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Neue Verteilung: Hunderte neue Arztsitze gegen den Medizinermangel

Foto: Friso Gentsch/ dpa

Problemfall Landarzt Rechentricks gegen den Medizinermangel

Zu viele Ärzte in der Stadt, keiner in der Provinz. In Deutschland droht akuter Medizinermangel auf dem Land. Eine neue Richtlinie soll das ab 2013 bessern. Experten gehen die Pläne nicht weit genug: Sie basierten auf veralteten Zahlen und gingen an den Bedürfnissen von Patienten vorbei.

Hamburg - Man nehme eine Stadt oder eine Region in Deutschland, bestimme, wie viele Ärzte dort ansässig sein dürfen und kontrolliere, ob die Mischung sinnvoll ist - vor allem, ob keine wichtige Patientengruppe unterversorgt bleibt: Fertig ist die ärztliche Bedarfsplanung. Klingt simpel, erweist sich in der Realität aber als schwierig. Weil es Mediziner eher in die Städte zieht und viele lieber als Facharzt arbeiten, entspricht die aktuelle Verteilung längst nicht den Anforderungen der Patienten in der jeweiligen Region.

Jetzt wurde die neue Planung des Ärztenetzes  durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA)  vorgelegt. Monatelang hatte die Neufassung der Richtlinie Politik und Gesundheitsexperten beschäftigt, umgesetzt werden muss sie jetzt von den Landesverbänden der Kassenärztlichen Vereinigung (KBV). Ein halbes Jahr haben sie dafür Zeit.

Josef Hecken, Vorsitzender des GBA, nennt die Ergebnisse "zielgenau, flexibel, fristgerecht". Psychotherapeuten und Patientenvertreter des Behindertenrats, der Verbraucherzentralen sowie der Selbsthilfegruppen sind sich da weniger sicher. Die Änderungen im Detail:

  • Mehr Hausärzte - zumindest auf dem Papier: 60.000 Hausärzte gibt es aktuell in Deutschland, 3000 zusätzliche könnten sich ab 2013 niederlassen. Klingt gut, allerdings könnten dies bereits heute schon rund 2000 Mediziner tun, wenn sich für die freien Plätze, die meist in ländlichen Regionen liegen, Freiwillige fänden. Die meisten Hausärzte können sich von jetzt an mit insgesamt 710 neuen Plätzen in den Regionen Nordrhein und Westfalen-Lippe niederlassen, gefolgt von 481 in Niedersachsen und 346 in Baden-Württemberg.
  • Garantierte Chancen zur Praxiseröffnung: Um den drohenden Ärztemangel in Deutschland zu verhindern, gibt es der neuen Planung zufolge nicht nur 3000 Niederlassungsmöglichkeiten für Hausärzte, sondern auch 1350 für Psychotherapeuten und 780 für Fachärzte.
  • Große Städte wie Hamburg und Berlin sind für neue Ärzte hingegen gesperrt. Auch hochspezialisierten Medizinern stehen nicht viele Arbeitsmöglichkeiten offen.
  • Deutschland wird neu aufgeteilt: Bislang wurde pro Landkreis kontrolliert, ob ausreichend Ärzte ansässig sind. Über die Zulassung entscheiden die jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigungen (KV). Das Problem: Je nach Kreis würden die Daten auf eine Überversorgung hinweisen. Tatsächlich finden sich viele Praxen in den Städten, auf dem Land herrscht hingegen Notstand. Ab 2013 wird es ein engmaschigeres Netz mit kleineren Bezirken geben, so dass falsche Verteilungen schneller auffallen.
  • Welchen Arzt braucht Deutschland wo: Bisher wurde bei der Verteilung nach Haus- und Fachärzten getrennt gerechnet. Aber Kinder- oder Frauenärzte sind ähnlich wie Hausärzte eher der Grundversorgung zuzuschreiben. Stark spezialisierte Fachärzte, etwa Radiologen oder Nuklearmediziner, werden nicht in gleicher Menge benötigt. Durch einen neuen "Mittelbereich" soll die Formel der Arztnetz-Berechnung genauer werden. Auch Pendlerströme sollen berücksichtigt werden: Viele Menschen, die auf dem Land wohnen, konsultieren einen Arzt in der Stadt.

Nur kommen durch eine bessere Richtlinie nicht automatisch mehr Ärzte aufs Land. Laut KBV gehen über 40.000 Haus- und Fachärzte in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Bereits heute gebe es für Hunderte Praxen keine Nachfolger.

Die Bedarfsplanung sei kein Instrument, mit dem über Nacht ein neuer Arzt gebacken werden könne, sagt GBA-Chef Josef Hecken. Sie sei aber ein wirksames Werkzeug und geeignet, tatsächlich mehr Allgemeinmediziner aufs Land zu bringen - auch wenn die bisher oft einen weiten Bogen um ländliche Regionen gemacht hätten.

Doch warum sollte ein Arzt in die brandenburgische, norddeutsche oder bayerische Provinz ziehen, wenn er dort oftmals länger arbeiten muss, der Lebenspartner keinen Job findet und die Kinder möglicherweise keine nahe Schule haben?

"Kommunen sind aufgefordert, Standortmarketing zu betreiben"

Mit dem Versorgungsstrukturgesetz, seit Anfang 2012 in Kraft, sollen manche Probleme für Mediziner behoben werden - die geforderte Novelle der Bedarfsplanung ist ein wesentlicher Baustein. Doch das könne nicht alles sein. "Auch die jeweiligen Kommunen sind aufgefordert, Standortmarketing zu betreiben, ihre Stadt für Ärzte attraktiv zu machen", sagt KV-Bundesverbandssprecher Roland Stahl SPIEGEL ONLINE.

Kritik an der Neuplanung kommt von den Patientenvertretern des GBA. In dem Gremium sitzen Experten des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, medizinischer Selbsthilfegruppen und des Deutschen Behindertenrats. "Besitzstandswahrung und finanzielles Kalkül haben die Entscheidungen bestimmt, nicht der Versorgungsbedarf der Patienten", sagt Ilona Köster-Steinebach, Gesundheitsreferentin der Verbraucherschützer. Die Kritik im Einzelnen:

  • Planung nur auf dem Papier: Es gäbe weiterhin keine Vorgaben, um die Ärzteverteilung innerhalb von Großstädten wie beispielsweise Berlin zu verbessern. Die Ärzteschwemme in reichen Stadtteilen und der Mangel in sozialschwachen Bezirken bleibe unangetastet.
  • Es kommt nur eine moderate Anpassung: Wie viele Ärzte pro Einwohner benötigt würden, orientiere sich nicht stärker am tatsächlichen und zukünftigen Versorgungsbedarf als bisher. Unterschiede in der Krankheitslast der jeweiligen regionalen Bevölkerung, der zukünftigen demografischen Entwicklung und der Sozialstruktur blieben unbeachtet. Stattdessen werde weiterhin auf der Basis der Arztzahlen aus den neunziger Jahren gearbeitet.
  • Wer nicht alt wird, braucht seltener einen Arzt: Da ärmere Menschen durchschnittlich eine kürzere Lebenserwartung haben als wohlhabende, führe die alleinige Berücksichtigung des demografischen Faktors zu einem verzerrten Bild - die darauf fußende Verteilung der Ärzte stimme nicht mit dem wirklichen Bedarf überein.
  • Am Bedarf der Menschen vorbei: Nur Hausärzte - nicht einmal Kinderärzte - würden etwas besser als bisher wohnortnah erreichbar sein. Lange Wartezeiten bei Fachärzten wie etwa Rheumatologen oder bei bestimmten Behandlungen, zum Beispiel einfache Augenuntersuchungen oder Psychotherapie, blieben bestehen.

Kritik kommt ebenfalls von der Bundeskammer der Psychotherapeuten (BPtK). "Über 6000 psychotherapeutische Praxen sind bedroht", sagte Präsident Professor Rainer Richter, der GBA gehe von veralteten Zahlen aus, nach denen es noch viel weniger Psychotherapeuten gegeben habe als heute. "Wir sind alarmiert."

GBA-Chef Hecken widersprach Befürchtungen, die Psychotherapeuten müssten ab Januar reihenweise ihre Praxen dicht machen. "Wenn jemand in Rente geht, wird nicht nachbesetzt", sagte er. Mehr sei in die neue Richtlinie nicht hineinzuinterpretieren.

Die Richtlinie muss nun noch vom Bundesgesundheitsministerium geprüft werden, soll aber bereits Anfang des neuen Jahres in Kraft treten.

mit Material von dpa
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