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17. August 2011, 15:08 Uhr

Asthma-Patienten

Placebo-Studie erzürnt US-Mediziner

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Statt zu viel Medizin einfach gar keine? Eine Studie kommt zu dem Schluss, dass Scheinmedikamente und -therapien bei Asthma das subjektive Befinden der Erkrankten ebenso verbessern wie ein echtes Mittel. US-Mediziner regen sich über die Folgerungen massiv auf - ein deutscher Experte bleibt gelassen.

Hamburg - Chirurgen greifen zu oft zum Skalpell, viele Hausärzte verschreiben zu schnell Medikamente - und zu wenige Mediziner nehmen sich die Zeit für ausführliche Gespräche mit ihren Patienten. Das kann zum Teil erklären, warum sich Menschen von der vermeintlich "harten" Schulmedizin abwenden und alternative Heilmethoden versuchen. Selbst wenn diese Verfahren in wissenschaftlichen Studien nicht besser abschneiden als ein Placebo - ein Scheinmedikament oder eine Scheinbehandlung - schadet das ihrer Beliebtheit offenbar nicht.

Einen Grund dafür liefert eben jener Placebo-Effekt, der eben doch etwas bewirkt, wie aktuell wieder eine Studie im "New England Journal of Medicine" zeigt, die unter US-Medizinern kontrovers diskutiert wird. Die Forscher haben, um den Placebo-Effekt genauer zu untersuchen, rund 40 Patienten mit leichtem Asthma in mehreren Sitzungen mit drei verschiedenen Methoden behandelt:

Medikament verbessert objektiven Messwert, Placebo subjektives Befinden

Im Anschluss an die Therapien maßen die Wissenschaftler die sogenannte Ein-Sekunden-Kapazität, also wie viel Luft die Betroffenen binnen einer Sekunde ausatmen können. Außerdem befragten sie die Probanden, ob sie das Gefühl hätten, dass sich durch die Behandlung die Asthma-Symptome gelindert hätten.

Das Ergebnis: Die Ein-Sekunden-Kapazität verbesserte sich um rund 20 Prozent, wenn die Betroffenen das Asthma-Medikament inhalierten. Placebo-Inhalator, Placebo-Akupunktur oder gar keine Behandlung bewirkten allesamt weniger, nämlich eine Verbesserung um rund sieben Prozent.

Bei der Frage nach dem Befinden schnitten das tatsächliche Medikament und die zwei Placebo-Therapien dagegen etwa gleich gut ab. Die Patienten berichten im Schnitt von einer Besserung um 40 bis 50 Prozent. Bei der Gruppe, die gar nicht behandelt wurde, lag der Wert bei 20 Prozent.

"Die Teilung des Placebo-Effekts zwischen subjektiver und objektiver Wirkung, die wir in dieser Pilotstudie beobachtet haben, könnte den Unterschied abbilden, den Sozialwissenschaftler zwischen der Behandlung von Krankheiten (objektive Physiologie) und der Behandlung von Leiden (subjektive Wahrnehmung) machen", schreiben Michael Wechsler von der Harvard Medical School in Boston und seine Kollegen.

Daniel Moerman von der University of Michigan-Dearborn kommentiert die Studie im Fachblatt so: "In einer auf den Patienten ausgerichteten Versorgung muss das vom Patienten bevorzugte Ergebnis das Urteil des Arztes übertrumpfen."

Aufregung in Medizin-Blogs - Sturm im Wasserglas

Über die Studie, aber noch mehr über den Kommentar, regen sich mehrere US-Mediziner in Blog-Einträgen auf. Ein Notarzt ätzt auf Rogue Medic, eine 50-prozentige Verbesserung der Symptome sei doch nichts. Er könne 80 Prozent erzielen, nur mit einem Beruhigungsmittel - oder noch mehr, wenn er Morphium gebe. Aber das sei selbstverständlich unethisch.

Mehrere Mediziner nehmen die Studie zudem im Blog Science-Based Medicine auseinander. Die Untersuchung werde so gedreht, dass es nicht darum gehe, dass Placebos keine objektiv messbaren Verbesserungen erzielen, schreibt etwa David Gorski. "Stattdessen ist die Botschaft, dass subjektive Symptome genauso wichtig oder wichtiger seien als objektive Messwerte. Also lasst uns doch Placebos benutzen!", regt sich der Onkologe vom Barbara Ann Karmanos Cancer Institute in Michigan auf.

Anästhesist Kimball Atwood bezeichnet den begleitenden Kommentar von Moerman gleich komplett als Bullshit. Die Mediziner wittern, dass mit dieser und ähnlichen Studien am Ende alternativmedizinische Verfahren legitimiert werden sollen, die eben nicht besser wirken würden als ein Placebo. Immerhin: Finanziert wurde die Untersuchung vom National Center for Complementary and Alternative Medicine, der alternativmedizinischen Abteilung der US-Gesundheitsbehörde.

Paul Enck von der Universität Tübingen hält diese Aufregung für einen Sturm im Wasserglas. "Die Untersuchung bestätigt, was wir seit Jahren aus der Placebo-Forschung wissen: Placebos heilen keine Krankheiten, aber sie können Symptome lindern", sagt Enck, der an der Studie nicht beteiligt war. Asthma habe eben auch subjektive Komponenten, wie die Angst vor dem nächsten Anfall.

Es gebe Asthmatiker mit stark eingeschränkter Lungenfunktion, denen es relativ gutgehe und solche, die nur eine gering eingeschränkte Lungenfunktion hätten, aber einen hohen Leidensdruck, gibt er zu bedenken. "Die subjektive Befindlichkeit stimmt eben nicht immer mit dem objektiven Maß überein." Enck versteht daher, dass sich insbesondere chronisch Kranke der Alternativmedizin zuwenden - "weil sie Verbesserungen spüren".

Es sei allerdings ein Missverständnis, dass Placebo-Forscher Medikamente durch Placebos ersetzen wollen. "Wir wollen ergründen, wie dieser Effekt funktioniert und wie damit medizinische Verfahren sinnvoll unterstützt werden können." Schließlich könne ein schlechtes Medikament in der Hand eines guten Arztes wirksamer sein als ein gutes Medikament in der Hand eines schlechten. Erstrebenswert ist letztendlich aber die Verbindung von beidem: guter Arzt, gutes Mittel.

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