Anschlagsopfer Wie Ärzte um Gabrielle Giffords' Leben kämpfen

Die US-Politikerin Gabrielle Giffords wurde beim Attentat in Tucson schwer verletzt. Zwei Faktoren geben nun Anlass zur Hoffnung: Die 40-Jährige konnte sofort von einem Spezialisten operiert werden, zudem durchschlug die Kugel ihren Schädel glatt. Dennoch sind die Heilungschancen ungewiss.

Gabrielle Giffords: Die US-Politikerin erlitt bei dem Anschlag von Tucson einen Kopfschuss
REUTERS/ Giffords for Congress

Gabrielle Giffords: Die US-Politikerin erlitt bei dem Anschlag von Tucson einen Kopfschuss

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Dass sie noch lebt, grenzt an ein Wunder: Die US-Politikerin Gabrielle Giffords wurde am Samstag in Tucson im US-Bundesstaat Arizona Opfer eines offenbar geistig verwirrten Attentäters, der bei einer Kundgebung vor einem Supermarkt um sich schoss. Sechs Menschen wurden getötet, Giffords erlitt eine lebensbedrohliche Verletzung. Eine der abgefeuerten Kugeln durchschlug von hinten den Schädel der demokratischen Kongressabgeordneten und trat vorn oberhalb der linken Augenbraue wieder aus.

Doch Giffords hat den Anschlag nicht nur überlebt, die behandelnden Ärzte berichteten am Sonntag sogar, die 40-Jährige sei inzwischen wieder ansprechbar. Am Montag gab Gifford ihren Ärzten sogar schon Handzeichen und griff nach einem Beatmungsschlauch.

"Kopfschüsse sind fast immer tödlich, insbesondere wenn die Projektile aus modernen Militärwaffen stammen", sagt Rolf Staffensky, Oberfeldarzt am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg. Die Kugeln aus Sturmgewehren wie dem G36 sind fast tausend Meter pro Sekunde schnell und haben deshalb eine große kinetische Energie. "Je schneller das Projektil ist, umso mehr kleine Knochenfragmente werden in das Gehirn hineingesprengt", erklärt der Neurochirurg im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Diese Splitter sorgten gemeinsam mit dem Geschoss für schwere Blutungen und meist tödliche Verletzungen.

Der Täter benutzte jedoch eine Neun-Millimeter-Pistole des österreichischen Herstellers Glock, deren Mündungsgeschwindigkeit bei knapp 400 Metern pro Sekunde liegt. Zudem flog das Geschoss nicht durch zentrale Bereiche des Gehirns. Dort ist die Durchblutung besonders stark, umso fataler sind auch die Blutungen, die nach einer Schussverletzung auftreten.

Giffords dürfte zudem von der schnellen und professionellen ärztlichen Versorgung im University Medical Center in Tucson profitiert haben. 38 Minuten nach dem Attentat war sie bereits im OP-Saal. Dort kümmerte sich Peter Rhee, ein äußerst erfahrener Traumaspezialist, um sie. Der Mediziner hat jahrelang als Militärarzt in Afghanistan und im Irak gearbeitet. Rhee war einer der ersten Traumachirurgen im Camp Rhino in Afghanistan. Er baute zudem in Ramadi im Irak eine chirurgische Abteilung zur Behandlung von US-Soldaten auf. Schusswunden gehörten und gehören in den beiden Ländern zu den häufigsten Verletzungen.

Schädeldecke wurde entfernt

Giffords befindet sich nach Aussagen ihrer Ärzte nach wie vor in einem kritischen Zustand. Das anschwellende Gehirn sei die größte Gefahr für die Patientin, erklärte Rhee. Man habe einen Teil ihrer Schädeldecke entfernt, um dem Gehirn genügend Platz zu geben. Der entnommene Knochen wird gekühlt und kann später nach Abklingen der Schwellung wieder eingesetzt werden.

"Das ist die übliche Methode", sagt der Hamburger Bundeswehrarzt Staffensky. Nach einem Kopfschuss entstehe ein sogenanntes malignes Hirnödem, das oft nur unvollständig zu beherrschen sei. "Es gibt Medikamente gegen die Schwellung, als letzte Lösung wird ein Teil der Schädeldecke entfernt." Die Hirnhaut über der verletzten Stelle werde dann erweitert, damit das Gehirn mehr Raum bekomme.

Der Patientin werden Beruhigungsmittel gegeben, damit sich ihr Gehirn erholen kann. Sie war aber zwischenzeitlich ansprechbar. Sie reagierte auf einfache Anweisungen der Ärzte, etwa indem sie eine Hand drückte oder einzelne Finger hob. "Das spricht dafür, dass das Gehirn noch gut funktioniert", sagte Michael Lemole, Chef der Hirnchirurgie am University Medical Center. Giffords konnte ihre Augen jedoch nicht öffnen und wegen des Beatmungsgeräts, an das sie angeschlossen ist, auch nicht sprechen.

Wie wird die Kongressabgeordnete die schwere Verletzung verkraften? Wird sie vielleicht sogar in ihr altes Leben zurückkehren können? Rhee sagte, es sei zu früh, darüber zu spekulieren. Die Therapie könnte Monate oder Jahre dauern - mit ungewissem Ausgang.

"Ein solcher Patient kann ziemlich verändert sein"

Der Schuss durch die linke Hirnhälfte hat womöglich das Sprachzentrum von Giffords beschädigt. Denn bei fast allen Rechsthändern liegt die Sprachregion in der linken Hemisphäre. Die Kongressabgeordnete ist offensichtlich Rechtshänderin - das legen zumindest Fotos nahe, auf denen sie einen Stift hält oder ein Gewehr. Positiv ist auf jeden Fall, dass sie Kommandos der Ärzte versteht.

Meist sind die Folgen von Hirnverletzungen tragisch. Es klingt makaber, aber die Erkrankten haben der Wissenschaft auch geholfen, bestimmte Funktionen im Gehirn zu verorten, etwa den für spirituelle Empfindungen verantwortlichen Bereich. In wenigen Einzelfällen können Hirnschäden sogar positive Nebenwirkungen haben. So haben Mediziner beobachtet, dass der Ausfall bestimmter Regionen Raucher auf einen Schlag zu Nichtrauchern macht.

Die Kugel hat bei Gabrielle Giffords weitere Gehirnregionen beschädigt, da sind sich die Ärzte relativ sicher. Die Frage ist nur, welche Folgen das haben wird. Hirnchirurgen wie Oberfeldarzt Staffensky haben mehrfach erlebt, dass Patienten nach einer derartigen Schussverletzung nicht mehr die gleichen waren. "Ein solcher Patient kann für alle, die ihn schon vor der Verletzung kannten, ziemlich verändert sein." Schäden am Frontallappen können beispielsweise planvolles Handeln unmöglich machen. Betroffene können dann mehrere aufeinander aufbauende Handlungen nicht mehr ausführen, etwa erst Geld abheben und dann beim Bäcker Brot kaufen und nicht umgekehrt.

Staffensky warnt vor allzu großem Optimismus bei schweren Hirnverletzungen: "Wir sind schon froh, wenn jemand nach der Therapie keine Halbseitenlähmung mehr hat, sich zu Hause frei bewegen und allein einkaufen kann."

insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
psycho_moni 10.01.2011
1. Textlücke
Zitat von sysopDie US-Politikerin Gabrielle Giffords wurde beim Anschlag in Arizona schwer verletzt. Zwei Faktoren geben nun Anlass zur Hoffnung: Die 40-Jährige konnte sofort von einem Spezialisten operiert werden, zudem durchschlug die Kugel ihren Schädel glatt. Dennoch sind die Heilungschancen ungewiss. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,738613,00.html
Zitat: "In wenigen Einzelfällen können Hirschäden sogar positive Nebenwirkungen haben. So haben Mediziner beobachtet, dass ." Warum ist da nur ein Leerzeichen, ich hätte gerne etwas Text gelesen.
Samuel Hastrim Klepp V 10.01.2011
2.
Zitat von sysopDie US-Politikerin Gabrielle Giffords wurde beim Anschlag in Arizona schwer verletzt. Zwei Faktoren geben nun Anlass zur Hoffnung: Die 40-Jährige konnte sofort von einem Spezialisten operiert werden, zudem durchschlug die Kugel ihren Schädel glatt. Dennoch sind die Heilungschancen ungewiss. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,738613,00.html
Da steckt gar keine Frage hinter, sollen wir die Heilungschancen orakeln?
artusdanielhoerfeld 10.01.2011
3. Fehler
Zitat SPON: "Der Täter benutzte jedoch eine 19-Millimeter-Pistole des österreichischen Herstellers Glock" Sie meinen wohl 9mm. Eine Geschoss mit 19mm Durchmesser hätte den Kopf zerplatzen lassen.
a.weishaupt 10.01.2011
4. Zeigt leider wieder..
Zitat von artusdanielhoerfeldZitat SPON: "Der Täter benutzte jedoch eine 19-Millimeter-Pistole des österreichischen Herstellers Glock" Sie meinen wohl 9mm. Eine Geschoss mit 19mm Durchmesser hätte den Kopf zerplatzen lassen.
Zeigt leider wieder, dass hierzulande oft nicht mal Grundwissen zu Waffen vorhanden ist (auch beliebt: Maschinengewehr statt Sturmgewehr, Verwechslung Pistole/Revolver). Aber über die angeblich "laschen" Waffengesetze schreiben und dabei ausblenden, woher die Strenge bei uns kommt - das geht immer.
brooklyner 10.01.2011
5. ...
Zitat von psycho_moniZitat: "In wenigen Einzelfällen können Hirschäden sogar positive Nebenwirkungen haben. So haben Mediziner beobachtet, dass ." Warum ist da nur ein Leerzeichen, ich hätte gerne etwas Text gelesen.
Ja, zum Beispiel eine Erklärung, was ein "Hirschaden" ist. Mann Spiegel, befiehl Deinen Schreiberlingen doch endlich, ein Rechtschreibprogramm zu benutzen.
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