Debatte über das Ende von Lützerath Wird die Kohle nun gebraucht – oder nicht?

Die Braunkohle unter Lützerath sei wichtig für die Energiesicherheit des Landes, sagen die einen. Das Abbagern des Ortes sei unnötig und ein klimapolitischer Sündenfall, sagen die anderen. Das sind die Argumente.
Blick auf Lützerath: Wird die Kohle nun gebraucht oder nicht?

Blick auf Lützerath: Wird die Kohle nun gebraucht oder nicht?

Foto: Rob Engelaar / ANP / IMAGO

Die Räumung hat begonnen. Wer Lützerath nicht freiwillig verlasse, »müsse mit der Anwendung unmittelbaren Zwangs rechnen«, schallte es am Mittwochmorgen aus Lautsprechern der Polizei. Die Entwicklung vor Ort können Sie in unserem Liveticker verfolgen.

Ausgerechnet der Wallfahrtsort von Klimaschützern in NRW soll weichen – für die Energiesicherheit, gegen die Erderhitzung; ein Deal, mit ausgehandelt von Grünenpolitikern.

Die Braunkohle unter Lützerath sei notwendig, um die Energieversorgung in Deutschland angesichts des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine zu gewährleisten, heißt es. Dafür mache RWE Zugeständnisse. Die von den Grünen geführten Wirtschaftsministerien in Bund und Land NRW haben mit dem Energiekonzern so etwa einen auf 2030 vorgezogenen Kohleausstieg vereinbart.

Das Abbaggern sei nicht notwendig, sagen dagegen Aktivisten. Wird die Kohle nun gebraucht oder nicht? Das sind die Argumente.

Das sagen Klimaaktivisten

Die Klimaschützer verweisen unter anderem auf eine Kurzstudie von August 2022  der Europa-Universität Flensburg, der Technischen Universität Berlin und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Demnach reichen die Braunkohlemengen im schon genehmigten Abbaugebiet sogar dann, wenn von 2025 an der Kohleverbrauch noch einmal deutlich steigen sollte. RWE bestehe nur deshalb auf dem Abbau in Lützerath, weil sich die Kohle dort leichter und damit profitabler gewinnen lasse, sagen Aktivisten.

Das sagt die Politik

Das Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie Nordrhein-Westfalens hat ebenfalls ein Gutachten in Auftrag gegeben  – und das kommt zu einem völlig anderen Schluss als das der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Flensburg und Berlin. Würde Lützerath nicht abgebaggert, übersteige der Bedarf die Menge förderfähiger Braunkohle in verschiedenen Szenarien. Laut dem Gutachten von September 2022 fehlten in jedem Fall mindestens 17 Millionen Tonnen Braunkohle. Insbesondere 2023 werde es infolge der Gasknappheit zu einer noch größeren Differenz kommen.

Ist Lützerath ohnehin nicht mehr zu retten?

Hinzu kommt: Lützerath ist nicht allein wegen der Kohle begehrt. Die abgebaggerte Erde, der sogenannte Abraum, wird benötigt, um den benachbarten Tagebau Garzweiler zu füllen und Abbruchkanten dauerhaft zu befestigen . »Zum Erhalt von Lützerath müssten dann andere Orte weichen«, sagte Manfred Fischedick dem Science Media Center . Er ist Geschäftsführer des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie und Professor an der Bergischen Universität Wuppertal. »Die Landesregierung hat sich nachvollziehbarerweise für den Erhalt der Dörfer entschieden, in denen heute noch Menschen wohnen«, so Fischedick.

Ein weiteres Versprechen der Grünen: Der Kompromiss mit RWE nütze dem Klima. »Wir haben eine Vereinbarung mit RWE geschlossen, die dazu führt, dass der Tagebau um die Hälfte verkleinert wird«, sagte NRW-Umweltminister Oliver Krischer (Grüne) am Mittwoch im Deutschlandfunk. Dadurch blieben 280 Millionen Tonnen Kohle unter der Erde. »Das ist einer der größten Fortschritte, die wir in den letzten Jahren gemacht haben.«

Bagger im Tagebau: Nicht nur die Kohle unter Lützerath ist begehrt, sondern auch die Erde

Bagger im Tagebau: Nicht nur die Kohle unter Lützerath ist begehrt, sondern auch die Erde

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services / IMAGO

Doch stimmt das? Auch bei dieser Frage kommt es darauf an, wen man fragt.

Laut einer Studie des Energieberatungshauses Aurora wird der vorgezogene Kohleausstieg wenig zum Klimaschutz beitragen. Durch die kurzfristige »Rückholung« von Kohlemeilern würden sogar bis zu 61 Millionen Tonnen CO₂ mehr ausgestoßen. (Mehr dazu lesen Sie hier .)

Wann die Kohle unter Lützerath dem Klima nützen könnte

Kurzfristig, so viel steht fest, belastet die zusätzlich geförderte Kohle die Klimabilanz. »Auf der nationalen Ebene führen die Maßnahmen zu einem Anstieg der Emissionen im Bereich der Energiewirtschaft«, sagt Fischedick. 2023 und 2024 werden die festgelegten Klimaziele in diesem Bereich deshalb sehr wahrscheinlich nicht eingehalten werden können.

Es gebe aber Wege, diese Emissionen auszugleichen. Und das sei für den Klimaschutz entscheidend, so Fischedick. Denn am Ende sei es egal, ob in einem einzigen Jahr die Emissionen steigen, wenn sie dafür langfristig deutlich zurückgehen. Und da kommt der Europäische Emissionshandel ins Spiel. Wer mehr Emissionen ausstoßen will, muss das kompensieren und CO2-Zertifikate kaufen. Wenn kurzzeitig mehr Kohle gefördert wird, treibt das den Preis in die Höhe, so die Überlegung.

»Auch wenn Lützerath abgebaggert wird, hat die Kohle keine Zukunft.«

Ottmar Edenhofer, Direktor des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC)

Langfristig könnte die Kohle unter Lützerath dem Klima so nützen. »In Summe ist damit davon auszugehen, dass insbesondere unter Berücksichtigung der Wirkungen des Europäischen Emissionshandelssystem die Entscheidungen von Bundes- und Landesregierung einen klaren emissionsmindernden Effekt haben«, so Fischedick.

Ottmar Edenhofer hofft zumindest auf eine ausgeglichene Bilanz. Er ist Direktor des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) und Professor an der TU Berlin. »Solange die Obergrenze für den Ausstoß von Treibhausgasen wirklich hart bleibt und sinkt und der CO2-Preis wirkt, können wir vorübergehend auch mehr Kohle verfeuern«, so Edenhofer. Die Mehremissionen würden an anderer Stelle zu Einsparungen führen. Unterm Strich würden nicht zusätzliche klimaschädliche Abgase in die Atmosphäre gelangen.

Langfristig müssten jedoch Windkraft und Sonnenstrom ausgebaut werden, wenn Deutschland seine Klimaziele erreichen will. »Auch wenn Lützerath abgebaggert wird«, so Edenhofer, »hat die Kohle keine Zukunft.«

Mit Material von dpa

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