Arzneitest Löffeldosierung liegt oft weit daneben

Hustensaft und andere Medikamente werden gern mit dem Löffel dosiert - doch das ist keine gute Idee, wie eine Studie jetzt ergeben hat. Selbst unter optimalen Bedingungen verschätzten sich die Teilnehmer erheblich. Kam Stress dazu, dosierten sie noch schlechter.

Forscher Wansink schenkt ein: Löffelmethode ist reichlich unpräzise
Jason Koski / University Photography

Forscher Wansink schenkt ein: Löffelmethode ist reichlich unpräzise


Man könnte es eigentlich ahnen: Tee- und Esslöffel sind keine besonders präzisen Messinstrumente, weshalb man sie nicht unbedingt zur Dosierung von Medikamenten benutzen sollte. Dennoch tun dies rund 70 Prozent aller Menschen, wie eine Studie der renommierten Mayo Clinic in Rochester (US-Bundesstaat Minnesota) ergeben hat. Da überrascht es kaum, dass die Löffelmethode als eine der Hauptursachen für Medikamentenvergiftungen gilt.

Forscher der Cornell University in Ithaca (US-Bundesstaat New York) wollten genauer wissen, wie genau man mit dem Löffel dosieren kann. Die Ergebnisse, so viel steht fest, dürften manchen schwer schlucken lassen.

Die 200 Studenten, die an der Studie teilnahmen, lagen im Schnitt um acht Prozent unter der Zielmenge, wenn sie einen mittelgroßen Löffel benutzten. Wählten sie ein großes Exemplar, lagen sie im Mittel prompt um zwölf Prozent über der gewünschten Menge. Manche schütteten bis zu 20 Prozent zu viel aus der Flasche.

Und das passierte bereits unter Idealbedingungen, wie Brian Wansink und Koert van Ittersum im Fachblatt "Annals of Internal Medicine" schreiben. Schrie ein Baby im Hintergrund, dosierten die Probanden gar um durchschnittlich 15 Prozent zu hoch. Die Teilnehmer waren gut ausgebildet, konnten zuvor eine Stunde üben, waren ausgeschlafen und führten das Experiment in einem gut beleuchteten Raum durch, sagte Wansink. "Trotzdem ahnten sie nichts von den falschen Ergebnissen. Mitten in der Nacht, wenn man müde oder gehetzt ist und sein Kind schreien hört, ist die Wahrscheinlichkeit von Fehlern zweifellos noch größer."

Die dadurch entstehende Gefahr sei nicht zu unterschätzen, warnt der Forscher. Denn flüssige Medikamente würden oft über längere Zeit mehrfach am Tag eingenommen. Fehler könnten sich so zu einer riskanten Überdosierung summieren oder dazu führen, dass das Medikament unterdosiert und damit wirkungslos bleibe.

Zu Hause empfehle sich deshalb eher der Einsatz eines Messbechers, eines speziellen Dosierlöffels, eines Tropfenzählers oder einer Spritze, meint Wansink. "Auf die persönliche Erfahrung beim Eingießen oder das Schätzvermögen sollten man sich dagegen besser nicht verlassen."

mbe

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
ovinci 06.01.2010
1. So ein Schwachsinn
Natürlich ist ein Dosierung mit dem Löffel ungenau und +/- 10% ein verdammt guter Wert. Aber sind Messbecher oder Tropfendosierung wirklich so viel besser? Ich bezweifle das. Da git es die Paralaxe beim Ablesen, unterschiedliche Tropfengrößen, je nach Handhabung, Temparatur usw. Und das ist alles harmlos, solange es eine Einheitsdosis für Personengruppen wie "Erwachsene" oder "Kinder unter 12 Jahren" gibt. Wenn es keine Rolle spiel ob es sich um ein magersüchtiges Leichtgewicht (40 Kilo) oder einen übergewichtigen Fettklos (160 Kilo) handelt, dann sind Löffeldosierungen sicher kein Problem.
vonpillendreher 06.01.2010
2. titel
Zitat von ovinciNatürlich ist ein Dosierung mit dem Löffel ungenau und +/- 10% ein verdammt guter Wert. Aber sind Messbecher oder Tropfendosierung wirklich so viel besser? Ich bezweifle das. Da git es die Paralaxe beim Ablesen, unterschiedliche Tropfengrößen, je nach Handhabung, Temparatur usw. Und das ist alles harmlos, solange es eine Einheitsdosis für Personengruppen wie "Erwachsene" oder "Kinder unter 12 Jahren" gibt. Wenn es keine Rolle spiel ob es sich um ein magersüchtiges Leichtgewicht (40 Kilo) oder einen übergewichtigen Fettklos (160 Kilo) handelt, dann sind Löffeldosierungen sicher kein Problem.
so ist es. wirklich schwachsinn der artikel. eine überdosierung wird in der regel frühestens ab faktor 2 interessant. wenn ein medikament eine so geringe therapeutische breite hat, dass 10% probleme verursachen wird kein hersteller eine zulassung für einen saft bekommen. man bedenke wie oben aufgeführt die unterschiedlichen verteilungsvolumina bei verschieden schweren patienten, die unterschiedliche wirkstoffaufnahme bedingt durch magenfüllstand etc. und den unterschiedlich schnellen abbau durch verschiedene organe. leider für den spiegel in letzter zeit typisch solche angstmache...
Sportexperte 06.01.2010
3. Medikamenten-Löffel-Dosier-Krise
Zustände sind das in diesem Land, wie man sie früher nur aus satirischen Fernsehsendungen kannte. Leider wird die Wirklichkeit dem dort gezeigten mit jeder Woche ähnlicher. "Sehen Sie am Ostersamstag auf RTL - den neuesten Blockbuster - Wir haben die Vogelgrippe überlebt! - Wir haben die Finanzkrise überlebt! - Wir haben alle Bundesregierungen seit Adenauer überlebt! - Wir haben die Schweinegrippe überlebt! - Wir haben den fünfkältesten Winter der letzten 2 Jahre überlebt! ...tick tack tick tack... Werden wir auch die Medikamenten-Löffel-Dosier-Krise überleben? In den Hauptrollen Veronica Ferres als Apothekerin und Benno Führmann als SPIEGEL Chefredakteur!" ...was für ein Quatsch, kann mich ansonsten in weiten Teilen nur meinen Vorrednern anschliessen.
Bala Clava 06.01.2010
4. Sub omni canone
Was hier manchmal unter dem hochtrabenden Rubrum "Wissenschaft" verzapft wird, ist wirklich unter aller Kanone. Ich kann mir häufig nicht vorstellen, dass klassische Wissenschaftsredakteure - also Leute mit einem naturwissenschaflichen Studium - auch nur ein halbes Auge daraufgeworfen haben. Mal ein halbgar übersetzter Artikel aus "Nature" mit grotesken Missverständnissen der englischen Sprache, mal glatter Lobbyismus für irgendeine Scheininnovation, mal die fadenscheinigsten Korrelationen unter Verwechslung von Ursache und Wirkung (aktuelles Beispiel: Schlafdauer und Depression bei Jugendlichen), mal ganz großes Kino ("Laufschuhe belasten Gelenke") ohne die geringsten Auswirkungen (denn die angeblich belasteten Gelenke werden dies durch wachsende Muskeln, Sehnen und größere Knochendichte kompensieren). Ich wünschte mir, es fände wirklich interessante Wissenschaft hier statt. So aber fühle ich mich des Öfteren über den Löffel balbiert.
alaunemad 07.01.2010
5. Warum einen Löffel verwenden?
Warum sollte man zum Dosieren von Medikamenten einen Löffel verwenden? Doch wohl nur, wenn in der Beschreibung steht "einen Löffel pro Tag". Dass es unterschiedlich große Löffel gibt ist wohl die wichtigste Erkenntnis der Studie.
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