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MEDIZIN VON MORGEN

Viren gegen Krebs, Ventile zur Hirndruckregelung, intelligente Wundauflagen - deutschlandweit arbeiten Ingenieure und Naturwissenschaftler an Produkten, die unser Leben in Zukunft sicherer und leichter machen. VON ANGELA GATTERBURG
aus SPIEGEL Wissen 2/2009

Druck im Kopf

Produziert der Körper mehr Hirnwasser, als er braucht, steigt der Druck im Kopf. Als Ursache kommen in Frage Tumore, Abszesse, Blutungen oder die Diagnose »Hydrocephalus«, griechisch für Wasserkopf.

Die Folge: Die Sauerstoffversorgung im Gehirn ist gestört, es können Schwindel, Übelkeit und Kopfschmerzen auftreten, aber auch Atem- und Bewusstseinsstörungen, Lähmungserscheinungen und Koma. Wissenschaftler der Technischen Hochschule Aachen entwickeln derzeit ein Ventil, das den Gehirndruck überwacht und aktiv reguliert. Das Ventil wird implantiert und misst mittels Sensoren die Flüssigkeitsproduktion. Steigt der Hirndruck, leitet das Ventil das Zuviel an Flüssigkeit ab, beispielsweise in den Bauchraum, und reguliert somit den Druck. Das neuartige Ventil soll im Jahr 2012 auf den Markt kommen.

Informationen unter www.medit.rwth-aachen.de

Clevere Leibwächter

Ein schwer herzkranker Mann gräbt unbekümmert seinen Garten um, eine Frau unternimmt ein Jahr nach ihrer letzten Herzattacke eine lange Wanderung - beide stehen dabei die ganze Zeit unter ärztlicher Kontrolle.

»Sensor Assistance for Vital Events« ("senSave") heißt das mobile Gerät zur Überwachung herzkranker Menschen: Am Körper richtig plaziert, überträgt es mittels hautfreundlicher Sensoren die Werte des Patienten direkt an eine telemedizinische Kontrollzentrale. Kommt es zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes, alarmiert »senSave« einen Arzt.

Das Gerät, entwickelt in fünf Fraunhofer-Instituten, soll Diagnostik und Nachsorgetherapie bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen optimieren und die Betroffenen vor Notfällen bewahren. Es wird derzeit in verschiedenen Kliniken auf seine Alltagstauglichkeit hin getestet.

Informationen unter www.sensave.de

Viren gegen Krebs

Die meisten Menschen haben panische Angst vor einer Krebserkrankung. Krebs entsteht in Körperzellen durch Erbgutveränderungen, die zu bösartigen Wucherungen (Tumoren) führen. Die oft eingesetzten Chemo- und Strahlentherapien wirken nicht immer und haben häufig erhebliche Nebenwirkungen.

Ein Expertenteam im Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg entwickelt derzeit eine neuartige »Virotherapie« mit sogenannten autonomen Parvoviren. Deren Besonderheit ist, Krebszellen zu infizieren und abzutöten. Der Clou dabei: Gesunde Zellen werden von diesen Viren nicht angegriffen.

Parvoviren gehören zu den kleinsten bekannten Viren, vermehren sich bevorzugt in Tumorzellen und haben sogar krebshemmende Eigenschaften, erklärt Professor Jörg Schlehofer, Mitglied der Forschungsgruppe. Die Wissenschaftler manipulieren die Parvoviren genetisch zu einer Art Trojanischem Pferd, das mit seinen jeweiligen Eigenschaften effektiv gegen Krebszellen vorgehen kann.

Erste klinischen Studien sollen, wie Schlehofer hofft, bereits Ende dieses Jahres an Patienten mit Hirntumoren beginnen.

Informationen unter www.dkfz.de

Biologisch aktive Verbände

Ein Mann hat sich in der Küche mit einem scharfen Messer verletzt, die Schnittwunde blutet stark. In der Notaufnahme säubert der Arzt die Wunde und legt einen Verband aus Nanofasern auf. Die Verletzung heile in wenigen Tagen, verspricht er, ein Verbandswechsel sei nicht notwendig.

Noch sind solche Vlies-Auflagen nicht im Einsatz. Doch am Lehrstuhl für Textilchemie und Makromolekulare Chemie der TH Aachen, früher das Deutsche Wollforschungsinstitut, arbeiten Institutsleiter Professor Martin Möller und das Team von Professorin Doris Klee an solchen intelligenten Wundauflagen, die zur Regeneration von Zellgewebe beitragen und somit den Heilungsprozess fördern. Die Wirkung der Verbände beruht auf einer speziellen Behandlung mit Nanofasern: Die ultradünnen, biologisch aktiven Kunstfasern aus Polymeren, vergleichbar etwa Spinnenseide, stimmen in ihrer Stärke mit den kleinsten Fasern des menschlichen Körpers überein. Wie Kletterpflanzen geben sie den Zellen Halt, errichten Barrieren gegen Bakterien, regen das verletzte Gewebe zum Wachsen an und fördern so die Wundheilung.

Wann die biologisch aktiven Nanofasern breit verfügbar sein werden, ist noch unklar.

Informationen: www.dwi.rwth-aachen.de

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