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Archäologie Magischer Panzer

Chinesische Archäologen haben ein 2000 Jahre altes Jadegewand entdeckt. Das Totenkleid gehörte einem Selbstmörder.
aus DER SPIEGEL 6/1996

Mit Stahlseilen zerrten die Grabungshelfer sieben Tonnen schwere Steinstöpsel zur Seite, die den Grabschacht versperrten. Dann arbeitete sich der Trupp in den Tunnel vor, der sich wie ein Fuchsbau in den Berg des Löwen frißt, eine Erhebung in der Ostprovinz Jiangsu.

70 Meter tief waren die Archäologen bereits in den düsteren, von Miefluft erfüllten Stollen vorgedrungen, als sich der Gang plötzlich zu einer großen Kammer weitete. Das Licht der Expeditionslampen fiel auf einen glitzernden Totenschatz: Goldmünzen, Plastiken und ein Leichenhemd aus Jade, das wie ein Astronauten-Overall anmutete.

Es war nicht der erste Fund eines Jade-Totenhemdes. Doch die Kunde von der archäologischen Entdeckung, von der Nachrichtenagentur Xinhua News Agency verbreitet, sorg weltweit für Aufregung: Das unterirdische Mausoleum gehörte Liu Wu, einem Provinzkönig, der im zweiten vorchristlichen Jahrhundert unter dramatischen Umständen starb.

Im Jahr 154 vor Christus tobte im Reich der Mitte ein politischer Machtkampf. Der amtierende Kaiser Jingdi, Herrscher über 50 Millionen Untertanen, versuchte, den Einfluß seiner Verwandten zu beschneiden, die in den Provinzen als weitgehend selbständige Könige regierten.

Sieben der Regionalchefs entschlossen sich daraufhin zum militärischen Aufstand gegen den Drachenthron. Riesige Ländereien, fast das halbe Reichsgebiet, nahmen an der Revolte teil.

Auch Liu Wu, Herrscher über die Provinz Chu, schloß sich den Verschwörern an. Als »gewalttätig und liederlich« beschreibt der Hamburger Sinologe Hans Stumpfeldt den Potentaten. Berater, die ihn von der Rebellion abbringen wollten, wurden liquidiert.

Dann entbrannte der Bürgerkrieg. Eine gewaltige kaiserliche Armee setzte sich in Marsch, um die Aufrührer niederzuzwingen: Streitwagen, Armbrust-Regimenter und Infanteristen, die mit langen Eisenschwertern kämpften. Ihre Leiber steckten in Lederpanzern, die mit Lack gehärtet waren.

Schließlich brach der Widerstand der Gaukönige zusammen. Geschickt hatte der Generalissimus des Kaisers die Renegaten ausgehungert und ihnen die Nachschubwege abgeschnitten. Sechs Regionalherrscher wählten den Freitod, einer wurde gefangen und hingerichtet.

Auch Liu Wu legte Hand an sich. Um der Anwendung des altchinesischen Sprichwortes »Als Sieger: Kriegsminister! Als Besiegter: im Kessel gekocht« zu entgehen, »erdrosselte er sich selbst«, wie es in alten Quellen heißt. Wie die Würgeaktion im einzelnen ablief, ist nicht bekannt.

Daß der politische Verräter dennoch ehrenhaft bestattet wurde, konnten nun die chinesischen Archäologen mit ihrem Grabungsfund zeigen. Über Jahre hatten sich Steinmetze mit Eisenmeißeln in den harten Fels vorgearbeitet, um die Grabhöhle für Liu Wu anzulegen.

176 000 Münzen, ein Waffenarsenal sowie Hunderte on Jadefiguren, darunter Zikaden und Tänzer, haben die Ausgräber bislang aus dem Mausoleum hinausgeschafft. 200 Siegel und Stempel, ebenfalls in der Totenkammer aufgefunden, könnten neue Einsichten in das politische System des Alten China geben, wie die Forscher hoffen.

Besonders interessant ist das Totenhemd, in dem der königliche Selbstmörder beerdigt worden war. Aus 4000 Plättchen ist der Ganzkörpersuit zusammengesetzt. Die Experten sprechen vom »schönsten Totenhemd, das je ausgegraben wurde«. Derzeit wird das teilweise zerrissene Prachtgewand rekonstruiert.

Vor allem während der Han-Dynastie (206 vor bis 24 nach Christus) kamen die mineralischen Leichenkleider in Mode. Rund 40 der schuppenartigen Trachten wurden bislang entdeckt - die meisten sind allerdings unvollständig. Ein besonders eindrucksvolles Exemplar, das von Fürst Liu Sheng, wird ab September im Londoner British Museum ausgestellt.

Die Totenkluft steht für eine magische Idee. Der grünweiß schimmernde Jade, so die religiöse Vorstellung, sei eine Art Zaubermineral, das ewiges Leben verleihe und den Körper vor Verwesung schütze. Schon am Ende der Steinzeit war der kostbare Edelstein in China als Werkstoff und Grabbeigabe beliebt.

Armen Leuten wurden meist nur kleine Jadeplättchen in den Mund gelegt. Bei Königen und hohen Würdenträgern wurde nicht gespart: Totenkult-Priester verstopften den Verstorbenen zuerst alle neun Körperöffnungen mit Jadepfropfen. Dann legten sie die Leichname in die glitzernden Gewänder und nähten diese zu.

Hergestellt wurden die kostbaren Totenhemden am Kaiserhof in einer Spezialwerkstatt für Bestattungsbedarf. Dort schliffen Handwerker den Jade zu feinen Plättchen und verketteten ihn mit Gold- oder Silberdraht. Liu Wus Grabgewand war zusätzlich mit einem Gürtel verziert, an dem vier Knöpfe aus purem Gold befestigt waren.

Den Ruf, konservierend zu wirken, trägt der Jade indes zu Unrecht. »Die Leiber der altchinesischen Herrscher sind allesamt zusammengefallen und verwest«, erklärt Sinologe Stumpfeldt. Auch von Liu Wus Körper ist nichts erhalten.

Als die Forscher das geborstene steinerne Kettenhemd untersuchten, rieselte ihnen nur noch Staub entgegen.

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