Affenpocken Fast 5000 Fälle weltweit gemeldet

Die Zahl der Affenpocken-Fälle steigt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO prüft deshalb, ob sie eine »Notlage von internationaler Tragweite« ausruft. Was heißt das? Droht uns jetzt das gleiche wie bei Corona?
Affenpockenvirus (künstlerische Darstellung): Was droht durch den Erreger?

Affenpockenvirus (künstlerische Darstellung): Was droht durch den Erreger?

Foto: iStockphoto / Getty Images

Weltweit sind in diesem Jahr inzwischen fast 5000 Affenpocken-Infektionen bei Menschen gemeldet worden. In mehr als 40 Ländern außerhalb Afrikas, in denen Affenpocken bis Mai praktisch unbekannt waren, waren es 3308 Fälle, wie aus Angaben  der US-Gesundheitsbehörde CDC hervorgeht. Dazu kommen nach einer Statistik der Weltgesundheitsorganisation (WHO) rund 1600 Verdachts- oder bestätigte Fälle in acht afrikanischen Ländern, von denen viele solche Ausbrüche seit Jahren kennen.

Die meisten Fälle außerhalb Afrikas wurden in 29 Ländern in der WHO-Europaregion gemeldet: insgesamt 2746. Fast alle Fälle betreffen Männer, rund 44 Prozent der Erkrankten waren zwischen 31 und 40 Jahren alt. Sterbefälle seien bislang noch nicht gemeldet worden.

Wegen der steigenden Zahl der Affenpocken-Nachweise hat die WHO einen Notfallausschuss einberufen. Unabhängige Fachleute beraten am Donnerstag, ob die öffentliche Gesundheit in größerem Umfang bedroht ist. Dann würden sie die Ausrufung einer »Notlage von internationaler Tragweite« empfehlen. Letztlich liegt die Entscheidung bei der WHO. Das Ergebnis der Beratungen des Expertenrats dürfte erst am Freitag bekannt werden.

Warum trifft sich der Ausschuss?

Die WHO ist wegen der Häufung der gemeldeten Fälle besorgt. Das Virus verhalte sich ungewöhnlich und es seien immer mehr Länder betroffen, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus. Bis Mitte Juni wurden der WHO gut 2100 Fälle gemeldet. Seitdem hat sich die Zahl aber allein in Deutschland schon verdoppelt. Beunruhigend für die WHO ist, dass 98 Prozent der Fälle in Ländern entdeckt wurden, in denen das Virus bislang praktisch unbekannt war, und nicht in den afrikanischen Ländern, die Ansteckungen seit Jahrzehnten kennen. »Wir wollen nicht warten, bis die Situation außer Kontrolle geraten ist«, sagte WHO-Spezialist Ibrahima Socé Fall zur Einberufung des Ausschusses.

Was bedeutet es, wenn eine Notlage ausgerufen wird?

Die Erklärung einer Notlage (»PHEIC« – Public Health Emergency of International Concern) ist die höchste Alarmstufe, die die WHO erklären kann. Unmittelbare praktische Auswirkungen hat das trotzdem nicht. Vielmehr will die Organisation die Aufmerksamkeit der 194 Mitgliedsländer erhöhen. Der Expertenrat gibt Empfehlungen: etwa, dass Kliniken und Praxen nach Fällen Ausschau halten und mit Aufklärung dafür sorgen sollen, dass sich möglichst wenig Menschen anstecken. Der Rat begutachtet auch »das Risiko einer internationalen Ausbreitung und Risiken für den internationalen Verkehr«, sagt WHO-Sprecherin Carla Drysdale. Welche Schlüsse Regierungen daraus ziehen, bleibt ihnen selbst überlassen.

Muss die Welt sich auf eine Pandemie wie mit dem Coronavirus einstellen?

Nein. Zwar hat die WHO auch nach dem Auftauchen von Sars-CoV-2 am 30. Januar 2020 eine »Notlage von internationaler Tragweite« erklärt. Aber die Krankheiten sind sehr unterschiedlich.

Eingeführt wurde die Definition der internationalen Notlage im Jahr 2007, seitdem wurde sechsmal  ein PHEIC erklärt:

  • H1N1-Grippepandemie (»Schweinegrippe«) im Jahr 2009

  • Ebola-Epidemie in Westafrika (2013 bis 2015)

  • Kinderlähmung (seit 2014, immer noch ausgerufen)

  • Ebola-Epidemie in der Demokratischen Republik Kongo (2018 bis 2020)

  • Zika-Epidemie (2016)

  • Covid-19-Pandemie (seit 2020)

Was aus der Liste ersichtlich ist: PHEIC ist nicht gleich PHEIC. Je nach Erreger benötigte beziehungsweise benötigt man unterschiedliche Maßnahmen, um Krankheitswellen einzudämmen. Die aufgelisteten Krankheiten unterscheiden sich deutlich in ihrer Schwere, den möglichen Langzeitfolgen und ihrer Ansteckungsfähigkeit.

Wie werden Affenpocken übertragen?

Affenpocken werden nach bisherigem Kenntnisstand hauptsächlich durch engen Körperkontakt von Mensch zu Mensch übertragen. Nach WHO-Angaben sind aktuell vor allem Männer betroffen, die Sex mit Männern haben und in letzter Zeit wechselnde oder neue Partner hatten.

Generell können sich aber alle mit den Affenpocken anstecken, die engen körperlichen Kontakt mit Infizierten haben. »Das Virus kann über Haut- und Schleimhautkontakt übertragen werden, aber auch über Körperflüssigkeit«, erklärt der Infektiologe Leif Erik Sander . Auch eine Übertragung per ausgeatmeten Tröpfchen erfordert längeren Kontakt oder kann etwa beim Küssen oder Kuscheln passieren, schreibt die US-Seuchenschutzbehörde CDC. Eine Übertragung über verunreinigte Gegenstände, beispielsweise Bettwäsche, ist ebenso möglich.

Zum Vergleich: Sars-CoV-2 kann sich über virenhaltige Aerosole verbreiten, die beim Atmen, Husten und Sprechen von Infizierten entstehen. Die Aerosole können über längere Zeit in der Luft bleiben, was zur schnellen Übertragung dieses Erregers beiträgt.

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Was spricht für und was gegen die Erklärung einer internationalen Notlage?

Gesundheitsexperten in Genf halten es für eher unwahrscheinlich, dass der Ausschuss schon bei seinem ersten Treffen die Erklärung einer Notlage empfiehlt.

Dagegen spricht: Die Infektionszahlen steigen nicht explosiv, weil die Übertragung nach jetzigem Kenntnisstand deutlich schwieriger ist als bei Corona. Beim aktuellen Ausbruch werden bisher in der Regel auch keine schweren und tödlichen Krankheitsverläufe beobachtet. Außerdem handelt es sich beim Affenpocken-Erreger um ein DNA- und kein RNA-Virus wie Sars-CoV-2: DNA-Viren mutieren kaum. Deshalb werden immer ansteckendere Varianten wie bei Corona nicht so schnell erwartet. Es gibt auch anders als beim Beginn von Corona bereits einen Impfstoff. Der wurde gegen Menschenpocken entwickelt, ist aber auch gegen Affenpocken wirksam.

Dafür spricht: Das Virus verhält sich anders als bislang bekannt war. Affenpocken sind eigentlich eine Krankheit bei Nagetieren in West- und Zentralafrika. Vereinzelt springen sie dort auf Affen und auch auf den Menschen über. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist bei engem Kontakt möglich. Neu ist, dass sich das Virus auch in Europa ausbreitet.

Die WHO ist mehrfach scharf kritisiert worden, weil sie zu spät auf Bedrohungen reagiert hat.

Wie ist die Lage in Deutschland?

Mit Stand 22. Juni haben 14 Bundesländer Affenpocken-Nachweise gemeldet, mit insgesamt rund 520 Betroffenen. Eine weitere Zunahme wird erwartet. »Es scheint weiterhin möglich, den aktuellen Ausbruch in Deutschland zu begrenzen, wenn Infektionen rechtzeitig erkannt und Vorsichtsmaßnahmen umgesetzt werden«, schreibt das Robert Koch-Institut.

wbr/dpa