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Mysteriöses Nervenleiden: Neue Wirkstoffe sollen ALS stoppen

Foto: MPI Münster /D. Hans

Unheilbarer Muskelschwund Neue Wirkstoffe sollen ALS stoppen

Forscher aus Münster haben zwölf chemische Verbindungen entdeckt, die eines Tages Patienten mit der mysteriösen Nervenkrankheit ALS helfen könnten. Im Labor waren die Substanzen beim Schutz von Nervenzellen erfolgreich. Doch es fehlen noch viele Tests bis zum klinischen Einsatz.

Hamburg - Der Fortgang der Krankheit ist tückisch. Geistig sind die Betroffenen vollkommen gesund, emotional müssen sie aber eine schwerwiegende Diagnose verarbeiten. Wer an Amyotropher Lateralsklerose (ALS)  erkrankt, sieht sich einer neurologischen Schädigung des motorischen Nervensystems ausgesetzt, gegen die es bislang keine Heilung gibt.

ALS führt dazu, dass nach und nach die Verbindungen zwischen dem Gehirn und den Muskeln des menschlichen Körpers verloren gehen. Aus unbekannter Ursache sterben die sogenannten Motoneurone ab. Das sind die Nervenzellen, die für Muskelbewegungen verantwortlich sind.

Forscher um Jared Sterneckert vom Max-Planck-Institut (MPI) für molekulare Biomedizin in Münster haben nun unter vielen Tausend untersuchten chemischen Verbindungen zwölf Substanzen entdeckt, die das Absterben der Motoneurone verhindern konnten. In der Forschung nach wirksamen Medikamenten gegen ALS könnten so neue Möglichkeiten erprobt werden.

Ursache der ALS weiter unbekannt

In der jüngsten Ausgabe des Fachmagazins Cell Stem Cell (online)  berichten die Münsteraner Forscher von dem neuartigen Testverfahren, das die Entdeckung möglich machte. Das Team um Sterneckert und Kollegin Susanne Höing arbeitete mit Stammzellen. In der Petrischale wurde der Verlauf einer ALS nachgeahmt.

"Wir konnten so erstmalig die notwendigen großen Mengen der bisher für Arzneimittelforschung nicht verfügbaren Motorneuronen bereitstellen", sagt Sterneckert. Das Testverfahren sei sehr robust und ermögliche die Suche nach neuen Wirkstoffen - und zwar ohne vorherige Kenntnisse der zugrunde liegenden Krankheitsmechanismen.

Um die Krankheit in der Petrischale nachahmen zu können, mussten die Forscher verschiedene Zelltypen so zusammenbringen, dass sie auf die Krankheit widerspiegeln. Bei der Entzündung im zentralen Nervensystem werden Substanzen ausgeschüttet, die für die Zellen toxisch sind.

So mussten neben den Motoneuronen, also den Nervenzellen, die die Bewegungen der Muskeln ansteuern und die bei ALS absterben, auch die sogenannten Astrozyten, die als Unterstützungszellen dienen und Mikrogliazellen, die die Immunabwehrzellen des zentralen Nervensystems bilden, in dem Testverfahren zusammengefasst werden.

Von 37 Kandidaten blieben 12 übrig

Bisher haben Mediziner nur wenig Möglichkeiten, ALS-Patienten zu helfen. Ein sogenanntes neuroprotektives Medikament kann statistisch gesehen das Leben der Betroffenen um drei Monate verlängern. Von effektiver Symptomkontrolle oder gar Heilung ist man weit entfernt.

Auf der Suche nach Alternativen setzten Sterneckert und Höning auf ein sogenanntes phänotypisches Screening. Bei dieser Art von Medikamentenforschung wird in langwierigen Testreihen im Labor beobachtet, ob eine Substanz eine positive Wirkung erzielt - in diesem Fall, ob das Absterben der Motoneurone gestoppt werden kann.

In einer ersten Phase verzeichneten Sterneckert und Höing 37 Substanzen, die im Test ein Absterben der Zellen verhinderten. Nach erneuten Kontrollen blieben aber nun zwölf Wirkstoffe übrig. "Alle helfen den Verlauf der ALS zu stoppen", sagt Höing SPIEGEL ONLINE.

Die Substanzen wirken aber durchaus auf unterschiedliche Art: Einige schützen die Motoneurone vor den Giften, die durch die fehlgeleitete Immunreaktion des Körpers entstehen. Andere verhindern die Entstehung von schädlichen Abbauprodukten, die wiederum die empfindlichen Muskelnervenzellen schädigten. "Vier der Substanzen begünstigen wiederum einen wichtigen anti-oxidativen Mechanismus der Zellen", sagt die Forscherin.

Da dieser Mechanismus nicht nur bei ALS, sondern auch bei anderen neurodegenerativen Erkrankungen wie der Parkinson- und Alzheimer-Krankheit oder der Multiplen Sklerose, eine Rolle spielt, hoffen die Wissenschaftler auf vielfältige Einsatzmöglichkeiten der gefundenden Wirkstoffe.

Allerdings: Von einem Einsatz am Patienten sind die gefundenen Substanzen noch weit entfernt. Bis sie - möglicherweise - eines Tages verwendet werden können, müssen sie noch viele Tests durchlaufen - und jeweils beweisen, dass sie die Erkrankung tatsächlich aufhalten können.

ALS-Patienten sind oft über 50-Jährige, doch auch Jüngere sind nicht gefeit. In Deutschland leiden etwa 6000 Menschen an der Krankheit , von der niemand so recht weiß, woher sie kommt. An dem mysteriösen Leiden erkranken statistisch gesehen Männer etwas häufiger als Frauen; Gutverdienende mit höherem Bildungsabschluss und Sportler sind öfter betroffen. Öffentlich bekannt wurde das Leiden nicht zuletzt durch Erkrankte wie den britischen Physiker Stephen Hawking und den inzwischen verstorbenen Maler Jörg Immendorff.

nik
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