Mittel Imvanex Was bringt die Impfung gegen Affenpocken?

Wegen Fällen von Affenpocken wappnet sich Deutschland mit Impfstoff. Noch ist speziell für die Bekämpfung der Krankheit jedoch kein Mittel zugelassen – und wird in der Breite wohl auch nicht benötigt.
Im Labor des Imvanex-Herstellers Bavarian Nordic in Martinsried bei München

Im Labor des Imvanex-Herstellers Bavarian Nordic in Martinsried bei München

Foto: Lukas Barth / REUTERS

Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen und ein Ausschlag, der oft im Gesicht beginnt und dann auf andere Körperteile übergreift – seit Anfang Mai wurden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Dutzende Affenpockenfälle in Ländern bestätigt, in denen das Virus normalerweise nicht auftritt. Zwar erholen sich die meisten Menschen innerhalb weniger Wochen wieder von einer Infektion und doch stellt sich die Frage, wie es gelingt, den Erreger einzudämmen. Als ein Baustein gelten Impfungen.

Deutschland hat nach Angaben von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) für den möglichen Fall einer weiteren Ausbreitung der Affenpocken »bis zu 40.000 Dosen« Pockenimpfstoff bestellt. Die könnten laut Ralf Bartenschlager, Präsident der Gesellschaft für Virologie, allerdings knapp bemessen sein.

»Dennoch ist das ein guter Anfang, insbesondere für Impfungen im Bereich bekannter Infektionscluster, wodurch man das Ausbruchsgeschehen wahrscheinlich deutlich eingrenzen kann«, so Bartenschlager, der am Universitätsklinikum Heidelberg tätig ist. »Wir wissen nicht, wie sich der Ausbruch weiter entwickelt. Deshalb sollte man zügig mit diesen Impfungen beginnen. Bei weiterer Verbreitung des Erregers wird das Eindämmen sonst immer schwieriger.«

Impfung für die Gesamtbevölkerung unwahrscheinlich

Der Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens, sagte der »Rheinischen Post« am Mittwoch, eine präventive Impfung von Risikogruppen sollte geprüft werden. »Darüber wird derzeit nachgedacht und das könnte möglicherweise sinnvoll sein.« Zu einer möglichen Impfung der gesamten Bevölkerung sagte Mertens: »Das ist derzeit sehr wenig wahrscheinlich.« Als Risikogruppe gelten vor allem Menschen mit häufig wechselnden Sexualkontakten. Die bislang gemeldeten Infektionen trafen vor allem Männer, die mit Männern Sex haben.

Lauterbach erklärte am Dienstag, die bestellte Vakzine namens Imvanex sei in den Vereinigten Staaten, wo sie unter dem Namen Jynneos vermarktet wird, auch gegen Affenpocken zugelassen. Es gehe darum, vorbereitet zu sein auf eventuell nötige Impfungen von Kontaktpersonen Infizierter. In Großbritannien läuft dies bereits.

Man müsse sehen, wie weit man damit komme, sagte Bartenschlager. »Pro Person sind zwei Dosen im Abstand von 28 Tagen nötig.« Es dauere also einige Wochen, bis sich eine angemessene Immunität ausgebildet habe. Insofern benötige man für das Impfen einen gewissen zeitlichen Vorlauf. Zudem sei die Frage, wie schnell die Dosen geliefert werden können. »Wir arbeiten hier wieder gegen die Zeit.« Zu bedenken sei auch, dass im Frühsommer viele Events anstehen, bei denen sich das Virus verbreiten könne.

Hersteller sieht keine Probleme

Der Hersteller des Affenpockenimpfstoffs Imvanex geht davon aus, dass er ausreichend Impfstoff liefern kann. »Wir glauben, dass wir die weltweite Nachfrage bedienen können ohne weitere Investitionen in unsere Produktionsanlagen«, sagte ein Sprecher der Firma Bavarian Nordic am Mittwoch. Möglich sei derzeit die Produktion von 30 Millionen Dosen jährlich.

Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in Dänemark, wo auch die Produktion stattfindet. Entwickelt wurde der Vektorimpfstoff aber in der deutschen Niederlassung in Martinsried bei München.

Zum Impfstoff Imvanex, der in der EU bisher nur gegen Menschenpocken zugelassen ist, sei die Datenlage dünn, sagte Bartenschlager. Annahmen zu möglichen Schutzeffekten auch bei bereits infizierten Menschen basierten auf kleinen Fallzahlen und Tierversuchen – man dürfe aber von einer guten Wirksamkeit ausgehen. Vor der Anwendung in Deutschland müsse die Europäische Arzneimittelbehörde Ema die Zulassung auf Affenpocken erweitern. Möglich sei aber auch der Einsatz im sogenannten Off-Label-Use, also nach ärztlichem Ermessen, ohne auf die amtliche Zulassung zu warten.

Ältere profitieren von Pockenimpfpflicht

Speziell gegen Affenpocken gibt es in Europa keine zugelassenen Impfstoffe. Allerdings nehmen Fachleute an, dass herkömmliche Pockenimpfstoffe einen gewissen Schutz bieten. Ein Großteil der älteren Bevölkerung ist gegen das Variolavirus immunisiert, das die Pocken hervorruft. Bis 1976 galt in der Bundesrepublik eine Pflicht zur Erstimpfung, in der DDR bis 1982.

Die Impfpflicht war Teil einer weltweiten Kampagne, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1967 gestartet und 1980 als ein seltener Erfolg gegen Infektionskrankheiten abgeschlossen wurde: Seitdem gelten die Pocken, auch bekannt als Blattern, als ausgerottet; der letzte natürliche Fall wurde drei Jahre zuvor erfasst.

Die Krankheit, die jahrtausendelang wütete und nach Angaben der US-Seuchenschutzbehörde CDC drei von zehn Infizierten das Leben kostete, ist eng verknüpft mit dem Anfang der Impfgeschichte. Die erste gut belegte erfolgreiche Impfung gelang dem englischen Landarzt Edward Jenner 1796 gegen Pocken: Er verabreichte einem Jungen zunächst Kuhpockenviren, einen mit den Pocken verwandten Erreger, der weniger schwer krank macht. Das Wort Vakzine ist vom lateinischen »Vacca« für »Kuh« abgeleitet.

Auch nach der Ausrottung rückte die Pockengefahr noch einmal ins Bewusstsein: Durch den Anschlag auf das World Trade Center in den USA legten viele Länder aus Furcht vor Bioterrorismus Vorräte mit Pockenimpfstoff an. Vermehrungsfähige echte Menschenpockenviren lagern in den USA und in Russland, wie der Virologe Norbert Nowotny vom Institut für Virologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien sagte. »Rückblickend muss man aber festhalten, dass die Ängste vor Bioterrorismus nach 2001 irrational waren. Der Einsatz von Pocken als Waffe wäre schließlich überhaupt nicht kontrollierbar.«

100 Millionen Dosen auf Lager – wohl nutzlos

Die Bundesregierung hat laut einem Bericht für den Gesundheitsausschuss des Bundestages etwa hundert Millionen Dosen Pockenimpfstoff eingelagert. Diese Vakzine sei wegen zu erwartender Nebenwirkungen jedoch nicht zum Einsatz gegen Affenpocken geeignet, sagte Bundesgesundheitsminister Lauterbach.

»Der ältere Pockenimpfstoff hat viele Nebenwirkungen, zudem enthält er vermehrungsfähige Viren, die sich im Körper von immungeschwächten Menschen ausbreiten könnten«, sagte Stefan Kaufmann, emeritierter Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie. Nach den Worten des Wiener Facharztes für Impfen und Reisemedizin Herwig Kollaritsch wäre heutzutage etwa ein Viertel der Bevölkerung wegen Gegenanzeigen wie Immunschwächen nicht mehr damit impfbar.

Daneben gibt es einen neueren Pockenimpfstoff. Grundlage bildet eine Weiterentwicklung durch den Mikrobiologen Anton Mayr in den Sechzigerjahren in Bayern: Dabei werde ein im Labor abgeschwächtes Impfvirus genutzt, um eine Immunantwort gegen Pocken zu erzeugen, sagte Kollaritsch. Fachleute sprechen kurz von MVA-Impfung (MVA: Modifiziertes Vacciniavirus Ankara).

Imvanex »wäre für die breite Bevölkerung Unfug«

»Diese Impfung wurde in den Sechzigerjahren eine Zeit lang verwendet, aber nie in großem Stil. Sie ist besser verträglich, das Virus nicht mehr vermehrungsfähig«, sagte Kollaritsch, der Mitglied des österreichischen Pendants zur Ständigen Impfkommission (Stiko) ist. Es bilde sich im Gegensatz zur ersten Pockenimpfung auch keine Impfnarbe. Er sieht bei der Vakzine aber das Problem einer recht ungewissen Impfeffektivität in der Praxis angesichts der ausgerotteten Krankheit. »Man kann aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von einem Schutz ausgehen.«

Die MVA-Vakzine Imvanex ist seit 2013 in der EU für Erwachsene gegen Pocken zugelassen. Die WHO wies kürzlich darauf hin, dass das Mittel nicht flächendeckend verfügbar sei. In dem neueren Impfstoff sieht Kollaritsch daher allenfalls ein Instrument, um Menschen zu impfen, die ein hohes Risiko haben, dem Erreger ausgesetzt zu sein.

Als Beispiel nennt er das Personal spezieller Isolierstationen, die Infizierte versorgen. »Für die breite Bevölkerung wäre diese Impfung Unfug. Affenpocken sind wesentlich harmloser als die Pocken und infektionsepidemiologisch von viel geringerer Bedeutung. Wir müssen auch bedenken, dass eine sehr gute Therapie für Infizierte verfügbar ist«, so der Fachmann.

Isolieren statt Impfen

Auch Virologe Nowotny betonte: »Es gibt einen Riesenunterschied zwischen Affenpocken und Corona. Das wird diesmal keine Pandemie. Ich gehe davon aus, dass der Spuk in einigen Wochen bis wenigen Monaten vorbei ist.« Der Erreger der Affenpocken sei ein DNA-Virus – das bedeute, es sei sehr viel träger als Sars-CoV-2 und mutiere kaum. Varianten werde man daher nicht so schnell sehen.

Er nehme auch nicht an, dass Impfstoffe speziell an Affenpocken angepasst werden müssen, so Nowotny. Die Mortalität bei dem bisher bei der Häufung in Europa nachgewiesenen westafrikanischen Stamm der Affenpocken betrage in der Literatur ein Prozent. »In westlichen Ländern ist aber von geringeren Werten auszugehen.« Hinzu kommt, dass sich der Erreger deutlich langsamer verbreitet als etwa Sars-CoV-2.

Affenpocken werden laut Robert Koch-Institut (RKI) durch engen Körperkontakt von Mensch zu Mensch übertragen. Das Gesamtrisiko durch die Erkrankung wird von Gesundheitsbehörden für Personen mit mehreren Sexualpartnern als moderat und für die breitere Bevölkerung als gering eingeschätzt. Nach RKI-Angaben verschwinden die Symptome in den meisten Fällen innerhalb weniger Wochen von selbst, aber bei einigen Personen könnten sie zu medizinischen Komplikationen und zum Tod führen.

Das RKI hielt fest, dass nach derzeitigem Wissen ein enger Kontakt für eine Erregerübertragung erforderlich sei, »deshalb kann gegenwärtig davon ausgegangen werden, dass der Ausbruch begrenzt bleibt«. Empfohlen wird Isolation beziehungsweise Quarantäne für Infizierte und ihre engen Kontakte. Kontakte von Infizierten müssen aus Expertensicht genau nachverfolgt werden, was im Detail allerdings gar nicht so einfach ist: Die Inkubationszeit beträgt laut RKI 5 bis 21 Tage.

ak/dpa