Avandia US-Expertengremium warnt vor Blutzuckersenker

Das Diabetes-Mittel Avandia soll an Hunderten Todesfällen beteiligt sein: Trotzdem hat sich ein Beratergremium der US-Gesundheitsbehörde dafür ausgesprochen, dass Hersteller GlaxoSmithKline das Medikament weiter vermarkten darf - allerdings mit Einschränkungen und stärkeren Warnhinweisen.

Diabetes-Medikament Avandia: Erhöhtes Herzinfarktrisiko?
REUTERS

Diabetes-Medikament Avandia: Erhöhtes Herzinfarktrisiko?


Washington - Es ist ein Sieg mit fadem Beigeschmack für den Pharmakonzern GlaxoSmithKline: Ein Beratergremium der US-Gesundheitsbehörde FDA hat sich am Mittwoch zwar nicht dazu durchringen können, ein Verbot für umstrittene Diabetesmittel Avandia zu empfehlen. Doch äußerten die Experten nach zweitägigen starke Bedenken gegen das Medikament. Es erhöhe im Vergleich zu anderen Diabetes-Präparaten das Herzinfarktrisiko.

In der abschließenden Abstimmung reichte die Zahl der Stimmen für eine Verbotsempfehlung aber nicht aus. Die Experten forderten stattdessen Einschränkungen und stärkere Warnhinweise. Die FDA wird ihre endgültige Entscheidung in den kommenden Monaten treffen. Sie folgt aber in der Regeln den Ratschlägen ihres Beratergremiums.

Eine Untersuchung des US-Senats brachte Avandia nach Angaben der Deutschen Diabetes-Gesellschaft in den Vereinigten Staaten mit mehr als 300 Todesfällen allein im dritten Quartal 2009 in Verbindung. Das Präparat, das gehört zur Wirkstoffgruppe der Glitazone, über deren Nebenwirkungen die Fachwelt seit Jahren kontrovers diskutiert. Dazu zählen Wassereinlagerungen im Gewebe, Herzschwäche und vermehrte Knochenbrüche bei Frauen. Hauptvorteil der Mittel ist, dass sie nicht zu Unterzuckerungen führen und problemlos mit anderen Antidiabetika kombinierbar sind.

Umsatzeinbruch, Furcht vor Schadensersatzklagen

Avandia, das auch in Europa vertrieben wird, gehörte bis 2007 zu den größten Umsatzbringern des britischen Unternehmens. Dann hatte eine Studie eine erhöhte Gefahr von Herzinfarkten beschrieben. Der Umsatz mit dem Mittel brach daraufhin ein. Im vergangenen Jahr lag er mit 771 Millionen Pfund (923 Millionen Euro) nicht einmal mehr bei der Hälfte dessen, was der Konzern mit dem Medikament vor Bekanntwerden der Risiken erlöst hatte - Tendenz weiter fallend.

Noch viel schwerer als der Umsatzverlust wiegt aber die Furcht vor Schadensersatzklagen. An dieser Front hat GlaxoSmithKline nach einem Bericht der Finanz-Nachrichtenagentur Bloomberg nun etwas Klarheit schaffen können. Der Pharmakonzern kann demnach mit der Zahlung von 460 Millionen Dollar rund 10.000 Klagen auf einen Schlag beilegen. Insgesamt, so schätzen Analysten, sind 13.000 Klagen anhängig.

Auch die europäischen Arzneimittelbehörden nehmen die Sicherheit von Avandia erneut unter die Lupe. In Deutschland hatte der Gemeinsame Bundesausschuss kürzlich das Mittel zusammen mit ähnlichen Wirkstoffen aus der Erstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen genommen.

Erst am Dienstag hatte die "New York Times" den Pharmakonzern in ein schlechtes Licht gerückt. Demnach wusste GlaxoSmithKline seit 1999 durch eine eigene Studie, dass mit dem Medikament Herzinfarkt-Risiken verbunden waren. Doch das Unternehmen habe geschwiegen, weil die Verkäufe so gut liefen. Die Zeitung berief sich auf ihr vorliegende Unterlagen. Eine Sprecherin von GlaxoSmithKline bestritt die Vorwürfe.

wit/dpa/Reuters/apn



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H. Krämer, 15.07.2010
1. Hoch leben die Lobbyisten
Zitat von sysopDas Diabetes-Mittel Avandia soll an Hunderten Todesfällen beteiligt sein: Trotzdem hat sich ein Beratergremium der US-Gesundheitsbehörde dafür ausgesprochen, dass Hersteller GlaxoSmithKline das Medikament weiter vermarkten darf - allerdings mit Einschränkungen und stärkeren Warnhinweisen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,706591,00.html
Seit über 10 Jahren wissen führende Mitarbeiter von GlaxoSmithKline, dass sie deshalb viel Geld verdienen, weil sie hunderte von Todesfällen dafür in Kauf nehmen. Die Sprecherin des Unternehmens in Deutschland verdient ihr Geld deshalb, weil ihr die Wahrheit egal ist bzw. egal sein muß, möchte sie den Job behalten. Aktionäre von GlaxoSmithKline, da geht es schon mehr in die Breite, wer alles vom Erfolg von Abandia finanziell profitiert, die schützen sich vermutlich alle mit "Unwissenheit". Selbst der Beraterstab einer Behörde, welche die Interessen der Bevölkerung schützen sollte (theoretisch), hat praktisch nichts dagegen einzuwenden, dass weiterhin Menschen ein tödlich gefährliches Medikament einnehmen müssen. Die Opfer bezahlen die Täter. Weshalb sind diese Berater (da gibt es auch sicher Namen wie die alle heißen) so undustriefreundlich ? - Beraten die auch GlaxoSmithKline und Konsorten oder welche sonstigen "Annehmlichkeiten" sind mit im Spiel. Eine ehrliche, am Volkesinteresse orientierte Haltung steckt nicht dahinter. Eine rundum korrupte Sache.
rkinfo 15.07.2010
2. Leichte Auffälligkeiten ...
Zitat von sysopDas Diabetes-Mittel Avandia soll an Hunderten Todesfällen beteiligt sein: Trotzdem hat sich ein Beratergremium der US-Gesundheitsbehörde dafür ausgesprochen, dass Hersteller GlaxoSmithKline das Medikament weiter vermarkten darf - allerdings mit Einschränkungen und stärkeren Warnhinweisen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,706591,00.html
Das Medikament ist auffällig geworden. Was aber nicht bedeutet dass nun reihenweise dessen Nutzer tot umfallen. Tatsächlich sind die Todesraten statistisch leicht auffällig vs. normalen Todesraten in jener Bevölkertungsgruppe. Und schon die Schweinegrippe (US Herbst/Winter) könnte hier mehr Verwerfungen ergeben haben als das Mittel selbst. Es gibt andere Mittel mit anderen Riskiken bis Nebenwirkungen. Man könnte natürlich neu entwickeln - auch hier viele Risiken und natürlich unzählige Tierversuche im Vorfeld. Da macht es Sinn ein Mittel erst mal intensiv weiter zu beobachten und die Nutzer zu sensibilisieren. Am Ende liegts vielleicht nur an Quereffekten mit anderen Medikamenten die obige Krankengruppe zu sich nimmt. Dass sich die Konkurrenz klammheimlich freut und Esoteriker wie Homöopathen jetzt Sektkorken knallen lassen sollte man ebenso berücksichtigen. "Never change a running system" - da sind auch Auffälligkeiten der Komplikationen und Todesfälle kein Grund diese alte Technikerregel zu ignorieren.
H. Krämer, 16.07.2010
3. Klingt fast wie Pharma-Lobby-Arbeit
Zitat von rkinfoDas Medikament ist auffällig geworden. Was aber nicht bedeutet dass nun reihenweise dessen Nutzer tot umfallen. Tatsächlich sind die Todesraten statistisch leicht auffällig vs. normalen Todesraten in jener Bevölkertungsgruppe. Und schon die Schweinegrippe (US Herbst/Winter) könnte hier mehr Verwerfungen ergeben haben als das Mittel selbst. Es gibt andere Mittel mit anderen Riskiken bis Nebenwirkungen. Man könnte natürlich neu entwickeln - auch hier viele Risiken und natürlich unzählige Tierversuche im Vorfeld. Da macht es Sinn ein Mittel erst mal intensiv weiter zu beobachten und die Nutzer zu sensibilisieren. Am Ende liegts vielleicht nur an Quereffekten mit anderen Medikamenten die obige Krankengruppe zu sich nimmt. Dass sich die Konkurrenz klammheimlich freut und Esoteriker wie Homöopathen jetzt Sektkorken knallen lassen sollte man ebenso berücksichtigen. "Never change a running system" - da sind auch Auffälligkeiten der Komplikationen und Todesfälle kein Grund diese alte Technikerregel zu ignorieren.
Leichte statistische Auffälligkeit: ca. 300 Tote allein im III.Quartal 2009 in den USA lt. US-Senats-Bericht; keine BILD-Schlagzeile. 304 Tote in einem Quartal, das ist leicht auffällig. Winterliche (Schweine-) Grippe schuld: Im III.Quartal (Juli, Aug. Sept.) ist noch nicht so heftiger Winter; bei heute bis zu +35°C hole ich mir höchstens wegen der Klimaanlage eine Erkältung. Und selbst ein Pflegehelfer dürfte grob zwischen Grippe und Herzinfarkt zu unterscheiden wissen, dass die Verwerfungen nicht allzu groß werden ;) Andere Mittel auch nicht unbedenklich : Was haben andere "bedenkliche" Arzneimittel mit der Entscheidung von GSK zu tun, ein Jahrzehnt lang ein nach eigenen Erkenntnissen riskantes Mittel zu verkaufen; ohne die Käufer über die bekannten Risiken zu informieren. Nutzer sensibilisieren: Wie soll das gehen ? Nur eine halbe Tablette nehmen oder mal einen Tag auslassen ? Oder schon mal Adressen von Beerdigungs-Instituten im Beipackzettel aufführen ? Konkurrenz und Homöopathie-Esoteriker freuen sich, was berücksichtigt werden muss: Hmm, wie soll man das berücksichtigen im Hinblick auf das Gefährdungspotenzial von Avandia ? Never change a running system: Diese alte Techniker-Regel gilt nicht, wenn das System Tode produziert, außer man nimmt es als Nebenwirkung bewusst in Kauf. Eine alte Verkäufer-Regel sagt: Akzeptiere nie Einwände in der Qualität "das haben wir schon immer so gemacht". Die ersten Bronze-Werkzeuge konnten nur deshalb verkauft werden, weil clevere Verkäufer das Running-Steinwerkzeug-System nicht als Totschlagargument gegen eine Neuerung gelten ließen. ----- Wenn selbst ein US-Senat oder ein interner US-Regierungsbericht trotz massivster Lobby-Arbeit gegen ein Medikament Stellung beziehen, müssen schon erdrückende Argumente vorliegen.
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