Studie von Mainzer Forschern Luftverschmutzung in Städten kostet drei Lebensjahre

Schlechte Luft in Städten verkürzt die Lebenszeit und tötet weltweit mehr Menschen als Kriege oder Infektionskrankheiten. Manche Regionen und Altersgruppen sind besonders betroffen, fanden Forscher heraus.
In indischen Städten wie Neu-Delhi werden Schadstoffgrenzwerte regelmäßig stark überschritten.

In indischen Städten wie Neu-Delhi werden Schadstoffgrenzwerte regelmäßig stark überschritten.

Foto: Altaf Qadri/ AP

Wer in Großstädten lebt, könnte bis zu drei Jahre früher sterben. Das liegt an den vielen Schadstoffen, die Autos oder Kraftwerke jeden Tag in die Luft ausstoßen. Fossile Brennstoffe wie Öl und Kohle sind stark gesundheitsgefährdend - sogar mehr als andere Bedrohungen wie Kriege, Infektionskrankheiten oder Rauchen. Das haben Forscher des Mainzer Max-Planck-Instituts für Chemie und der Uniklinik Mainz in einer Studie nachgewiesen.

Im globalen Mittel verkürze die schlechte Luft die Lebensdauer der Menschen um fast drei Jahre, so das Ergebnis der Studie, die im Fachblatt "Cardiovascular Research"  veröffentlicht wurde. Demnach führte Luftverschmutzung 2015 weltweit zu etwa 8,8 Millionen vorzeitigen Todesfällen - was den Forschern zufolge einer durchschnittlichen Verkürzung der Lebenserwartung um 2,9 Jahre entspricht. Zum Vergleich: Rauchen verkürzt die Lebenserwartung im weltweiten Mittel demnach um 2,2 Jahre, HIV und Aids um 0,7 Jahre, durch Tiere verbreitete Infektionskrankheiten um 0,6 Jahre und Kriege und andere Gewalt um 0,3 Jahre.

"Luftverschmutzung übersteigt Malaria als Ursache für vorzeitigen Tod um den Faktor 19 und HIV/Aids um den Faktor 9", so der Studienautor Jos Lelieveld. "Da die Auswirkungen auf die Gesundheit so enorm sind und die Bevölkerung weltweit betreffen, könnte man sagen, dass unsere Ergebnisse auf eine Luftverschmutzungspandemie hindeuten."

Das Team untersuchte für das Jahr 2015 die Verbindung zwischen Schadstoffen - vor allem Feinstaub und Ozon - und Krankheiten anhand eines atmosphärenchemischen Modells. Diese Daten glichen sie dann mit den Sterblichkeitsdaten durch andere Ursachen ab. Hauptverantwortlich für die Lebensverkürzung sind Herz-Kreislauf-Krankheiten, die fast die Hälfte der vorzeitigen Todesfälle verursachen. Am stärksten betroffen sind demnach ältere Menschen. Drei von vier Todesfällen weltweit betreffen Menschen im Alter über 60 Jahre.

Fossile Brennstoffe machen krank

Allerdings wird nicht die gesamte Luftverschmutzung allein durch den Menschen verursacht. In manchen Weltregionen führen etwa Wüstenstaub und Emissionen durch Buschbrände zu schlechter Luftqualität bei. Doch mit rund zwei Drittel der Belastung tragen die menschengemachten Emissionen, insbesondere durch die Nutzung fossiler Brennstoffe, klar die Hauptschuld.

Zu den Hauptverursachern der anthropogenen Emissionen, etwa von Feinstaub, zähle in Europa und Nordamerika neben der Wärmeerzeugung insbesondere der Straßenverkehr, in Afrika und Asien dagegen die Verbrennung von Feststoffen wie Holz oder Kohle in offenen Feuern.

Mehr Klimaschutz und weniger Öl und Kohle würden weltweit rund 5,5 Millionen vorzeitige Todesfälle pro Jahr verhindern, heißt es in der Studie. Der Verzicht auf fossile Brennstoffe würde die weltweite Lebenserwartung demnach um gut 1 Jahr steigern, das Vermeiden jeglicher anthropogener Emissionen um knapp 2 Jahre. In Europa würde die Lebenserwartung dann um 1,7 Jahre steigen.

"Luftverschmutzung ist einer der Hauptverursacher vorzeitiger Todesfälle"

Thomas Münzel, Kardiologe

Verschiedene Weltregionen sind in unterschiedlichem Ausmaß betroffen: Am stärksten sind die Auswirkungen in Ost- und Südasien, dann folgen Afrika, Europa, Amerika und Australien. "Unser Vergleich zeigt, dass Luftverschmutzung eine der Hauptursachen für vorzeitige Todesfälle und den Verlust an Lebensjahren ist", sagt der Studienautor und Kardiologe Thomas Münzel. "Wir verstehen mehr und mehr, dass Feinstaub in erster Linie Gefäßschäden und damit Krankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzrhythmusstörungen und Herzschwäche begünstigt", sagt Münzel.

Der Hamburger Kardiologe Thomas Meinertz, der nicht an der Studie beteiligt war, nennt die von Lelieveld und Münzel beschriebenen Zusammenhänge "äußerst plausibel". "Feinstaub wird in der Lunge absorbiert, gelangt in den Kreislauf und löst im Organismus unspezifische Entzündungsreaktionen aus", sagt der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Herzstiftung. "Das fördert Arteriosklerose und damit eine Vorstufe von Herzinfarkt und Schlaganfall." Zudem könnten die entzündlichen Reaktionen Diabetes oder Probleme im Fettstoffwechsel verschärfen. "Man sollte alle Maßnahmen nutzen, die die Emissionen reduzieren und die man umsetzen kann", betont Meinertz.

Dicke Luft trotz Milliarden für die Verkehrswende

Alle Versuche die Luft durch mehr Fahrradverkehr, Fahrverbote oder Fußgängerzonen zu verbessern, haben zumindest in Europa nur einen geringen Erfolg. Nach einer aktuellen Einschätzung des Europäischen Rechnungshofs hat sich durch die EU-Milliarden für eine Verkehrswende wenig bis nichts geändert.

Die EU-Kommission habe für die Jahre 2014 bis 2020 rund 16,5 Milliarden Euro für die urbane Mobilität bereitgestellt - vor allem für U- und Straßenbahnen sowie Radwege und intelligente Verkehrssysteme. Dennoch gebe es "keine eindeutigen Anzeichen" dafür, dass diese Politik wirke: Die Autonutzung sei hoch wie eh und je, stellt der Rechnungshof fest, "und die Luftverschmutzung liegt in vielen Städten immer noch über den sicheren Grenzwerten".

sug/dpa