100-Jahres-Vergleich Die unerfüllten Versprechen der Medizin

Ausrottung von Tuberkulose, Homöopathie, Gesundheit am Arbeitsplatz - vor hundert Jahren listete eine Fachzeitschrift die großen Herausforderungen der Medizin auf. Jetzt blickt das Journal zurück: Viele Probleme sind geblieben.

Arzt: Enttäuschte Hoffnungen
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Arzt: Enttäuschte Hoffnungen


Wie hat sich die Medizin in den vergangenen einhundert Jahren verbessert? Um dies zu klären, haben die Mitarbeiter der Fachzeitschrift "The Lancet" zum Jahresanfang in ihr Archiv gegriffen und ihr Editorial aus dem Jahr 1911 studiert - das Magazin erscheint seit 1823. "Das Versprechen von 1911" titelte der Arzt und Journalist Squire Sprigge damals - was folgt, ist zum Teil überraschend aktuell.

Sprigge beschäftigt sich mit dem "Dämon Tuberkulose" und hofft, dass ein besseres Verständnis der Krankheit eines Tages dazu führen wird, sie zu besiegen. Mit der Entdeckung der Antibiotika hatten Ärzte Jahrzehnte später die Möglichkeit, die von Bakterien verursachte Krankheit zu behandeln. Allerdings stellt Tuberkulose bis heute ein weltweites Problem dar: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO starben im Jahr 2009 rund 1,7 Millionen Menschen an den Folgen der Krankheit, die meisten davon in Entwicklungsländern.

Eine Fülle der 1911 angerissenen Felder hat nichts von ihrer Aktualität verloren. Die Gesundheit am Arbeitsplatz, verbunden mit der Frage nach Arbeitsunfallversicherungen ist nach wie vor ein Thema, ebenso die Ausbildung von Ärzten - die sich immerhin in der Zwischenzeit verändert haben dürfte. Bereits 1911 wurde über den Einsatz von Homöopathie gestritten: Squire Sprigge hoffte auf bessere Gesetze gegen "gierige Scharlatane und gefährliche Quacksalber". Und sogar Medizintourismus wurde 1911 schon kritisch betrachtet - wie auch heute noch, wo Ärzte beispielsweise vor billigen Schönheitsoperationen im Ausland warnen.

Neue Chancen, alte Dämonen

Mit der Geschlechtskrankheit Syphilis beschäftigt sich das 100 Jahre alte Editorial ausführlich. Diese Krankheit ist zwar zurückgedrängt, aber längst nicht verschwunden. In den reichen Industrienationen kehre sie in einigen Hochrisikogruppen zurück, urteilt das Lancet-Team.

Zumindest manches ist eindeutig veraltet: Der Hinweis einer britischen Klinik etwa, sich ein Röntgengerät anzuschaffen, um Patienten zu helfen. Erst später stellte sich heraus, dass sich bei der damaligen Anwendung die Krebsgefahr deutlich erhöhte.

"Zwischen 1911 und 2011 ist einiges geschehen, auf das die Medizin stolz sein kann, das aber auch zur Bescheidenheit mahnt. Neue Jahre bringen neue Versprechen und Chancen mit sich, aber einige alte Dämonen bleiben" - so schließt das Lancet-Editorial 2011.

wbr



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