SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

13. September 2012, 16:55 Uhr

Ärztestreik

Falscher Krieg

Ein Kommentar von

Niedergelassene Ärzte verdienen mehr als die meisten Menschen in Deutschland. Trotzdem wollen sie für mehr Honorar streiken, denken sich dafür alberne Protestaktionen wie die "Operation Shitstorm" aus. Gegenvorschlag: Statt noch mehr Geld ins Gesundheitssystem zu stecken, müsste dies endlich besser organisiert werden.

Dass sich erwachsene Menschen wie aufgeregte Teenies benehmen, kommt vor. Passen Situation und Anlass, kann das durchaus amüsant sein. Was sich aber viele der niedergelassenen Ärzte derzeit einfallen lassen, um ihren Forderungen nach mehr Gehalt Nachdruck zu verleihen, ist weder unterhaltsam noch angemessen.

Am Dienstag etwa riefen die Berufsverbände der niedergelassenen Ärzte dazu auf, ein "Protest-Fax" an die Zentralen der Krankenkassen und deren Verbände zu senden, um ihren Ärger über die geplatzten Honorarverhandlungen Luft zu machen. Die "Operation Shitstorm" hatte Erfolg, wie später die Funktionäre der Ärzteschaft eifrig kundtaten. Etwa alle 15 Sekunden habe ein sogenanntes Protest-Fax den Spitzenverband der Krankenkassen erreicht, man habe die Kassen-Bürokraten einen Tag lang lahmgelegt. "Wir sind nicht korrupt! Wir sind keine geldgierigen Abzocker!", war auf den "Protest-Faxen" zu lesen. Die Krankenkassen sollten nur endlich mehr Geld zur Verfügung stellen.

Der Streikplan sieht auch vor, das niedergelassene Kardiologen Patienten mit akutem Vorhofflimmern umgehend in die Kliniken überweisen, statt sie selbst ambulant zu behandeln. Kinderärzte sollen Patienten mit Durchfall gleich weiter ins Krankenhaus schicken. Bonushefte sollen nicht abgestempelt werden, Frauen beim Gynäkologen keinen Termin zur Vorsorge bekommen.

Geht es ums Geld, vergessen viele Ärzte ihre besondere Position und jegliche akademische Zurückhaltung. Gesundheitsökonom Jürgen Wasem, der als unparteiischer Vorsitzender des Bewertungsausschusses seit langem über die Honorarsätze befindet, stimmte dieses Mal mit den Kassen - und nicht gegen sie. Er wurde mit Beschimpfungen überhäuft, ein "elender Wicht", eine "Kassennutte" genannt. Der Wissenschaftler hatte entschieden, dass niedergelassene Ärzte in einem ersten Schritt 270 Millionen mehr Honorar erhalten sollen - die Mediziner hatten 3,5 Milliarden gefordert. Dass in einem zweiten Schritt noch 400 Millionen als Zuschlag für Mehrarbeit drin gewesen wären, ging im allgemeinen Getöse unter.

Verdienen niedergelassene Ärzte tatsächlich zu wenig? Um diese Frage beantworten zu können, müsste man erst einmal wissen, wie hoch das Einkommen dieser Berufsgruppe wirklich ist. Doch das ist aktuell nicht möglich. Die Angaben gehen weit auseinander. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung nennt Werte, die die Einnahmen der privaten Kassen ausklammert, das Statistische Bundesamt kann verbriefte Zahlen zuletzt aus dem Jahr 2007 anbieten. Demnach erzielte ein niedergelassener Mediziner im Jahr 2007 pro Monat einen Reinertrag von 11.833 Euro (Umsatz abzüglich aller Praxis- und Mitarbeiterkosten). Zieht man noch ab, was der Arzt für Versicherung und Steuern aufbringen muss, bleiben rund 6000 Euro netto. Das ist mehr als die allermeisten Menschen in der Bundesrepublik verdienen. Warum also fühlen sich so viele Ärzte unterbezahlt?

Die von den Kassen angekündigte Honorarsteigerung von 0,9 Prozent scheint den Ärzten armselig, besonders wenn man sie mit den höheren Abschlüssen anderer Branchen vergleicht. Gutverdiener verdienen natürlich Gehaltssteigerungen - gerade wenn bei den Krankenkassen augenscheinlich üppige Überschüsse nur darauf warten, verteilt zu werden. Aber muss man den Entschluss der Kassen gleich eine Kriegserklärung nennen und gleichzeitig den Krieg gegen die Patienten ausrufen?

Statt Patienten zu schikanieren und die Kassen zu bedrängen, sollten die niedergelassenen Ärzte mit Wucht die Politik unter Druck setzen. Die bestehenden Strukturen sind komplex, die Trennung der Sektoren veraltet. Es fehlen Anreize, die Menschen gesund zu halten. Schon lange wird ein Gesundheitssystem proklamiert, in dem nicht nur Ärzte gut verdienen, die mit teuren Gerätschaften arbeiten, sondern auch engagierte Hausärzte. Die Diagnose, dass es in Deutschland eine Über-, Unter- und Fehlversorgung gibt, stellten die Gesundheitsweisen der Bundesregierung jedenfalls schon 2000. Passiert ist seitdem nichts.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung