Spahns Vorschlag zur schnelleren Impfung mit AstraZeneca Kommt der zweite Impftermin schneller, sinkt der Schutz deutlich

Gesundheitsminister Spahn hat angeregt, den Abstand zwischen zwei AstraZeneca-Impfungen auf vier Wochen zu verkürzen. Das soll die Urlaubsplanung erleichtern – geht aber auf Kosten der Wirksamkeit.
AstraZeneca-Impfdosen in einem Impfzentrum in Perth, Australien

AstraZeneca-Impfdosen in einem Impfzentrum in Perth, Australien

Foto: RICHARD WAINWRIGHT / EPA

Sich gegen Covid-19 impfen zu lassen, ist diese Woche noch attraktiver geworden: Der Bundestag hat beschlossen, vollständig geimpften oder genesenen Personen Freiheitsrechte zurückzugeben. Der Bundesrat billigte das Gesetz am Freitag. Für sie sollen ab dem Wochenende die gleichen Erleichterungen gelten, die bislang Menschen mit negativen Coronatests vorbehalten sind.

Sie können sich zudem ohne Einschränkungen treffen und werden bei Treffen mit Ungeimpften nicht mitgezählt. Einige Bundesländer öffnen teilweise auch den Tourismus, etwa Ferienwohnungen, für diese Gruppe (mehr dazu lesen Sie hier).

Wer allerdings den Impfstoff von AstraZeneca bekommt, muss länger warten, um von der Regelung zu profitieren. Der Abstand zwischen zwei Impfungen und damit der Zeitraum bis zum vollständigen Impfschutz beträgt hier derzeit drei Monate.

Nachteil AstraZeneca

Wer noch heute die erste Dosis AstraZeneca erhält, profitiert also erst Anfang August von Lockerungen. Die Mittel von Biontech/Pfizer und Moderna werden dagegen in einem Abstand von sechs Wochen verabreicht, bei Johnson & Johnson ist insgesamt nur eine Dosis nötig.

Das dürfte den ohnehin in Verruf geratenen Impfstoff nicht unbedingt attraktiver machen, erst recht nicht für Menschen, die derzeit mit dem Impfen dran sind und mit einem anderen Mittel deutlich schneller fertig werden könnten.

Gesundheitsminister Jens Spahn hat deshalb den aus seiner Sicht »lebenspraktischen« Vorschlag gemacht, den Abstand zwischen den AstraZeneca-Impfungen auf vier Wochen zu verkürzen – mit Blick auf die Urlaubsplanung. In der Tat: Das könnte das Ansehen des Mittels steigern, allerdings auf Kosten der Wirksamkeit.

Ein Viertel geringere Wirksamkeit

Ende Februar 2021 hatte AstraZeneca im Fachmagazin »The Lancet«  Daten veröffentlicht, nach denen sein Impfstoff das Risiko für eine Covid-19-Erkrankung um gut 80 Prozent reduziert, wenn zwischen zwei Dosen drei Monate Abstand liegen.

Die Aussage basierte auf 53 Covid-19-Fällen, die unter in diesem Abstand Geimpften oder einer ungeimpften Vergleichsgruppe aufgetreten waren. Zugleich zeigte sich, dass auch die Antikörper von den in größerem Abstand Geimpften besser an das Virus binden.

Lagen dagegen lediglich sechs Wochen oder noch weniger zwischen zwei AstraZeneca-Impfdosen, konnte die Impfung das Covid-19-Risiko nur um 55 Prozent reduzieren. Die Zahl basierte auf 111 Krankheitsfällen unter Geimpften und einer Vergleichsgruppe.

Keine Frage: Der Wert von 55 Prozent ist noch immer gut und erfüllt die Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für einen wirksamen Covid-19-Impfstoff. Er lässt sich durch einen längeren Abstand aber eben mit recht geringem Aufwand deutlich erhöhen – nach aktuellen Datenstand um bis zu ein Viertel.

Anfang April empfahl dennoch auch die Ständige Impfkommission (Stiko) das Mittel von AstraZeneca in einem Abstand von drei Monaten, statt wie zuvor sechs Wochen, zu verabreichen. Ganz nebenbei konnte so die Zahl der Menschen, die zumindest einmal geimpft sind und damit zumindest einen gewissen Schutz aufweisen, schneller erhöht werden.

Kurz zuvor hatte eine vorläufige Auswertung aus den USA auf der Basis von 190 Covid-19-Fällen eine Wirksamkeit der Impfung von 76 Prozent bei einem Abstand von vier Wochen ergeben . Um die Daten gab es im Vorfeld allerdings einigen Hickhack. Sie wurden lediglich in einer Pressemitteilung  veröffentlicht.

Getestet hatte AstraZeneca seinen Impfstoff in verschiedenen Szenarien. Die ersten Daten zur Wirksamkeit basierten noch auf dem nun von Spahn vorgeschlagenen Abstand von etwa einem Monat. Die Zulassung des Mittels bei der europäischen Arzneimittelagentur EMA deckt das Impfschema somit ab – in Deutschland von der Stiko empfohlen ist es aber aus guten Gründen nicht.

Lange Debatte über Wirksamkeit

Noch vor wenigen Wochen wurde in Deutschland lautstark über die im Vergleich schlechtere Wirksamkeit des Mittels von AstraZeneca diskutiert. Erste Zwischenergebnisse der Zulassungsstudien hatten eine Wirksamkeit gegen Covid-19 von etwa 60 Prozent nach zwei vollen Dosen ergeben. Bei den Mitteln von Biontech/Pfizer und Moderna lagen die Werte bei über 90 Prozent.

AstraZeneca entwickelte sich in den folgenden Wochen und Monaten de facto zum Impfstoff zweiter Wahl. Gesundheitspersonal, das zunächst mit dem Mittel versorgt werden sollte, weil für die sehr alte Hochrisikogruppe zu wenige Daten vorlagen, wollte sich teils nicht impfen lassen. Auch als der Impfstoff für Ältere empfohlen war, blieben Impftermine ungenutzt, obwohl das Mittel, genau wie die anderen, schwere und tödliche Verläufe mit nahezu absoluter Sicherheit verhindert.

Zum schlechten Ruf trugen zusätzlich seltene Fälle von Sinusvenenthrombosen  bei. Da diese vor allem jüngere Frauen betrafen, wurden Menschen unter 60 Jahren in Impfzentren nicht mehr mit dem Mittel versorgt. Um das Impfen in Deutschland voranzutreiben, haben Bund und Länder die Priorisierung für den Stoff am Donnerstag aufgehoben.

Jüngere würden ohnehin erst im Sommer geimpft

Jüngere Menschen ohne Risiko, die in der eigentlichen Priorisierung zuletzt dran gewesen wären, können sich nun frühzeitig mit dem Mittel gegen Covid-19 impfen lassen. Bei einem Abstand von drei Monaten zwischen den Impfdosen wären sie wohl etwas früher oder zu einem ähnlichen Zeitpunkt vollständig geimpft, wie wenn sie auf ein anderes Mittel mit kürzerem Abstand warten, hätten frühzeitig aber zumindest den Schutz der ersten Impfung.

Je weiter die Impfkampagne voranschreitet, desto mehr gewinnt der Abstand aber auch für sie an Bedeutung. Bislang sind knapp ein Drittel der Menschen in Deutschland einmal gegen Covid-19 geimpft, etwa zehn Prozent haben zwei Impfungen erhalten.

Spahn formulierte es so: In Arztpraxen sollen künftig die Ärztinnen und Ärzte gemeinsam mit dem Impfling nach »ärztlichem Ermessen« entscheiden, wer wann welche Vakzine bekommt. Es liegt dann im Ermessen von Medizinerinnen und Medizinern, wann der volle Impfschutz eintritt – und somit auch, wie wirksam er im Falle des Mittels von AstraZeneca sein wird.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben die Ergebnisse der Analyse aus den USA nachträglich ergänzt.

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