gelungen, die pharmazeutische Industrie an den Verhandlungstisch zu bringen, zu Gesprächen über ein Limit für Preissteigerungen bei Medikamenten.

So hingerissen waren die Krankenkassen-Vertreter von der Gesprächsofferte der Industrie, daß sie offenbar in den Verhandlungen gar nicht bemerkten, wie geschickt die Pharma-Vertreter ihr eigentliches Ziel verfolgten.

»Einschränkungen der Kassenerstattung von Arzneimitteln«, also etwa eine Positivliste nach österreichischem oder Schweizer Vorbild, so die in einem geheimen Positionspapier des BPI festgelegte Marschroute der Industrie, müßten durch Vertrag mit den Krankenkassen für alle Zeiten ausgeschlossen werden.

Zugleich sollten die Krankenkassen dazu gebracht werden, künftig »zu Beginn eines jeden Kalenderjahres« mit dem BPI eine »globale Steigerungsrate« des gesamten Medikamentenaufwands der Kassen zu vereinbaren, mithin der Pharma-Industrie Jahr für Jahr - gesegnete freie Marktwirtschaft - von neuem eine Preiserhöhung zu garantieren.

Werde die ausgehandelte Steigerungsrate »nicht nur geringfügig« überschritten, lockte der BPI, sei die Industrie bereit, gemeinsam mit den Kassen die Ursachen der Überziehung zu erforschen und unter Umständen Gelder zurückzuzahlen. In welcher Form, wohin und in welcher Höhe, müsse dann von Fall zu Fall beraten werden.

Auch die Installation eines »Frühwarnsystems« bot die Industrie den Kassen an. Der »Verlauf des Höchstbetrages« solle durch eine eigens dafür einzurichtende gemeinsame Kommission kontinuierlich beobachtet werden. Unbotmäßige Arzneimittelfabrikanten hätten dann mit Ermahnungen zu rechnen. Auch an eine gemeinsame »Verbraucheraufklärung«, die Mahnung also, nicht unnötig viel zu schlucken, sei zu denken - so der Vorschlag des BPI.

Die Krankenkassen erlagen schnell der Industrie-Strategie, sich gegen vage Versprechungen garantierte Preissteigerungen einzuhandeln. Für die »Struktur« und die »Menge« der von den 60 221 westdeutschen Kassenärzten rezeptierten Arzneimittel (1983 waren es 661 Millionen Packungen)), so das Argument der BPI-Repräsentanten, seien die einzelnen Medikamenten-Hersteller ohnehin nicht verantwortlich. Nur die »Preiskomponente« jeder Schachtel sei ihrem Einfluß unterworfen. »Strukturveränderungen«, etwa durch »Therapie-Umschichtungen«, und die damit verbundene »Kostendynamik« hätten die Kassenärzte zu vertreten, nicht die Pharma-Industrie.

Das Argument, »Strukturveränderungen« seien schuld an den trotz rückläufiger Verschreibungen ständig steigenden Arzneimittelausgaben der Krankenkassen, _(1983 verordneten die Kassenärzte 10,4 ) _(Prozent Pillenschachteln weniger als im ) _(Jahr zuvor; trotzdem mußten die ) _(Krankenkassen 760 Millionen Mark mehr ) _(ausgeben. )

hat die Pharma-Industrie bereits vor acht Jahren ersonnen.

Überzeugend ist es nicht sonderlich, auch die Krankenkassen wissen das. »Strukturveränderung« des Angebots ist in den meisten Fällen nicht Fortschritt in therapeutisches Neuland, sondern Änderung der Packungsgröße oder der Darreichungsform jahrealter Arzneispezialitäten: *___Die Firma Beiersdorf führte in diesem Sommer als ____Neuheit eine »Kalenderpackung« ihrer vor fast 20 Jahren ____auf den Markt gebrachten Novodigal-Herzpillen ein. ____Statt 50 packte sie nur noch 28 Tabletten in jeweils ____eine Schachtel. Der Packungspreis wurde zwar etwas ____gesenkt, doch pro Tablette stieg der Preis um 60 ____Prozent. *___Die Pharma-Firma Tosse bereicherte ihr ____Anti-Rheuma-Angebot um eine ____Dolo-Menthoneurin-Cresa-Salbe. Im Vergleich zum ____altbekannten Dolo-Menthoneurin-Gel kletterte der Preis, ____den die Krankenkassen nunmehr zahlen müssen, um zwölf ____Prozent. *___Die Pfizer-Tochter Mack nahm die 20er Packung ihrer aus ____dem Harn

trächtiger Stuten stammenden Wechseljahrehilfe Oestro-Feminal aus dem Markt und bietet nur noch die 60er Packung feil, so daß jede Verordnung die Kassen fast 200 Prozent mehr kostet.

Auch der Durchbruch »neuer Therapiekonzepte« (BPI), etwa der zunehmende Einsatz von Diuretika und Beta-Blockern bei Bluthochdruck, erklärt nicht den Kostenschub des letzten Jahres, wie die Industrie behauptet.

Beide Wirkstoffgruppen wurden bereits Anfang der sechziger Jahre in die Therapie eingeführt. Der Pharma-Industrie gelang es lediglich, mehr Kassenärzte davon zu überzeugen, daß diese teuren Medikamente auch in Fällen leichten Hochdrucks unbedingt vonnöten seien - obwohl das Übel in diesem Stadium fast stets allein durch Ernährungsumstellung, Gewichtsabnahme und mehr Bewegung überwunden werden kann.

Hart zu verhandeln war noch nie Sache der Krankenkassen. Die Industrie-Forderung, die »autonome Preis- und Produktpolitik der Unternehmen« müsse »unangetastet bleiben« (BPI), haben die Krankenkassen schon geschluckt.

Den Industrie-Wunsch nach umfassender Preiserhöhungsgarantie werden sie auch noch erfüllen. Der BPI hat bereits zur Vertragsunterzeichnung am 4. Oktober nach Düsseldorf in den Breidenbacher Hof geladen.

Schließlich bleibt den Krankenkassen immer ein Ausweg: Sie können, wenn ihre Ausgaben weiter steigen, die Beiträge ihrer Mitglieder erhöhen.

1983 verordneten die Kassenärzte 10,4 Prozent Pillenschachtelnweniger als im Jahr zuvor; trotzdem mußten die Krankenkassen 760Millionen Mark mehr ausgeben.

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