Weltweite Datenanalyse Antibiotika-Resistenzen für mehr als 1,2 Millionen Todesfälle verantwortlich

Viele Infektionen haben durch Antibiotika ihren Schrecken verloren. Doch Bakterien können gegen die Medikamente unempfindlich werden. Wie groß das Problem ist, hat ein Forscherteam jetzt für das Jahr 2019 beziffert.
Foto: Peter Dazeley / Getty Images

Mehr als 1,2 Millionen Menschen starben im Jahr 2019 einer Schätzung zufolge an einer Infektion mit einem Antibiotika-resistenten Erreger. Diese Form von Krankheit gehört so gesehen zu den häufigsten Todesursachen weltweit, berichtet die Gruppe im Fachmagazin »The Lancet« .

Antibiotika lassen Bakterien absterben oder hemmen ihr Wachstum – wobei nicht jedes Antibiotikum gegen jede Bakterienart hilft. Die Keime wiederum können gegen Antibiotika resistent werden, die Medikamente zeigen dann keine Wirkung mehr. Es gibt Bakterien, die gleich gegen mehrere wichtige Antibiotika unempfindlich geworden sind, man spricht dann von multiresistenten Keimen.

Die Forschenden hatten für das Jahr 2019 Daten aus der Fachliteratur, aus Krankenhaus-Datenbanken, Überwachungssystemen und anderen Quellen zusammengetragen und diese analysiert. Über statistische Modellierungen prognostizierten sie die Krankheitslast für verschiedene Regionen – auch für solche, aus denen keine Daten vorlagen. Insgesamt betrachtete das Team 204 Länder und Regionen, 23 krankmachende Bakterien und 88 Kombinationen von Bakterien und Antibiotika.

Sie schätzten die Zahl der Todesfälle, die von Antibiotika-resistenten Keimen verursacht wurden, dann wie folgt ab:

  • Im ersten Szenario gingen sie davon aus, dass sich die Menschen nicht mit einem resistenten Bakterium infiziert hätten, sondern mit einem, das von Antibiotika wie gewünscht angegriffen wird. Bei diesem Vergleich waren die resistenten Keime für 911.000 bis 1,7 Millionen Todesfälle im Jahr 2019 verantwortlich – im Mittel 1,27 Millionen. Dieses Szenario zeigt den direkten Effekt der Antibiotika-Unempfindlichkeit.

  • Im zweiten Szenario gingen sie davon aus, dass sich die Menschen nicht mit einem resistenten Bakterium infiziert hätten, sondern stattdessen gar keine Infektion hatten. So kamen sie auf 3,6 bis 6,6 Millionen Todesfälle. Diese Zahl ist deutlich höher, weil eben auch Infektionen mit Bakterien tödlich sein können, obwohl diese auf Antibiotika ansprechen. Aber sie zeigt auf, wie viele Menschen in Verbindung mit einer Infektion mit resistenten Keimen ums Leben kamen.

Zu den Keimen, die am häufigsten Probleme mit Resistenzen verursachten, gehörten Escherichia coli, Staphylococcus aureus, Klebsiella pneumoniae, Streptococcus pneumoniae und auch der gefürchtete Krankenhauskeim MRSA – Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus. Allein MRSA verursachte demnach 100.000 Todesfälle in dem untersuchten Jahr.

»Klares Signal, dass wir jetzt handeln müssen«

Am stärksten betroffen waren der Studie zufolge Länder in Afrika südlich der Sahara. Dort kam es zu circa 24 Todesfällen pro 100.000 Menschen. In reichen Nationen lag die Rate bei 13 Todesfällen auf 100.000 Menschen. Kinder unter fünf Jahren seien am stärksten gefährdet. Das größte Problem waren laut der Studie durch resistente Bakterien ausgelöste Infekte der tiefen Atemwege wie Lungenentzündungen, die laut der Berechnung etwa 400.000 Todesopfer forderten.

Wer hat die Studie finanziert?

Die Gelder für diese Studie stammten von der Bill & Melinda Gates Foundation, dem Wellcome Trust und dem britischen Department of Health and Social Care über den Fleming Fund

»Diese neuen Daten legen das wahre Ausmaß des Problems von Antibiotika-Resistenzen weltweit offen und sind ein klares Signal, dass wir jetzt handeln müssen«, sagte Mitautor Chris Murray von der University of Washington laut einer Mitteilung des Fachmagazins. »Wir müssen diese Daten nutzen, um den Kurs zu korrigieren und Innovationen voranzutreiben, wenn wir im Wettlauf gegen die Antibiotika-Resistenz die Nase vorn haben wollen.«

Als Schwächen ihrer Studie nennen die Forscher die begrenzte Datenverfügbarkeit in einigen Teilen der Welt und die unterschiedlichen Quellen für die Daten, die zu Verzerrungen führen können.

Als »übersehene Pandemie« beschreibt Ramanan Laxminarayan vom US-amerikanisch-indischen Center for Disease Dynamics das Problem in einem Kommentar zu der Studie . Die Zahl der durch Antibiotika-resistente Bakterien verursachten Todesfälle liege mit 1,3 Millionen etwa so hoch wie die Todesfälle durch HIV und Malaria zusammen. Nur Covid-19 und Tuberkulose seien als Infektionskrankheiten für noch mehr Todesfälle verantwortlich – wobei der Tuberkulose-Erreger Mycobacterium tuberculosis als Bakterium, das Resistenzen entwickeln kann, ebenfalls in der Studie gezählt wird.

Laxminarayan fordert, dass mehr investiert wird, um diese Infektionen zu verhindern, Antibiotika besser einzusetzen und neue Wirkstoffe zu entwickeln.

wbr/dpa
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