Schutz vor AKW-Unfall Belgier sollen Jodtabletten bekommen

Belgiens Regierung will ihr Land künftig besser vor den Folgen eines möglichen Reaktorunfalls schützen - mit Jodtabletten. Auch in Deutschland wird über die vorsorgliche Verteilung der Pillen diskutiert.

Jodtabletten
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Jodtabletten


Belgien will im kommenden Jahr vorsorglich Jodtabletten zum Schutz vor radioaktiver Strahlung an große Teile der Bevölkerung ausgeben. Es gehe um alle Bürger, die in einem Umkreis von 100 Kilometern um ein Atomkraftwerk leben, erklärte die zuständige Atomaufsicht. Die Behörde bestätigte damit einen Bericht der Tageszeitung "La Libre Belgique." Bisher werden die Tabletten nur in einem Umkreis von 20 Kilometern ausgeteilt.

Die Folgen der Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima hätten gezeigt, dass ein größerer Bereich nötig sei, um die Bevölkerung zu schützen, sagte eine Behördensprecherin.

Die ganze Sache funktioniert so: Radioaktiv verseuchtes Jod könnte nach einem möglichen AKW-Unfall durch Einatmen, Lebensmittel oder Wasser in den menschlichen Körper gelangen. Setzt sich die strahlende Substanz dort in der Schilddrüse fest, kann das zu schweren Krankheiten wie Krebs führen. Werden Jodtabletten frühzeitig eingenommen, können sie nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz die Aufnahme von radioaktivem Jod blockieren.

AKW Doel (August 2014)
REUTERS

AKW Doel (August 2014)

Der belgische Plan wird vor dem Hintergrundeiner Pannenserie in belgischen Atommeilern debattiert. Kritik kommt vor allem aus dem Ausland: Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) forderte unlängst explizit, die Reaktoren Doel 3 und Tihange 2 vorübergehend herunterzufahren, bis offene Sicherheitsfragen geklärt seien. Die belgische Atomaufsicht hatte die Vorwürfe zurückgewiesen und erklärt, die Meiler seien sicher.

"Offensichtlich auch auf belgischer Seite Vorbehalte"

Doel liegt in der Nähe von Antwerpen, etwa 150 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Tihange liegt in der Nähe der ostbelgischen Stadt Lüttich, etwa 70 Kilometer von Aachen entfernt.

In Deutschland entscheidet bei einem Atomunfall der Umweltminister, ob Jodtabletten an die Bevölkerung ausgegeben werden. Die Verteilung ist Ländersache. Und womöglich könnte auch ein Teil von ihnen zeitnah ausgegeben werden: Das fordert jedenfalls die Region Aachen nach der Ankündigung der Belgier. Städteregionsrat Helmut Etschenberg will NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) bitten, der Verteilung der bereits eingelagerten Tabletten zuzustimmen.

Die Entscheidung auf belgischer Seite bestätige die Sorgen im Raum Aachen, teilte Etschenberg mit. "Offensichtlich gibt es nun auch auf belgischer Seite erhebliche Vorbehalte, was die Sicherheit der Kraftwerksblöcke betrifft." Die Städteregion Aachen und das Land Nordrhein-Westfalen klagen gemeinsam in Belgien gegen das AKW Tihange.

Die Jodtabletten in NRW werden dezentral in den Feuerwehrgerätehäusern der Kommunen gelagert. Sie gehörten aber dem Land, so Etschenberg. Deshalb müsse der Innenminister einer Vorabverteilung zustimmen.

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Simulation: So könnte eine Nuklearkatastrophe aussehen

chs/dpa



insgesamt 224 Beiträge
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torn.scell 28.04.2016
1. Da zeigt sich wieder die europäische
Einigkeit. Jedes der zur EU gehörenden Länder, denkt im gesamteuropäischen Geist.
Bueckstueck 28.04.2016
2. Träge Trantüten
In der Schweiz wurden bereits vor zwei oder drei Jahren Jodtabletten an die Bevölkerung verteilt. Und zwar einfach mit der Post und einem sinnvollen und leicht verständlichen Merkblatt auf dem unter anderem stand, dass man die Tabletten erst einschmeissen darf wenn die Behörden dazu auffordern. So einfach geht das und wenns notwendig wird, muss nicht erst noch tagelang verteilt werden. Womöglich stellt man dann noch fest, dass man nicht genug für alle hat...
eo no 28.04.2016
3. Abschalten
Jodtabletten sind kein Schutz. Noch nicht einmal Überlebenshilfe.
aggroberliner36 28.04.2016
4. Ernsthaft?
Ist das ein verspäteter Aprilscherz? Jodtabletten verteilen? Wie wäre es damit die marode Sch***se einfach abzuschalten? Oder werden die Tabletten verteilt weil schon längst etwas passiert ist und es verschwiegen wird? ;)
einuntoter 28.04.2016
5. Zu spät
Zitat von BueckstueckIn der Schweiz wurden bereits vor zwei oder drei Jahren Jodtabletten an die Bevölkerung verteilt. Und zwar einfach mit der Post und einem sinnvollen und leicht verständlichen Merkblatt auf dem unter anderem stand, dass man die Tabletten erst einschmeissen darf wenn die Behörden dazu auffordern. So einfach geht das und wenns notwendig wird, muss nicht erst noch tagelang verteilt werden. Womöglich stellt man dann noch fest, dass man nicht genug für alle hat...
Die Jodtabletten müssen sofort nach dem Unfall eingenommen werden. Tage später nutzt nix mehr
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