Greifswald Forscher liefern mögliche Erklärung für Thrombosen nach Coronaimpfung

Warum entwickeln einige Menschen nach der AstraZeneca-Impfung gegen Corona gefährliche Gerinnsel im Gehirn? Greifswalder Forscher präsentieren eine Antwort.
Computer-Darstellung eines Blutgerinnsels

Computer-Darstellung eines Blutgerinnsels

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SCIEPRO / Science Photo Library RF / Getty Images

Einige Menschen haben nach der Coronaimpfung mit dem AstraZeneca-Präparat gefährliche Blutgerinnsel im Gehirn entwickelt. Nachdem unter anderem Deutschland deshalb zunächst einen Impfstopp verhängte, wird nun wieder mit der AstraZeneca-Vakzine geimpft. Die EU-Arzneimittelbehörde Ema kam am Donnerstag zu dem Schluss, der Impfstoff sei sicher und wirksam. Ein Zusammenhang zwischen dem Mittel und den schweren Erkrankungen aber könne weder bestätigt noch ausgeschlossen werden.

Antikörper aktivieren die Blutplättchen

Jetzt teilt die Universitätsmedizin Greifswald mit, den wahrscheinlichen Auslöser für die Blutgerinnsel aufgeschlüsselt zu haben. Laut Andreas Greinacher fanden sein Team und er im Blut der Betroffenen spezielle Antikörper, die sich gegen die körpereigenen Blutplättchen richteten. Diese Zellen spielen eine wichtige Rolle bei der Blutgerinnung. Die Antikörper aktivieren demnach die Blutplättchen: Sie verklumpen, wie sie das normalerweise tun, um eine Wunde zu verschließen, und bilden so Blutgerinnsel. Das Grundproblem ist demnach eine Autoimmunreaktion.

In Deutschland wurden aktuell 13 Fälle von Sinusvenenthrombosen kurz nach einer AstraZeneca-Impfung gemeldet, die alle mit einem Mangel an Blutplättchen einhergingen, also einer sogenannten Thrombozytopenie. Geimpft wurden rund 1,6 Millionen Menschen in Deutschland.

Die Probleme, die kurz nach der Impfung auftraten, ähneln laut Greinachers Schilderung einer schon seit Langem bekannten Komplikation bei der Gabe eines anderen Mittels, der Heparin-induzierten Thrombozytopenie, kurz HIT. Auch dort aktivieren Antikörper Blutplättchen, sodass es zur Gerinnselbildung kommt. In beiden Fällen treten die Beschwerden im Bereich von 5 bis 14 Tagen nach der Verabreichung des Präparats auf.

Greinacher betonte deshalb, dass die am Folgetag der Impfung oft auftretenden grippeähnlichen Beschwerden kein Warnsignal dafür sind, dass sich ein Blutgerinnsel anbahnt. Aber wer etwa fünf Tage nach der Impfung ein schmerzhaftes Bein habe – als Zeichen einer tiefen Beinvenenthrombose – oder schwere Kopfschmerzen, sollte sich sofort beim Arzt vorstellen.

Die Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung hat auf Basis der Greifswalder Erkenntnisse bereits Empfehlungen für Ärztinnen und Ärzte veröffentlicht. Sie geht davon aus, dass die Gerinnselbildung bei Betroffenen mit einer Sinusvenenthrombose und Thrombozytopenie durch die Gabe von hoch dosierten intravenösen Immunglobulinen gestoppt werden kann. Wie zuverlässig diese Therapie Betroffenen hilft, konnte Greinacher nicht beantworten. Das sei nicht sein Fachgebiet, sagte er.

Noch einiges unklar

Viele Fragen sind zu diesem Zeitpunkt noch offen. Greinacher erklärte, dass sie ihre Erkenntnisse aufgrund der Brisanz möglichst schnell öffentlich machen wollten.

In welchem Zusammenhang die schädlichen Antikörper entstehen, konnte der Wissenschaftler zum Beispiel nicht beantworten. Es sei alles möglich – eine spezifische Reaktion auf den Virusvektor des AstraZeneca-Impfstoffs etwa, aber auch eine unspezifische Antwort des Körpers.

Auch konnte er nur mutmaßen, warum Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer: 12 der 13 Fälle in Deutschland betreffen Frauen. Zum einen treffen Autoimmunkrankheiten generell häufiger Frauen, so der Arzt. Zum anderen seien Pflegekräfte geimpft worden, also auch mehr Frauen. Ob weibliche Geschlechtshormone eine Rolle spielten, müsse man noch untersuchen.

Greinacher und sein Team arbeiteten bei diesem Projekt eng mit Forschenden aus Österreich und vom bundesdeutschen Paul-Ehrlich-Institut zusammen. Eine Fachpublikation soll zeitnah erscheinen. Bisher ist das Ergebnis also noch nicht wissenschaftlich begutachtet.

Allerdings kamen bereits andere Forschende zu einem ähnlichen Schluss wie die Greifswalder: Am Donnerstag hatte der norwegische Forscher Pål Andre Holme ebenfalls berichtet , gegen Blutplättchen gerichtete Antikörper in Blutproben von drei betroffenen Patienten gefunden zu haben.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels stand, die Fachpublikation würde im »Lancet« erscheinen. Das stimmt nicht. Wir haben den Fehler korrigiert.

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