Arzneimittelreport 2014 Der Preis der Pillen

Von Timo Stukenberg und Nicola Kuhrt
Arzneimittelpreise im Blick: Zu teuer oder Opfer der Mehrwertsteuer?

Arzneimittelpreise im Blick: Zu teuer oder Opfer der Mehrwertsteuer?

Foto: A3390 Kay Nietfeld/ dpa

Seit 30 Jahren kritisieren Krankenkassen mit ihrem Arzneiverordnungsreport die Preispolitik der Pillenhersteller. Der Vorwurf: Medikamente seien hierzulande viel zu teuer. Alles Quatsch, sagt die Pharmalobby, die Kalkulationen stimmen nicht. Wer hat sich verrechnet?

Bereits eine Woche vor der Veröffentlichung des Arzneiverordnungsreports (AVR) laden die deutschen Pharmahersteller nach Berlin zum gemeinsamen Kopfschütteln ein. Beim Bundesverband pharmazeutischer Hersteller (BPI), warten auf Tischen alte Ausgaben des Berichts auf die anwesenden Journalisten. Dazu liegt an jedem Platz ein Taschenrechner - um die Schwächen des Reports aufzudecken.

Norbert Gerbsch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des BPI, rechnet verschiedene Beispiele durch, sein Fazit: "Der AVR kalkuliert nach dem Pippi-Langstrumpf-Prinzip. Zweimal drei macht vier, widewidewitt, und drei macht neune."

Dem Wehklagen der Industrie schenkt indes niemand so recht Beachtung, auch nicht die Parlamentarier. Sie zitierten den Arzneiverordnungsreport zuletzt in ihrer Begründung zur Änderung des fünften Sozialgesetzbuchs. In dem Abschnitt wurden die Pharmahersteller verpflichtet, den Krankenkassen einen höheren Rabatt zu gewähren. Der Grund dafür: Arzneimittel werden seit 1993 immer teurer. Das behauptet jedenfalls der AVR.

Kampf um einfache Wahrheiten

Der Report, den das wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen (Wido) erstellt, hat mehr als 1300 Seiten und fällt damit in die Kategorie Expertenlektüre. Umso lauter setzen sich vor der Veröffentlichung die PR-Maschinerien von Kassen und Herstellern in Gang, um die Ergebnisse richtig gedeutet zu wissen. Nicht nur vor Ort beim BPI, sondern auch auf Twitter.

Das sieht die AOK eindeutig anders. Für sie sind die Preise zu hoch und die Verantwortung für die hohen Pillenpreise liegt eindeutig bei den Herstellern.

Im Kampf um die Deutungshoheit trifft derzeit die Angst vor der Gier der bösen Pharmaunternehmen auf die Angst vor schlechter Versorgung mit Medikamenten. Verdienen die Hersteller nichts, gibt es keine Medikamente, so die Logik. Umgekehrt müssen diese auch bezahlbar bleiben.

Das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz, kurz Amnog, sollte genau das eigentlich regeln. Zufrieden ist damit nur eigentlich keiner. Ginge es nach dem Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa), ist ein solches Gesetz eigentlich überflüssig.

Doch auch hier kommt es offensichtlich auf die Perspektive an. Die folgende Grafik aus dem AVR soll genau das Gegenteil belegen - eine immer weiter steigende Belastung der GKV.

So einfach die Wahrheiten von Kassen und Verbänden erscheinen, sie sind es nicht. Wir haben drei Kritikpunkte der Arzneimittelindustrie genauer angesehen:

Kritik 1: Der AVR ist zu pauschal

Laut AVR hat sich der Wert je Arzneimittelverordnung, also der durchschnittliche Preis pro Packung, verdreifacht. Das AOK-Institut Wido teilt die Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenkassen durch die Zahl der Verordnungen. Im Trend steigen die Gesamtausgaben, die Zahl der Verordnungen sinkt. Im Ergebnis steigt der Wert je Verordnung.

"Dieser Wert ist viel zu pauschal", sagt Norbert Gerbsch vom Pharmaverband BPI. Dass auf einer solchen Grundlage Gesetze erlassen werden, könne er nicht verstehen. AVR-Autor Carsten Telschow hält dagegen: "Der Wert ist ein Indikator für den Gesamtmarkt", sagt er. "Ein nicht unerheblicher Teil davon lässt sich auf den Preis der Hersteller zurückführen." Auch wenn der Indikator keine genauen Rückschlüsse auf einzelne Medikamentgruppen zulässt, gibt er doch einen Trend wieder: Medikamente in Deutschland werden teurer.

Kritik 2: Internationale Preisvergleiche sind nicht zulässig

Seit einigen Jahren errechnet der AVR, wie hoch das Einsparpotenzial in Deutschland gegenüber anderen Ländern ist. Aktuell sieht er ein Einsparpotenzial gegenüber Frankreich von zwei Milliarden Euro. Dabei vergleicht der Bericht den Apothekenverkaufspreis, AVP, in den verschiedenen Ländern. "Diese Unterschiede gibt es, aber man kann nicht die Pharmaindustrie dafür verantwortlich machen", sagt BPI-Funktionär Gerbsch. Der Preisanteil der Hersteller ließe sich erst ausmachen, wenn man Steuern und die Zuschläge für Apotheken und Großhandel abziehe.

Gerbsch rechnet vor: Ein Generikum, das vom Hersteller aus nur zehn Cent koste, werde erst durch den Aufschlag für Apotheken und den Großhandel teuer - und koste für die Krankenkasse dann über zehn Euro.

Ulrich Schwabe, Herausgeber des Arzneiverordnungsreports, kann dieser Argumentation nichts abgewinnen. Bei den internationalen Preisvergleichen vergleiche das Wido gar keine Generika. Stattdessen vergleichen sie lediglich patentgeschützte Medikamente, deren Packungen teilweise bis zu 20.000 Euro kosten. "Da spielen ein Apothekenzuschlag von 8,35 Euro und ein Großhändlerzuschlag von wenigen Prozent überhaupt keine Rolle", sagt er.

Kritik 3: Wechselkurse verteuern Medikamente

Einen Schwachpunkt hat der BPI dann doch gefunden: Der AVR bestimmt einen Stichtag, an dem die Preise aus dem Ausland mit den hiesigen verglichen werden. Der Vergleich mit dem schwedischen Gesundheitswesen aus dem Jahr 2010 zeigt, dass der Wechselkurs in dem skandinavischen Land um mehrere schwedische Kronen schwankt.

Je nachdem, wann der Stichtag sei, mache das Unterschiede von bis zu 22 Prozent aus, rechnet Gerbsch vor. "Der Stichtag ist vollkommen willkürlich." Stattdessen müsse man die Daten auf Basis von Jahresdurchschnitten berechnen. Carsten Telschow vom Wido hat dafür wenig Verständnis. "Man hat ja nicht ewig Zeit, solche Durchschnitte zu berechnen", sagt er. Er sehe an diesem Teil der Methodik kein Problem.

Was bleibt?

Dass die Pharmaindustrie mit ihrem chronischen Image-Problem nicht so leicht die Deutungshoheit über die Einsparpotenziale erlangen wird, ist BPI-Mann Norbert Gerbsch offensichtlich klar. Vielleicht ist das auch der Grund, warum er gerne auf die interessengeleiteten Berechnungen verzichten würde: "Schön wäre, es gäbe eine unabhängige Forschungsstelle."

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