Vermessungsarbeiten in der Trave 400 Jahre altes Schiffswrack bei Lübeck entdeckt

Lübecks Oberbürgermeister spricht von einem Sensationsfund: In der Travemündung wurde ein Schiffswrack entdeckt, das vermutlich aus der Spätzeit der Hanse stammt. Der Frachter hatte Kalk geladen.
Foto: Christian Howe

Bei Vermessungsarbeiten in der Travemündung vor Lübeck ist ein rund 400 Jahre altes Wrack eines Frachtseglers entdeckt worden. Die Überreste des etwa 20 Meter langen Holzrumpfs lägen mitsamt der Ladung in elf Meter Wassertiefe und stellten einen bedeutenden archäologischen Fund dar, teilten die Stadt Lübeck und deren Denkmalschützer am Dienstag in der Hansestadt mit. Es ist demnach die erste derartige Entdeckung in der westlichen Ostseeregion.

Aus dem Wrack geborgene Überreste

Aus dem Wrack geborgene Überreste

Foto: Hansestadt Lübeck

Die Stadtverwaltung und deren Archäologenteam erhoffen sich durch die Bergung und Untersuchung des nach derzeitigem Kenntnisstand aus dem 17. Jahrhundert stammenden Handelsschiffs nach eigenen Angaben wertvolle Erkenntnisse zur Geschichte Lübecks und den weitreichenden historischen Handelsbeziehungen der Stadt innerhalb des Städtebunds der Hanse. Das Wrack soll vom Grund der Trave gehoben und dann in einem mehrjährigen Verfahren konserviert werden.

»Die wissenschaftliche Erkenntnis dieses spektakulären Wrackfunds wird der Wirtschafts- und Handelsgeschichte der Hansestadt Lübeck ein bis dato unbekanntes neues Puzzleteil hinzufügen«, erklärte Lübecks Kultursenatorin Monika Frank (SPD) am Dienstag anlässlich der öffentlichen Vorstellung der Entdeckung. Stadt und Fachleute hatten sie zunächst einige Monate geheim gehalten.

Forschungstaucher der Uni Kiel auf dem ersten Tauchgang zum Wrack

Forschungstaucher der Uni Kiel auf dem ersten Tauchgang zum Wrack

Foto: Hansestadt Lübeck

Das Wrack war demnach bereits vor rund zwei Jahren bei Vermessungs- und Peilarbeiten des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts in der Fahrrinne der Travemündung zwischen Lübeck und der Ostsee lokalisiert worden. Erst im August 2021 untersuchten Taucher den Bereich näher, wobei sich dann Hinweise auf ein historisches Wrack ergaben. Anschließend folgten detailliertere Analysen.

Forschungstaucher am Wrack in der Travemündung

Forschungstaucher am Wrack in der Travemündung

Foto: Christian Howe

Von dem Schiff, bei dem es sich nach Angaben der Lübecker Stadtverwaltung um ein typisches Frachtschiff aus der Zeit der Hanse vom Typ Galliot oder Fleute handelt, sind nach der langen Zeit unter Wasser noch immer Teile des Rumpfs erhalten. Bedeutend aber ist der Fund vor allem wegen der erhaltenen Ladung: Mehr als 150 Fässer wurden in und neben dem Wrack bislang gesichtet.

Die Messung per Sidescan-Sonar zeigt das Wrack und die aus Fässern bestehende Ladung

Die Messung per Sidescan-Sonar zeigt das Wrack und die aus Fässern bestehende Ladung

Foto: Wasser- und Schifffahrtsamt Ostsee

Ersten Tests zufolge enthält zumindest ein Teil der Fässer ungelöschten Kalk, einen schon damals wichtigen Grundstoff im Baustoffhandel. Die Erforschung des Wracks werde »ganz neue Aspekte« zur Einschätzung der Bedeutung Lübecks für den Ostseeraum liefern, erklärten die städtischen Archäologinnen und Archäologen Manfred Schneider, Dirk Rieger und Ingrid Sudhoff am Dienstag.

Im Rathaus ausgestelltes Bild von der Seeschlacht bei Gotland 1564 (Sieg der Lübecker über die Schweden)

Im Rathaus ausgestelltes Bild von der Seeschlacht bei Gotland 1564 (Sieg der Lübecker über die Schweden)

Foto: Hansestadt Lübeck

Lübeck hatte im ausgehenden Mittelalter und in der frühen Neuzeit über mehrere Jahrhunderte hinweg als bedeutende Handelsmetropole eine führende Stellung im Städtebund der Hanse eingenommen. Der Aufstieg der Stadt begann im 13. Jahrhundert, Ende des 14. Jahrhunderts war Lübeck nach Köln zeitweise die zweitgrößte deutsche Stadt. Bis Ende des 17. Jahrhunderts verlor die Hanse ihre Bedeutung, am allerletzten sogenannten Hansetag 1669 nahmen nur noch drei Städte teil.

Verschiedene Schiffstypen der Lübecker Geschichte

Verschiedene Schiffstypen der Lübecker Geschichte

Foto: Hansestadt Lübeck

Das Wrack in der Trave stammt nach den bisherigen Erkenntnissen wohl aus der Endzeit der Hanse. Das Holz wurde bei Untersuchungen auf einen Zeitraum um das Jahr 1650 datiert. Womöglich gibt es auch einen Zusammenhang mit einer in Dokumenten aus dem Stadtarchiv erwähnten Schiffshavarie auf der Trave von 1680, aber dies ist zunächst nur Spekulation. In jedem Fall gehen die Experten davon aus, dass der Frachter bei einem Unglücksfall beschädigt wurde.

Fächerlotpeilung zeigt die Lage des Wracks am Rand der Fahrrinne der Trave

Fächerlotpeilung zeigt die Lage des Wracks am Rand der Fahrrinne der Trave

Foto: Wasser- und Schifffahrtsamt Ostsee

Da die im Laderaum verstauten Fässer noch geordnet stehen, schließen sie ein Kentern aus. Auch Brandspuren wurden nicht gefunden. Deshalb halten es die Fachleute für plausibel, dass das Schiff an einer Biegung des Fahrwassers während der Fahrt in Richtung Lübeck auf eine Untiefe lief und Leck schlug. Danach kam es offenbar wieder frei und versank letztlich in der Flussmitte.

Das Wrack aus der Travemündung soll geborgen und dauerhaft erhalten werden, ein Konzept dazu wird derzeit erstellt. Lübecks Oberbürgermeister Jan Lindenau (SPD) sprach von einem Sensationsfund und erklärte, es sei für die Hansestadt »Auftrag und Verpflichtung«, sich um dessen Bewahrung zu kümmern.

ak/AFP
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