Geimpfte vs. Ungeimpfte Hamburg beschließt 2G – und rechnet die Inzidenzen falsch

Die Hansestadt will Ungeimpften das Leben erschweren. Doch die Zahlen der Behörde sind unstimmig. Wie kann das nach ewigen Monaten Coronapandemie noch passieren? Und warum werden auf dieser Basis Maßnahmen beschlossen?
Ausflügler an der Alster

Ausflügler an der Alster

Foto: Bodo Marks / dpa

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Hamburg führt das 2G-Modell ein. Theater, Kinos und Restaurants, die sich dafür entscheiden mitzumachen, lassen dann nur noch Geimpfte und Genesene herein – dafür fallen viele Schutzauflagen weg. Negativ Getestete müssen dagegen draußen bleiben. Bislang ist das Modell noch freiwillig, doch für das Überleben vieler Veranstalter quasi alternativlos.

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) begründete die Einführung des Wahlmodells mit Unterschieden der Infektionsdynamik zwischen Geimpften und Ungeimpften. Geimpfte und Genesene hätten »keinen wesentlichen Anteil« am Infektionsgeschehen, sagte Tschentscher. Für sie dürften Beschränkungen deshalb schon aus rechtlichen Gründen nicht aufrechterhalten werden, denn diese seien aus Sicht der Pandemiebekämpfung nicht mehr erforderlich.

Leider sind die Zahlen, die die Stadt präsentiert, nicht schlüssig. Die zuständige Sozialbehörde hat eine diesbezügliche Anfrage des SPIEGEL nicht beantwortet. Doch wenn die Stadt auf Basis fragwürdiger Zahlen neue Regeln einführt, ist das mindestens bedenklich.

Was sind die Zahlen? In einer Pressemitteilung  schreibt die Sozialbehörde folgendes:

1. »Im zurückliegenden 7-Tages-Zeitraum wurden 1.504 neue Corona-Fälle gemeldet. Das entspricht einer aktuellen Inzidenz von 79,0

2. »Bezogen auf die Gesamtbevölkerung liegt die Sieben-Tage-Inzidenz unter Personen mit einem Impfschutz gegen Covid-19 bei 3,36; bei Ungeimpften liegt dieser Wert bei 78,12

Da passt einiges nicht zusammen.

Will man die Sieben-Tage-Inzidenz einer bestimmten Gruppe berechnen, zieht man die gemeldeten Fälle in dieser Gruppe heran und setzt sie in Bezug zu den Menschen dieser Gruppe. Aber eben nur zu dieser Gruppe. Das können zum Beispiel Menschen ab 60 Jahren sein, Lehrkräfte oder eben Ungeimpfte. Wenn die Behörde aber schreibt, die Inzidenz liege »bezogen auf die Gesamtbevölkerung« in einer Teilgruppe bei 3,36 oder 78,12, ergibt das keinen Sinn.

Um das mit einem Beispiel zu erklären, das schräg ist, aber ohne viel Rechnen funktioniert: Wie hoch ist der Anteil der Zwillingspaare, die am selben Tag Geburtstag haben? Fast 100 Prozent – nur in seltenen Fällen, wenn Zwilling eins vor Mitternacht und Zwilling zwei danach zur Welt kam, haben beide an verschiedenen Tagen Geburtstag. Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie beantworten diese Frage – wie die Behörde das anscheinend getan hat – also »Wie hoch ist der Anteil der Zwillingspaare, bezogen auf die Gesamtbevölkerung, die am selben Tag Geburtstag haben?« Tja, da nur knapp vier Prozent der geborenen Kinder Zwillinge sind, erhalten wir eine kleine, einstellige Prozentzahl. Klingt irreführend? Genau! Deshalb ergibt es keinen Sinn, es so zu anzugeben!

Wenn man eine Angabe über Zwillinge machen will, darf man sich nur die Zwillinge ansehen. Und wenn man eine Inzidenz unter Geimpften angeben will, nur die Geimpften. So macht es auch das RKI, das in seinen Wochenberichten inzwischen wöchentlich über den Anteil der Geimpften oder nicht Geimpften unter den Krankenhauspatienten berichtet.

Die Hamburger Behörde hat aber offenbar nicht die Inzidenzen auf die einzelnen Gruppen bezogen, denn dann könnte sich aus einer Inzidenz von 3,36 unter rund 60 Prozent der Bevölkerung und 78,12 unter rund 40 Prozent keine Gesamtinzidenz von 79 ergeben. Die Gesamtinzidenz müsste dann deutlich niedriger sein.

Bayern macht es besser

Allerdings passen die Zahlen auch nicht, falls sie jeweils auf die Gesamtbevölkerung bezogen wurden. Eine Inzidenz von 3,36 pro 100.000 Einwohnern würde 64 Fällen in sieben Tagen entsprechen. (In Hamburg leben rund 1,904 Millionen Menschen.) Eine Inzidenz von 78,18 entspricht 1488 Fällen. Das wären insgesamt 1552 neue gemeldete Fälle – und nicht 1504, wie die Behörde mitteilt. Vielleicht wurde ein anderer Zeitraum zugrunde gelegt? Leider können wir aktuell nur raten.

Und hat Hamburg nur vollständig Geimpfte als geimpft gezählt und die erst einmal Geimpften, die nicht Johnson & Johnson bekommen haben, als ungeimpft? Würde man auch gern wissen! Ebenso die Zahl der Genesenen, die zum Teil geimpft sind, zum Teil nicht.

Gehen wir vereinfacht davon aus, dass es tatsächlich 64 Fälle unter rund 60 Prozent der Bevölkerung, den voll Geimpften, sind und 1488 unter den 40 Prozent noch nicht vollständig Geimpften. Dann läge die Inzidenz in diesen Gruppen bei den Geimpften bei rund 5,7, bei noch nicht vollständig Geimpften bei etwa 195.

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Ganz unplausibel ist das nicht. Das bayerische Gesundheitsministerium teilte heute auf SPIEGEL-Anfrage mit, in Bayern liege »mit Datenstand 25.08.2021 die Sieben-Tage-Inzidenz unter den Ungeimpften (keine Impfung/keine Impfangaben) bei 110,55, und die Sieben-Tage-Inzidenz unter den vollständig Geimpften (abgeschlossene Impfserie + mindestens 15 Tage) bei 9,18.« Eine deutliche Differenz also.

Was Tschentschers Argument sogar stärker stützen würde, dass die Geimpften keinen wesentlichen Anteil am Infektionsgeschehen hätten.

Aber leider wissen wir aktuell nicht, wo die Inzidenz unter Geimpften und Ungeimpften in Hamburg tatsächlich steht. Und dass nach mehr als anderthalb Jahren Coronapandemie Maßnahmen geändert werden, ohne dass man die zugrundeliegenden Zahlen nachvollziehen kann, sondern über mögliche Rechenwege und -fehler grübeln muss, spricht nicht für eine konsistente Datenerfassung.

Anmerkung: Eine frühere Version des Textes erweckte den Eindruck, das 2G-Modell in Hamburg wäre Pflicht. Bislang können sich Veranstalter jedoch entscheiden, ob sie es einführen wollen oder ob sie beim bisherigen 3G-Modell bleiben. Wir haben die entsprechende Stelle korrigiert.

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