Zur Ausgabe
Artikel 109 / 120
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SEX Lust ohne Luft

Manche abseitigen Sexpraktiken sind kompliziert, mitunter auch tödlich. Starb so der Popsänger Michael Hutchence?
aus DER SPIEGEL 49/1997

Aufgefunden wurde der Gast von Zimmer 524 in einer, wie es die Direktion des Ritz Carlton in Sidney diskret formulierte, »etwas ungewöhnlichen Situation«. Den Hals in einem zur Schlinge geschürzten Ledergürtel, hing er nackt am Türriegel, das Gesäß knapp über dem Boden.

Der Tote beanspruchte letzte Woche die Aufmerksamkeit zweier Berufsgruppen, die - vom gemeinsamen Hang zum Alkohol abgesehen - gegensätzlicher nicht sein könnten: hie die lärmtriebigen Pressemenschen, die mitunter zur Übertreibung neigen; dort die sezierenden Pathologen, deren Wirkungsfeld die stille Einsamkeit der Leichenkeller ist.

Vor allem die Journaille des anglophonen Sprachraums sah sich veranlaßt, ihre Berichterstattung über den mysteriösen Erstickungstod des Rockstars Michael Hutchence auf das zu konzentrieren, was der Brite als »kinky sex« bezeichnet - im vorliegenden Fall nicht ganz von ungefähr.

»Als wir es zum erstenmal miteinander taten, hat er Dinge mit mir gemacht, von denen ich annehme, daß sie illegal sind«, hatte Hutchences Verlobte unlängst bekannt und des weiteren enigmatisch verlautbart: »Er hat das Tadsch Mahal der Genitalien.«

Der Tod des vergangenen Donnerstag zu Grabe getragenen Sängers der Popgruppe INXS (ein Akronym für »in Exzess") entzündete nicht nur die journalistische Phantasie, sondern auch eine lebhafte Diskussion um eine vielfach vertuschte Art des Ablebens, dessen Kasuistik Gerichtsmediziner und aufgeschlossene Laien seit jeher fasziniert.

Denn nirgendwo sind die Begleitumstände des Exitus derart grotesk, kaum irgendwo die fetischistischen Ko-Praktiken so bizarr wie beim AAD. So nennen die Forensiker, deren Humor so schräg und scharf ist wie der Schliff an ihren Schädelsägen, den autoerotischen Unfall mit tödlichem Ausgang ("Accidental Autoerotic Death").

Mit unverhohlenem Vergnügen und Freude am Detail informieren sie einander in ihren Fachblättern über »exzentrische Leichen« - wie etwa die des US-Farmers, der seine Beine an ein Ochsenjoch und dieses wiederum an die Hebehydraulik seines Treckers der Marke John Deere (Modell 145) gekettet hatte. Sodann liftete er sich, nur mit Stöckelschuhen und roten Nylons bekleidet, per eigenkonstruierter Fernsteuerung in die Höhe, wo er onanierte. Der in Kopflage hängende Mann erstickte, weil seine Fernbedienung versagte.

Solch autoerotische Aktivitäten (AA) fallen in den Bereich der Paraphilie, der Liebe zum Abseitigen; sie fächert sich in vier Verübungsformen, von denen drei dem Ziel dienen, den orgiastischen Lustgewinn durch eine (sexuell stimulierend wirkende) Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff zu intensivieren - eine masturbationsbegleitende Maßnahme, die schon die alten Kelten kannten und Eskimos noch heute rituell praktizieren.

Den Überorgasmus durch Atembehinderung ("Asphyxie") sucht der Triebperverse per

* Strangulation: die häufigste AA-Praktik, die von der einfachen Schlinge bis zu komplexen Drossel-Konstruktionen reicht; so etwa die Hängung in Schaukelstellung oder die Selbstfixierung auf einem Schwebebrett, dessen Schräglage der Praktikant per Flaschenzug steuert und auf diese Weise den Zug der Halsschlinge dosiert;

* Re-Inhalation: Anwendern dieser Technik, bei welcher der Asphyxiker seine Atemluft in eine entsprechend präparierte Gasmaske oder einen Plastiksack rückatmet, eignet der Hang zu Gummikleidung und Bündelschnürung - ausgefallene Fesselungsszenarien sind dabei oft im Spiel, aber auch Sahnespenderflaschen, deren Druckkartuschen das euphorisierende Distickstoffoxid (Lachgas) enthalten;

* Thorax-Kompression: Die erwünschte Atemreduktion wird hierbei auf mechanischem Wege durch die Verringerung des Lungenhubs erreicht, etwa durch den Druck einer hydraulischen Presse auf den Brustkorb oder durch Anlegen eines Druckanzugs, wie ihn Jet-Piloten tragen. In beiden notorisch gewordenen Fällen überlebten die Ausübenden allerdings nicht - Probleme mit der Feinregulierung des Drucks.

Die meisten Praktikanten solch atmungsrelevanter AA-Varianten sind männlichen Geschlechts. Unter ihnen finden sich, wie der berühmte Gerichtsmediziner und Lehrbuch-Autor Otto Prokop konstatiert, »überwiegend Intellektuelle mit differenzierten Berufen, Akademiker, Beamte, Geistliche«. Das ist naheliegend, denn nur Phantasiebegabte können so komplizierte Vorrichtungen ersinnen wie die, an der man einen Pastor fand: Mittels eines ins Rektum eingeführten Druckfühlers kontrollierte er durch Kontraktion seiner Beckenmuskulatur einen Kompressor, der eine Druckmanschette um seinen Hals mit Luft füllte.

Auch bei den auf die AA-Variante Nummer vier spezialisierten »Elektrokutionisten«, die »durch elektrische Reizung der Genitalien, direkt oder vom Mastdarm aus, Ejakulation und Orgasmus erreichen« (Prokop), ist die Mortalität nicht unerheblich - und im übrigen die Abgrenzung zum Selbstmord für »den unerfahrenen Kriminalbeamten schwer« (Prokop).

Bei Michael Hutchence, so verlautbarte die Polizei, sei der Exitus nicht infolge sexuell devianter Aktivitäten, sondern durch Freitod eingetreten - eine Feststellung, die Experten wie der US-Pathologe Simon Barnes bezweifeln: »Ein Suizident zieht sich in aller Regel nicht splitternakkend aus, bevor er sich aufhängt.«

* Maria Schrader, Jürgen Vogel in »Stille Nacht«.

glass
Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 109 / 120
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.