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Seuchen Löcher im Hirn

In Großbritannien grassiert eine rätselhafte Tierseuche. Kann sie auf Menschen übergreifen?
aus DER SPIEGEL 21/1990

Den Milchfarmer aus der Grafschaft Kent verdutzte das Treiben seiner Kühe täglich mehr. Merkwürdig staksig und hochbeinig schritten einige der Rinder auf der Weide umher. Bald gebärdeten sie sich immer aggressiver und machten das Melken für den Bauern zur Tortur. Im letzten Stadium torkelte das Vieh wirr durchs Gras, brüllte irr, vollführte wildeste Verrenkungen und verendete. Das war 1985.

Als andere Bauern ebenfalls über »mad cows« und demolierte Milchzapfanlagen klagten, wurden einige der verstorbenen Rinder im Veterinärlabor des Ministry of Agriculture, Fisheries and Food seziert. Mit erschreckenden Befunden: Die Gehirne der Tiere waren stark geschrumpft, Nervenzellen abgestorben, die Hirnrinden wiesen, wie bei einem Schwamm, unzählige winzige Löcher auf.

An der mysteriösen Krankheit, von Medizinern »bovine spongioforme Enzephalopathie« (BSE)* genannt, sind mittlerweile über 13 000 britische Kühe gestorben. Waren es am Anfang nur Einzelfälle, so hat die Seuche jetzt fast jede zweite Rinderherde erfaßt und schwillt wie eine Woge an. Derzeit erliegen pro Woche 300 Tiere der mad cow disease.

Virologen und Veterinärmediziner stehen vor einem Rätsel. Die nur post mortem analysierbaren Krankheitssymptome kannte man bis dahin nur bei Schafen. Dort wird das Leiden Scrapie (Kratzkrankheit) genannt. Auf Rinder oder andere Haustiere war das Nervenfieber jedoch nie übergesprungen.

Für Unruhe sorgt zudem die Tatsache, daß der anonyme Killer auch unter stärksten Elektronenmikroskopen nicht ausgemacht werden kann. Als wäre er mit einer Tarnkappe ausgerüstet, versteckt sich der Erreger so tief in seiner Wirtszelle, daß er unentdeckt bleibt. Für den (in Schweden ansässigen) Aids-Forscher Michael Koch verbirgt sich hinter dem bösartigen Keim »ein atypisches Virus, das alle medizinischen Kenntnisse sprengt«.

Als gesichert gilt derzeit nur, daß der Erreger vor allem Rückenmark, Thymusdrüse, Lymphknoten und das Nervengewebe befällt. Erst nach einer Latenzzeit von vier bis acht Jahren kommt die Viruserkrankung bei den Rindern zum Ausbruch, dann jedoch schreitet der Verfallsprozeß rapide voran.

Beunruhigend wirken die neuesten Forschungsergebnisse: Seit kurzem wissen die Mediziner, daß sich der Erreger auf andere Säugetiere übertragen läßt. Hamstern und Mäusen wurde Scrapie-infiziertes Gewebe injiziert. Kurze Zeit später brach die tödlich verlaufende Hirnschrumpfung auch bei den Versuchstieren aus. Veterinärmediziner Wolfgang Mields vom Bundesgesundheitsamt (BGA) in Berlin zeigt sich irritiert. »Plötzlich gibt es ein infektiöses Prinzip, das niemand durchschaut, das schockt natürlich jeden.«

Ungewöhnlich ist auch die Hartnäckigkeit des Killerkeims, der »ungewöhnlich schwer zu töten ist« (so Virologe Koch): *___Magensäure, sonst tödlicher Ätzstoff für Keime, kann ____das BSE-Virus nicht vernichten. *___US-Mediziner vergruben infizierte Hamstergehirne drei ____Jahre lang in der Erde und injizierten sie dann Mäusen. ____Die Erreger hatten die unterirdische Zwangspause ____überlebt. Die Mäuse erkrankten. *___Untersuchungen ergaben, daß der Hirnzerstörer ____Temperaturen von 350 Grad Celsius 24 Stunden lang ____aushalten kann. Normale Sterilisationsverfahren, wie ____sie in Krankenhäusern angewendet werden, würden ____angesichts solcher Widerborstigkeit versagen.

»Wir sind völlig ratlos«, erklärt BSE-Experte Heino Diringer vom Bundesgesundheitsamt, in der Fachwelt würden die »abenteuerlichsten Hypothesen« kursieren, um die Wirkungsweise des Nervtöters erklärbar zu machen.

In der britischen Öffentlichkeit wird derzeit fast hysterisch die Frage diskutiert, ob das BSE-Virus auch den Menschen bedroht. Jahrelang gelangten Gehirn, Milch und Fleisch verseuchter Rinder auf die Ladentische, wurden die Lebern kranker Tiere zu Wurst, Innereien zu Sülze, Knochenmark zu Suppen verarbeitet. Erst im letzten Jahr ist das Seuchenfleisch aus der menschlichen Nahrungskette ausgesperrt worden. Mad cows müssen seitdem verbrannt werden.

Letzte Woche sorgte jedoch ein neuer Fall für Schlagzeilen. Eine Frau aus Bri* Spongioform: schwammartig. Enzephalopathie: Sammelbegriff für nichtentzündliche Schädigungen des Gehirns. stol hatte ihren siamesischen Hauskater Max sezieren lassen. Das Tier war unter veitstanzartigen Zuckungen zugrunde gegangen. Nach Öffnung des Schädels fanden die Ärzte tiefe Einbuchtungen im Gehirn - typische Symptome des Zerstörerkeims. Nach Angaben der Besitzerin war Max mit Dosennahrung und Schlachterabfällen gefüttert worden.

Detektivisch haben die Forscher die Ausbreitung der Seuche zurückverfolgt: Seit Anfang der achtziger Jahre waren britische Kühe zunehmend mit aufbereiteten Fleischabfällen von Schafen (gemahlene Knochen, Köpfe, Innereien) gefüttert worden. Die proteinhaltige Nahrung beschleunigt das Wachstum der Kühe und entwöhnt Kälber schneller von der Muttermilch.

Das Fachblatt Nature vermutet, daß die winzigen Schädlinge bei der Tiermehlherstellung nicht totgekocht wurden und so in die Futtertröge von Millionen Rindern gelangten.

Die Europäische Gemeinschaft hat die Insel bereits unter Quarantäne gestellt. Seit März dürfen weder Innereien noch lebende Rinder in die EG eingeführt werden. Die Bundesrepublik setzte noch eins drauf. Sie verlangt, daß britisches Rindfleisch vor der Einfuhr von Rückenmark, Lymphknoten und Nervensträngen gesäubert wird.

Die »Krise des britischen Beef« (Daily Mail) wirkt mittlerweile bis in die Sowjetunion. Zur Eröffnung der Britischen Woche nächsten Monat in Kiew wollen englische Köche rund 750 Kilo zartes »Angus«-Rindfleisch in die Ukraine schaffen, um ein Festbankett für Michail Gorbatschow und Maggie Thatcher vorzubereiten. Die Sowjets lehnen den Fleischimport ab, aus Furcht, der Kreml-Chef könnte am Mad-Cow-Syndrom erkranken.

Eine mögliche Gefahr für die Bevölkerung in Großbritannien ist nicht von der Hand zu weisen. BSE hat große Ähnlichkeit mit zwei sehr seltenen menschlichen Leiden, die kaum erforscht sind und unter Medizinern bislang als bizarre Ausnahme-Krankheiten galten.

Ebenfalls unter die schwammige Rubrik »spongioforme Enzephalopathie« wird die sogenannte Creutzfeldt-Jakob-Krankheit eingereiht. Diese äußerst seltene Erkrankung (ein bis zwei Fälle auf eine Million Einwohner) beginnt mit Gedächtnisstörungen und Lähmungen. Im fortgeschrittenen Stadium werden die Patienten häufig blind und weisen die BSE-typische schwammartige Durchlöcherung im Hirngewebe auf.

Wahrscheinlich um dasselbe Gebresten, nur unter anderem Namen aufgeführt, handelt es sich beim Kuru-Syndrom. Eingeborene aus Neuguinea waren besonders häufig an einer Art Hirnschrumpfung verstorben. Als Ursache der Krankheit werden Bestattungsriten der Wilden angenommen, die eine Zubereitung, vielleicht sogar den Verzehr von Leichenhirnen vorschrieben. Nach Verbot der Zeremonie im Jahr 1957 ging die Zahl der Kuru-Opfer drastisch zurück.

Unklar war bislang auch, warum libysche Juden zehnmal so häufig an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit sterben wie andere Volksgruppen. Jetzt ahnen die Experten, warum: Bei den Juden Libyens gilt der Verzehr von Schafsaugen als Delikatesse.

Mit neuen Alarmzahlen wartete letzten Monat der amerikanische Scrapie-Experte Paul Brown auf. In einem Vortrag am BGA in Berlin berichtete er über einige tschechische Dörfer, in denen das Creutzfeldt-Jakob-Syndrom »mehr als 1000fach« häufiger ausbreche. In allen Dörfern wird intensiv Schafzucht betrieben.

Sollte das Virus durch Nahrungsaufnahme auf den Menschen übertragbar sein, könnte den Briten eine Katastrophe ins Haus stehen. Jahrelang wurden Kühe mit dem - nun in Verdacht geratenen - Schafsmehl gepäppelt. Weil es so lange dauert, bis die Erkrankung ausbricht, kann heute kein Serologe sagen, ob ein gesund scheinendes Rind, das in den Schlachthof geschickt wird, nicht doch den Todeskeim in sich trägt.

Mikrobiologe Richard Lacey von der Universität Leeds glaubt, daß sich ein weiteres Ausbreiten der Seuche nur noch mit drakonischen Maßnahmen verhindern ließe. Alle britischen Herden, in denen Fälle von BSE aufgetreten sind, so seine Forderung, müßten sofort notgeschlachtet und verbrannt werden. Betroffen wären von der Radikalkur rund sechs Millionen Tiere. Von der Viehzüchter-Lobby wird der Professor seitdem als Outcast verfolgt. David Maclean, Staatssekretär im Ernährungsministerium: »Lacey spielt in den Medien den Horror-Clown.«

Das britische Rindfleisch-Gewerbe (Umsatzvolumen: jährlich 5,5 Milliarden Mark ) beklagt bereits einen merklichen Umsatzrückgang. In rund 2000 Schulkantinen wurde in den letzten beiden Wochen der Verzehr von heimischem Rindfleisch verboten.

Die Regierung sucht die Ängste der Bevölkerung einstweilen zu beschwichtigen. »Wir glauben, daß die Menschen keinem meßbaren Risiko ausgesetzt sind«, erklärt David Tyrrell, Gesundheitsberater der Regierung. Gesicherte Erkenntnisse hat er jedoch nicht.

Viele Mediziner mahnen angesichts der Bedrohung zur Vorsicht. Erst Rinder, dann Katzen - »warum«, fragt die Neuropathologin Helen Grant aus London, »sollte die Seuche nicht auf den Homo sapiens übertragbar sein?« f

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